Mikro & makro

Es ist seit seiner Gründung Anliegen des „Café KPÖ“ die Leser*innen zu einem alternativen Blick auf die Welt einzuladen. Das betrifft nicht nur die Texte dieser kleinen Postille, sondern auch die Bilder. Aus diesem Grunde haben wir zumeist auf eine illustrierende Bebilderung der Artikel verzichtet. Nichts wäre ermüdender, wenn, um ein Beispiel zu nennen, ein Artikel über das Grundeinkommen mit einem Bild von Geld ergänzt wäre. Deshalb brachten wir zumeist Bilderstrecken die einen eigenen Kommentar zu den Dingen darstellten. Mal ironisch, mal künstlerisch, mal brachial, meist sarkastisch, die Bilder waren ein stets eigenständiger Kommentar.

Ab der vorliegenden Ausgabe wird der Fotograf Dieter Decker die Bilder beisteuern, der es auf immer wieder neu Weise schafft, die Betrachter*innen zu überraschen und einen faszinierenden Blick auf die kleinen wie großen Welten zu lenken. Dinge, Ausschnitte, Strukturen, Farben der Formen die man schnell einmal übersieht, rückt er in den Fokus und erschafft so Bilderwelten, die immer wieder für Verblüffung sorgen.

Eine spannende Lektüre und Kraft zum Widerstand wünscht Ihnen für die Café-KPÖ-Redaktion

Franz Fend

Techno Power

Mein technisches Studium habe ich 2012 mit 47 Jahren an der FH Wels abgeschlossen. Der Studiengang Produktdesign und Technische Kommunikation war auf „Wiedereinsteigerinnen“ ausgerichtet, die vom Arbeitsmarktservice dazu eingeladen wurden, welches auch die Kosten für das Einkommen in Höhe des Arbeitslosengeldes übernahm.

Die meisten Kolleginnen hatten kleine Kinder, etwa die Hälfte des Lernstoffs war zu Hause zu erarbeiten. Das wird vielen Frauen, die jetzt Homeoffice plus Homeschooling aufgebrummt bekommen, gut bekannt sein. Zu Hause arbeiten und „nebenbei“ die Kinder beaufsichtigen. In der Realität schaut das dann so aus, dass die Mütter die Lern- und Arbeitszeit eben von ihrer Nachtruhe abzwacken.

Trotz aller Schwierigkeiten ist das Programm Frauen in Handwerk und Technik (FIT) eine Erfolgsgeschichte, alle Kolleginnen hatten danach einen gut bezahlten Job. FIT existiert nach wie vor, entscheidend ist dafür aber, ob es auch offensiv beworben wird, damit Frauen überhaupt davon erfahren. Für das Arbeitsministerium hat die Höherqualifizierung von Frauen offenbar keine Priorität.

Wer soll denn mit den Kindern lernen, wenn sich die Frauen in die Fertigungshalle oder ins Forschungslabor vertschüssen? Na eben!

Bärbel Rinner

Mitmachen!

Die Grünen versagen gerade als Regierungspartei kläglich. Die Opposition zeigt kein klares Bild. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie sind aber klare Entscheidungen und Haltungen notwendig. Wir wollen, dass in Österreich und im Bundesland wieder Politik im Sinne der Menschen und nicht in erster Linie für die Wirtschaft, Konzerne und Reiche gemacht wird.

Gerade in Oberösterreich als „Exportland Nummer eins“ und mit einer rechten ÖVP-FPÖ-Koalition steht aber die Industrie im Mittelpunkt. Das hat viele negativen Auswirkungen: Verfilzung mit Konzernen, Ausplünderung der Gemeinden, Bodenversiegelung und Zersiedelung, Sozialabbau, Diskriminierung, ungleiche Löhne, etc. sind fast nirgends so ausgeprägt wie hierzulande.

Was fehlt ist eine starke linke und soziale Alternative. Deshalb wollen wir im September in Oberösterreich antreten – als KPÖ und im Bündnis mit anderen die genug vom „Immergleichen“ haben und sich einen Kurswechsel nach links wünschen. Mach mit! Kandidiere für die KPÖ oder für eine linke Liste in deiner Gemeinde bei den oberösterreichischen Gemeinderatswahlen Ende September 2021.

Für mehr Infos melde dich unter: Mail ooe@kpoe.at oder Mobil +43 699 16111901, Web ooe.kpoe.at/mitmachen

Flitzer

Nachdem zigtausende Juden Berlin unter den Nationalsozialisten verlassen mussten, versuchten einige von Ihnen im Untergrund unterzukommen und sich in der Stadt zu verstecken. Das Verstecken wurde als flitzen bezeichnet.

