Die Ehrenmänner von Graz

Herr Groll auf Reisen: Groll und der Dozent erörtern ein kleines politisches Erdbeben. Von Erwin Riess

Herr Groll und der Dozent waren im Wiener Stadtpark unterwegs. Ihr Ziel war das Nobelrestaurant Steirereck, das jahrelang unter den zehn besten Restaurants Europas gelistet war.

„Die Großdemonstration gegen Lockdown & Impfpflicht vom Wochenende war im negativen Sinn beeindruckend“, meinte der Dozent.

„Sie zeigte, daß die FPÖ, die die Pandemie mit Entwurmungsmittel für Pferde behandeln will, ein Drittel der Bevölkerung hinter sich weiß“, bekräftigte Herr Groll.

Sie passierten die berühmte Statue mit dem fidelnden Johann Strauß.

„Kein Regierungsmitglied getraut sich, die Wahrheit auszusprechen. FPÖ-Hochburgen sind für den Zusammenbruch des Spitalssystems verantwortlich. Nirgendwo sonst werden Corona-Partys veranstaltet“, klagte der Dozent.

„Mit Feigheit und Duckmäusertum werden wir die Freunde des Coronavirus nicht heimgeigen können“, versetzte Herr Groll nach einem Blick auf den Walzerkönig. „Im übrigen wär das ein guter Name für die Freiheitlichen: ,Partei zur Unterstützung des Coronavirus (PUC)‘!“

Der Dozent lächelte. „Der Name könnte lautmalerisch für eine Corona-Impfung stehen. Puk, und die Sache ist erledigt.“

„Das wäre ein Zusatznutzen, die Dialektik schläft bekanntlich nicht“, erwiderte Groll.

„In den Augen der Covid-Leugner ist die Absage des Steirer-Balls in Wien die wahre Katastrophe“, fuhr der Dozent fort. „Das wichtigste Ereignis der Ballsaison, wichtiger als der Opernball, der Akademikerball, der Ärzteball und der Zuckerbäckerball zusammengenommen, wird auf Mai verschoben. Die braun gewandeten Recken und ihre drallen Mädel in Murgrün trifft das wie ein Keulenschlag. Wer nicht am Steirerball gesehen wird, ist in der feinen Gesellschaft ein verlorenes Kopipsel*), ein Nebochant, mit einem Wort: ein Nullum. Er ist so gut wie tot, sozial tot. Der Steirerball ist ein absolutes Muß. Zehntausend Teilnehmer, Hektoliter von Kernöl, Dirndl und Trachtenjanker mit Diamantenbesatz und steirisches Bier in Strömen.“

„Mir fehlen die Worte“, sagte Herr Groll und grinste.

„Den Steirern auch“, bekräftigte der Dozent. „Sie sind untröstlich. Es gibt allerdings eine Trachtenjanker- und Heimatpartei, die angesichts der Absage des volkstümlichen Hochamts frohlockt.“

„Die PUC!“ rief Groll.

„Die honorigen Herren der Grazer FPÖ“, sagte der Dozent. „Durch die Absage der Tanzveranstaltung ersparen sie sich unangenehme Fragen. Die Partei, die nach dem Wahlsieg der KPÖ große Töne spuckte, ist bis auf die Knochen blamiert. Elke Kahr, die neue kommunistische Bürgermeisterin von Graz, vertrete eine Ideologie, die schon im letzten Jahrhundert ausgerottet hätte werden müssen, ließ der Grazer FPÖ-Chef verlauten.“

„Sage niemand, die Blutsäufer hätten es nicht versucht“, warf Herr Groll ein. „Die jüdische Gemeinde wurde nahezu ausgelöscht.“ „Halten wir fest: Die gesamte FPÖ-Führung in Graz ist nach einem Gagenskandal zurückgetreten“, bilanzierte der Dozent. „Vizebürgermeister und Klubobmann genehmigten sich Extra-Gagen aus Steuertöpfen. So kamen einige hunderttausend Euro zusammen, mit deren Hilfe Luxusautos, Luxusurlaube und der Besuch von Luxusrestaurants finanziert wurden.“