Einer von ihnen war Cioma Schönhaus, ein ausgebildeter Grafiker, der sich als Passfälscher über Wasser halten konnte und vielen Hunderten dadurch zum Überleben verhalf. Doch wurde auch er verraten und die Nazis suchten ihn mittels Fahndungsbrief. So blieb ihm nurmehr die Flucht. Er beschloss mit dem Fahrrad in die Schweiz zu flüchten.

Kein leichtes Unterfangen als Jude. Immer wenn er nach seiner Identität gefragt wurde, gab er sich als strammer Gefolgsmann Hans Brück auf Erholungsreise aus. Noch zuvor, als er seine Tour in Angriff nehmen wollte, überstanden er und sein Fahrrad knapp einen Bombenangriff auf Berlin.

Am Gendarmenmarkt besorgte er sich alle notwendigen Straßenkarten, um sodann in acht Tagen 1000 Kilometer über Potsdam, Bamberg, Stuttgart bis nach Öhningen an der Schweizer Grenze zurückzulegen. Per pedes überschritt er am Ende einen Grenzbach in die rettende Freiheit.

Hans Staudinger

Hilfe verweigert

Dass hinter von der Politik versprochenen Hilfen oft nicht mehr steckt als medial vollmundig Präsentiertes, beweist der Linzer Solidaritätsfonds. Dieser Fonds wurde als Stadtsenatsbeschluss nachträglich im Gemeinderat abgesegnet und trat im April 2020 in Kraft. Ziel des mit einer Millionen Euro dotierten Solidaritätsfonds war es, durch Corona in Not geratenen Menschen, die Einkommensverluste erlitten oder außergewöhnliche Belastungen erfahren haben, finanziell unter die Arme zu greifen. So weit so gut.

Eine KPÖ-Anfrage zur Ausschöpfung des Fonds im Herbst wurde vom Bürgermeister kurz vor Jahresende beantwortet. Das Ergebnis: Lediglich 3.000 Euro waren zu diesem Zeitpunkt an neun Förderwerber ausgezahlt, 104 Förderanträge zurückgewiesen worden. Enge Förderkriterien und Bürokratismus machten den Fonds zur unüberwindbaren Hürde für Hilfesuchende.

Der Bürgermeister gelobte die Evaluierung und Neuaufstellung des Fonds für 2021. Die Frage warum nicht bereits im Sommer erkennbare Mängel behoben wurden, blieb er allerdings schuldig. Man hatte wohl gehofft, dass niemand nachfragt und die Sache sich still und heimlich per Fristablauf von selbst erledigt. Zu Lasten der Hilfsbedürftigen, die im Regen stehen gelassen wurden.

Gerlinde Grünn

Turmbau zu Linz

Ein architektonisches Projekt der Superlative soll bis 2025 auf der nicht denkmalgeschützten Westseite der Tabakfabrik entstehen. Und weil es in Linz nicht anders geht, gehört da auch ein Turm dazu.

Nicht irgendein Turm, es wird der höchste Turm der Stadt. 109 Meter für Büros und ein Hotel. Also sogar der höchste Büroturm außerhalb der Bundeshauptstadt. Daneben werden noch einige kleinere Häuser gebaut in denen neben Handelsflächen und natürlich den in der Stadt „dringend“ benötigten weiteren Büros auch ein bisschen was fürs Wohnen getan wird.

Immerhin sollen die 190 Wohneinheiten laut Homepage vermietet werden. Angaben über die Höhe der Mieten werden allerdings nicht gemacht. Ob leistbares Wohnen im Sinne der Wirtschaftlichkeit der Projekt GmbH ist, sei einfach mal dahingestellt. Leistbarer „Wohnraum“ könnte ja dann auch an ganz anderer Stelle entstehen. Auch da mit einer genialen Aussicht und Micro-Apartments in einem allerdings wesentlich kleineren und älteren Turm.

Denn ein Blick auf die Homepage von „Quadrill“ verrät zudem, dass das Arcotel, direkt gelegen an der Donaulände, in das Neue Babel der Linzer Stadtentwicklung umziehen wird.

Sven Janson

Männergewalt

Jedermann weiß, dass zum Streiten zwei gehören. Wenn der Streit „ausufert“, ist jemand verletzt oder tot. Das sind meist die Frauen. Sie wird es schon irgendwie herausgefordert haben, sie hat ihn provoziert/betrogen/verlassen.