„Da versteht man die Empörung der Freiheitlichen über die Grazer KPÖ, deren Mandatare seit Jahrzehnten zwei Drittel ihres Gehalts in einen Fonds einzahlen, aus dem für arme und ausgegrenzte Menschen Unterstützungen, Wohnungssanierungen und andere Hilfen bestritten werden. In den Augen der Kleptokraten ist das ein stalinistisches Politverbrechen!“

„Anfang November erschütterte eine weitere Hiobsbotschaft die Partei“, setzte der Dozent fort. „Der freiheitliche Finanzreferent veruntreute 500.000 Euro.“

„Die Partei sollte sich doch umbenennen“, beharrte Groll. „Wissen Sie, wo der zurückgetretene Parteichef der FPÖ mit dem schönen Namen Eustacchio – er entstammt einer Unternehmerfamilie aus Treviso – seine ersten Sporen verdiente?“

Der Dozent antwortete nicht.

„Er betreute vermögende Kunden beim Bankhaus Krentschker, welches in der NS-Zeit die den Juden gestohlenen Gelder für die NSDAP verwaltete.“

„So schließt sich der Kreis“, sagte der Dozent und deutete auf das Dach des Restaurants “Steirereck“, das hinter den Büschen auftauchte.

*) ein Kopipsel ist ein kleines Etwas, größer als ein Krümel aber kleiner als eine Kathedrale. Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Manche Experten tippen auf Rotwelsch

Einmal gleich richtig

Linz will wachsen, jedoch wohin? Im Norden das Mühlviertel, im Westen Leonding, und im Osten begrenzen Stadtautobahn, Industrie und Hafen die Stadt. Also bleiben nur Verdichtung und Ausweitung in den Linzer Süden.

Die neueren Hochhäuser wie Bruckner Tower und Lentia Terrassen tragen zur Verbesserung der Wohnsituation nichts bei, „Normalverdiener*innen“ können sich das Wohnen hier unmöglich leisten. Auch ist Verdichtung nur begrenzt möglich, da nicht jeder grüne Fleck verbaut werden kann.

Dementsprechend wehren sich Anwohner*innen, und haben auch manchmal Erfolg damit, wie das verhinderte Tiefgaragenprojekt unter dem Andreas-Hofer-Platz gezeigt hat. So bleibt nur noch der Linzer Süden für den Wohnungsbau, und gerade dort soll eine neue Autobahn direkt durch das Wohngebiet führen. Es gab heftige Gegenwehr, 5.000 Unterschriften wurden gesammelt, um diesen Wahnsinnsplan zu durchkreuzen.

Mittlerweile sind alle Gemeinderatsfraktionen dagegen, die Verhinderung scheint vorläufig gelungen zu sein. Interessant wird noch die öffentliche Anbindung der neuen Wohngebiete, die hier entstehen sollen. Ein heißer Wunsch an die Stadtplaner*innen: macht es doch einmal gleich richtig!

ersucht Eure Irene Ira

Sieben Brüder

Am 25. Juli 1943 war die Freude groß in Campegine, im kleinen Ort zwischen Parma und Reggio Emilia. „Der Duce ist weg!“, posaunten es Radfahrer durch die Straßen. Mussolini musste abtreten, was das Ende des italienischen Faschismus bedeutete. Dies veranlasste die Familie Cervi dazu, ein großes Fest am Marktplatz auszurufen: Die Pastasciutta antifascista!

Alle kamen, um dieses Ereignis gebührend zu feiern. Aber die Freude war nicht von langer Dauer. Die von den Alliierten zurückgedrängten Nazis durchstreiften Italien Richtung Norden und hinterließen eine blutige Spur von Mord und Totschlag. Dem stellte sich die Resistenza entgegen.

Besonders hoben sich die Brüder der Familie Cervi hervor, die in der großen Ebene mit ihren Rädern unterwegs waren, um den Widerstand zu mobilisieren und die eine oder andere überraschende Guerilla-Aktion vom Fahrrad aus zu erledigen. Sie fuhren so viel Rad, sie brauchten den Vergleich mit Scorticati, dem Radchampion aus Reggio, nicht scheuen.

Im Zuge einer nächtlichen Vergeltungsaktion der Faschisten wurden die sieben Cervi-Brüder gefangen genommen und am 28. Dezember 1943 erschossen.

Hans Staudinger

Stand to Fall

„Oberösterreich bekennt sich zur Fortführung einer restriktiven Migrationspolitik“ steht im schwarz-blauen „Regierungsprogramm 2021–2027“. Wird das aber wörtlich genommen, gibt sich ÖVP-Landesrat Hattmannstorfer, zuständig für Soziales und Integration, empört: „Dieser Hass und dieses Gedankengut machen mich sprachlos“ (OÖN, 30. 10. 2021).

Anlass ist die Kampagne der Identitären gegen einen Gedenkort für auf der Flucht gestorbene Menschen. Im September hatte ein Trupp dieser modernen Nazis das Pastoralamt gestürmt – ein Schuss ins eigene Knie, wie die Empörung (nicht nur) kirchlicher Kreise zeigte.

2016 posierte FPÖ-Boss Haimbuchner in der Landesillustrierten „Unser Oberösterreich“ mit Stefan Magnet und sah auch in Aufträgen für dessen Werbeagentur auf Landeskosten kein Problem: „Er ist ein unbescholtener Bürger“ (OÖN, 11.9.2021) Magnet gehörte 2003 bis 2008 dem rechtsextremen BFJ an, ist aktuell Drahtzieher für einen „Aufstand“ der Coronaschwurbler und im Umfeld der Identitären aktiv.

Auch zum rechtsextremen Zentrum in Steyregg schweigt die ÖVP. Obwohl die Identitären als „verfassungsschutzrelevante Gefährdergruppe“ mit „rassistisch-fremdenfeindlicher Überzeugung“ eingestuft werden.

Leo Furtlehner

Foto: Überfall von Identitären auf das Pastoralamt in Linz

Im Gedächtnisbuch

Peter März über die kommunistische Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig-Taurer.

Das „Gedächtnisbuch Oberösterreich“ sammelt seit 2019 Biografien zu Personen, die Widerstand gegen das NS-Terrorregime geleistet haben oder die von diesem System verfolgt waren. Die einzelnen Beiträge stammen dabei von Menschen oder Initiativen, die einen persönlichen, örtlichen oder inhaltlichen Bezug zu diesen Personen haben. Zunächst wurde das so entstandene Buch im Linzer Mariendom vorgestellt und ab Mai 2022 soll es auch im Schlossmuseum Linz der Öffentlichkeit zugänglich sein. Geplant ist zudem eine regelmäßige Erweiterung.

Für 2021 sind Leopold Arthofer, Johann Gruber, Leopold Kotzmann, Aloisia Leithenmüller, Albine Rosenfels, Charlotte Taitl, Hugo Walleitner, Alois Zierler sowie die Kommunistin Gisela Tschofenig-Taurer aufgenommen worden.

Gisela Taurer, geboren am 21. Mai 1917 in Kärnten, zog mit ihrer Familie 1935 nach Linz, ein Jahr später nach Leonding. Sie absolvierte die Schule und fand eine Anstellung bei der Reichsbahn. Im April 1937 machte sie sich gemeinsam mit Margarete Gröblinger auf den Wege zu den spanischen Interbrigaden, scheiterte jedoch und blieb bis April 1938 in Lyon. Zurück in Österreich arbeitete Taurer als Kassierin am Linzer Hauptbahnhof.

Sie engagierte sich für die illegale KPÖ, leistete Kurierdienste und schrieb Flugblätter für Landesobmann und ZK-Mitglied Sepp Teufl. Von Juli 1939 bis zur Verhaftung ihres späteren Gatten Josef Tschofenig im Mai 1940 lebte sie in Berchem bei Amsterdam. Sie kehrte nach Leonding zurück und gebar im Dezember 1940 ihren Sohn Hermann. Im Juni 1944 heiratete sie in Dachau Josef Tschofenig, der im KZ eingekerkert war.

Ende September 1944 verhaftete die Gestapo Tschofenig-Taurer in Villach und überstellte sie anschließend in das Frauengefängnis Kaplanhof in Linz. Dort überstand sie den Bombenangriff am 31. März 1945 und wurde mit den anderen Überlebenden in das Arbeitserziehungslager Schörgenhub gebracht. Am 27. April 1945 wurden Gisela Tschofenig, Theresia Reindl, Risa Höllermann, Franz Popp, ein Mann namens Stadler aus Gmunden und ein unbekannter Jude erschossen.