Das „Ehedrama“ geht in Österreich für Frauen besonders oft tödlich aus, 2021 haben schon sechs Männer gemordet, wir haben Anfang Februar. Sind die Taten allein schon schrecklich genug, setzt der Boulevard hämisch noch eins drauf, mit Victim-blaming und großem Mitgefühl für den Täter, der „keinen anderen Ausweg mehr sah“ und in verständlicher Erregung leider zu weit gegangen ist.

Nicht nur Kleinformat und Krawallblatt, auch konservative Zeitungen vermitteln, die Opfer von Gewalttaten seien einer Art Naturkatastrophe zum Opfer gefallen. Tragisch, aber leider nicht zu verhindern: „Familientragödie: Dreifache Mutter (35) wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Sie wies mehrere Stichverletzungen auf.“

Gegen Gewalt hilft Prävention in vielerlei Form, nicht zuletzt gleiche Bezahlung, um Unabhängigkeit zu gewährleisten. Gegen idiotische Berichterstattung helfen Leser*innenbriefe, jedes Mal, möglichst viele, möglichst deutlich.

Bärbel Rinner

Weibliches Ebel

Im März 2020 stimmte der Gemeinderat dem gemeinsamen Antrag der Grünen und der KPÖ zu, alle Verkehrswege im künftigen Stadtteil „Garten Ebel“ nach Frauen zu benennen. Ein dringend notwendiges Zeichen, denn derzeit sind nur 47 der insgesamt 1.152 Linzer Straßen nach Frauen benannt – hingegen 510 nach Männern.

Der KPÖ gelang es bereits zwei Straßenbenennungen nach Frauen durchzusetzen: 2006 ehrte die Stadt die im Lager Schörgenhub ermordete Gisela Tschofenig-Taurer (1917–1945), 2011 erfolgte diese Anerkennung für die Schriftstellerin Henriette Haill (1904–1996).

Die KPÖ hat zudem eine Liste mit zahlreichen Persönlichkeiten für eine Würdigung im „Garten Ebel“ erstellt. Neben Anna Gröblinger, Margarete Müller, Elisabeth Rechka, Theresia Reindl, Cäcilia Zinner und vielen weiteren ist hier die 2010 verstorbene Schriftstellerin Eugenie Kain hervorzuheben.

Kain setze sich in ihren Werken mit den städtischen Randzonen und deren Bewohner*innen auseinander, beschrieb deren Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse. Sie gewann zahlreiche Literaturpreise, war Redakteurin der Stadtzeitung „hillinger“ und Mitbegründerin der Linzer Obdachlosenzeitung „Kupfermucken“.

Peter März

Pseudo-Barrierefreiheit

Seit wir am südlichen Stadtrand von Linz wohnen, ist eine Fahrt „in die Stadt“ fast ein Erlebnis. Mit einem gewissen Urlaubsgefühl auf der Landstraße zu flanieren ist etwas ganz anderes als am alten Wohnort im Domviertel von den SUVs der Bobos bedrängt zu werden.

Von einem Lockdown ist dabei nichts zu merken. Die Leute tummeln sich zuhauf, seit die Geschäfte wieder offen sind. Eine neue Strategie, ein langfristiges Konzept und einen tauglichen Impfplan gibt es nicht. Riesige Werbeeinschaltungen für eine Impfung, die gar nicht verfügbar ist, machen auch mich schön langsam wütend.

Noch um einiges wütender macht mich der unsägliche Plan, eine Rolltreppe auf den Schlossberg zu bauen. Mit dem Pseudoargument der Barrierefreiheit (Rolli, Rollator und Kinderwagen auf der Rolltreppe?) soll uns ein völlig absurdes und unheimlich teures Projekt aufs Aug gedrückt werden. Vorerst hat der Gestaltungsbeirat nein gesagt, sämtliche Architekt*innen protestieren, ebenso die Anrainer*innen. Einer der schönsten Plätze von Linz würde dadurch zerstört, und zwar unwiederbringlich.

Lasst es einfach bleiben rät dringend Irene Ira

Molotov an der Donau

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Am Tag vor Neujahr saßen Groll und der Dozent mit einer Flasche portugiesischen Weißwein und einem Karamellkuchen an der Buddhistischen Pagode beim Donaukraftwerk Freudenau auf einer Bank und beobachteten den Schiffsverkehr. Herr Groll schwelgte in Erinnerungen an das Donaurestaurant Berger, das sich einst auf der Dammkrone befand. Dort habe bis weit in die Nullerjahre des neuen Jahrhunderts eine brasilianische Köchin schmackhafte brasilianische und portugiesische Gerichte zubereitet. „Die groß gewachsene Frau war wunderschön, sie war die Gattin des Eigentümers, eines Wieners, der mit ihr im Winter in Belo Horizonte und die restliche Zeit in Wien lebte, zumindest bis zur großen Finanzkrise des Jahres 2008. Unter den Süßspeisen, die sie zubereitete, ragte besonders ein portugiesischer Kuchen namens Molotov hervor.“

„Seltsamer Name“, sagte der Dozent. „Hat er etwas mit dem langjährigen sowjetischen Außenminister Molotov zu tun?“

„Keine Ahnung“, sagte Herr Groll und schenkte seinem Freund mit den Worten „Es muss nicht immer Veltliner sein“, vom fruchtigen Vinho Passado von den Azoren ein. „Hier! Kosten Sie! Er war beim Diskonter im Angebot. Ein Wein von den Azoren, der in Wien um einsachtzig verkauft wird! Ein Lob auf den Kapitalismus! Von der Brasilianerin weiß ich nur, daß Molotov eine Eischnee- und Puddingspeise ist, die zum Abschluss eines üppigen Fischessens gereicht wird. Sie gilt auch als eine der Lieblingsspeisen von Diabetikern, die gern mittels Molotov assistierten Suizid begehen. Ich darf das sagen, weil ich auch dieser Elitetruppe angehöre und zu jedem Verbrechen fähig bin, um an Zucker zu kommen. Für ein Blech Molotov, das 8 Portionen ergibt, rechnet man 11 Stück Eiklar, 10 Esslöffel Zucker – man kann je nach Geschmack auch einen Kilo nehmen, ferner ein Viertelkilo selbstgemachtes Karamell, einen halben Kilo Butter und ein paar Orangenzesten, es kann aber auch alles ganz umgekehrt sein, wie gesagt, je nach Geschmack.“

„Das klingt gefährlich – und fantastisch. Aber wieso denken Sie an Selbstmord? Noch dazu einen assistierten? Sie wollen doch immer alles selbst machen?“

„Weil die österreichische Hochjustiz sich seit neuestem gegen behinderte Menschen verschworen hat.“

Das müsse er näher ausführen, sagte der Dozent neugierig.

„Bisher war es so, daß die obersten Gerichtshöfe sich um uns nicht gekümmert haben, und das war gut so. Die 2007 eingeführte Ergänzung im § 7 Bundesverfassungsgesetz, demzufolge behinderte Menschen wie andere Gruppen vor Diskriminierung geschützt seien, war nur eine Schaumschlägerei, Dennoch ließen sich die Behindertenverbände und die Grünen zu Freudenausbrüchen hinreißen. Ich habe damals vergeblich vor der Heuchelei gewarnt. Was die Behindertenfunktionäre nämlich nicht bedachten, war der Umstand, daß ein Verfassungsgrundsatz gesetzlicher Ausführungen durch Bundesgesetze und Verordnungen mit Strafbestimmungen bedarf, um wirksam zu werden und genau die hat man nicht eingerichtet. Der Verfassungszusatz ist ein Muster ohne Wert. Gut fürs internationale Parkett, aber nicht brauchbar für die heimischen Tanzböden. Aber, wie gesagt, das war die gute alte Zeit.

Im Corona-Jahr allerdings haben zwei oberste Gerichtshöfe Gesetze sanktioniert, die nicht nur für uns bedrohlich sind. So hat der Verwaltungsgerichtshof ‚erkannt‘, daß ein vom staatlichen Arbeitsmarktservice verwendeter neuer Algorithmus behinderte Menschen ohne Ansehen von Person und Ausbildung automatisch in jene Gruppe von Arbeitnehmern einreiht, für die es die geringsten Förderungen gibt, wodurch sich die ohnehin skandalös hohe Arbeitslosenrate behinderter Menschen, die um die 45 Prozent liegt, weiter erhöhen wird. Und kurz vor Weihnachten entschied der Verfassungsgerichtshof, der bislang alle Formen von Euthanasie strikt abgelehnt hat, daß assistierter Suizid bei vermeintlich unerträglichem Leid straffrei sei. Die Büchse der Pandora ist damit auch in Österreich geöffnet worden, behinderte Menschen sind fortan einem Dauerdruck zur vorzeitigen Beendigung ihres Lebens ausgesetzt.“

„Und deswegen planen Sie vorsorglich erweiterten Suizid mittels einer Zuckerbombe namens Molotov.“ Der Dozent nahm einen großen Schluck vom Wein.“ Wie ging es mit dem Restaurant weiter?“

„Auf meine seinerzeitige Frage, wie sich die Finanzkrise in Brasilien auswirke, antwortete der Eigentümer: „‚Katastrophal! Sie wissen ja, zu viele Juden!‘ Kurz darauf ging der Laden in Konkurs.“