Auf Initiative der KPÖ ist 2006 eine Straße in Linz-Ebelsberg nach Gisela-Tschofenig-Taurer benannt worden.

Salzburger Katastrophen

Herr Groll ermittelt in der Salzburger Halbwelt. Von Franz Fend

In „Herr Groll und die Wölfe von Salzburg“ ist das Personal des Romans wieder auf die Kerntruppe zusammengeschmolzen. Groll, der rollstuhlfahrende Ermittler, Josef der Zweite, Grolls Rollstuhl, hat ihn schon durch so manche aberwitzige, wie lebensgefährliche Situation manövriert hat, sowie Grolls Freund und langjähriger Gefährte, genannt der Dozent.

Im vorliegenden Groll-Roman sind die zahlreichen Handlungsstränge und unterschiedlichste Narrative, historische wie gegenwärtige, urbane wie rurale, evidente wie erfundene auf halsbrecherisch-unterhaltsame Weise vermischt, dass einem schwindlig werden könnte. Dem ursprünglichem Auftrag Grolls, den Freund der Mutter des Dozenten, einen im Rohstoffgeschäft tätigen Kapitalisten, zu finden, kommt dieser scheinbar nur schleppend nach. Zu viele Ereignisse, die ihre Ursache weit in der Geschichte haben, erfordern die Aufmerksamkeit Grolls.

Da kommen etwa die sogenannten Zauberbubenprozesse in Spiel, in welchen, historisch evident, der Salzburger Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg, mehrere hundert Kinder und Jugendliche, die sich als Bettler durchbrachten, verbrennen ließ. Dass dies rechtens war, ließ er sich von einem Innsbrucker Juristen in einem Gutachten bestätigen.

Die Tradition der gekauften Gutachten wird bis heute gepflegt. Einer der Überlebenden dieser Hexenjagd, Jakob Koller, genannt der Schinderjackl, dessen Mutter verbrannt worden ist, konnte nicht gefasst werden. Er werde als Wolf zurückkehren und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, heißt es in der Sage.

Als nun auch in Salzburg Wolfsrudel auftauchen, welche vorwiegend Uniform- und Talarträger zerfleischen, steht Salzburg knapp vor dem Ausnahmezustand. Denn darüber hinaus ist die größtmögliche Salzburger Katastrophe eingetreten, die Kartenvorverkaufsserver der Festspiele wurden gehackt und das Salzburger Credo „Die Festspiele können alles, überleben alles und wissen alles.“ kommt gehörig ins Wanken.

Riess zeichnet in einer kühnen Mischung aus Schelmenroman, historischer Abhandlung, Abenteuergeschichte und kulturphilosophischem Essay ein Bild einer vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaft, die historischen Optimismus nicht recht aufkommen lässt. Allein der sarkastische Witz der Geschichte rettet.

Erwin Riess: Herr Groll und die Wölfe von Salzburg. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2021

Oh du selige…

Geboren im Sternzeichen des gemeinen Hausschweins, aufgewachsen in einer protestantischen Familie war ich umzingelt von perfekten Hausfrauen. Mehrgängige Menüs, eine Schar Kinder aufziehen, riesige Obst- und Gemüsegärten hegen und pflegen – null Problemo! Natürlich gab’s auch in der Advent- und Weihnachtszeit ungeschriebene Gesetze: Pünktlich mussten die Fenster geputzt sein und ein gut sortierter Keksteller bereitstehen.

Traditionen gehören gebrochen: Fenster werden im Frühjahr geputzt und im Kühlregal gibt’s wunderbaren Lebkuchen-Fertigteig. Die Creaturas können mit Uromas Keksausstechern den Teig malträtieren und die Kunstwerke kreativ aufpimpen. Ich widme mich wichtigen Dingen des Lebens, etwa den neuen Jonathan Franzen zu lesen.

Trotzdem würde ich mich direkt in meine Kindheit zurückkatapultieren lassen: Ein Weihnachtsessen mit längst Verstorbenen in der Runde. Hendleinmachsuppe mit kleinen Semmelknödeln, Gefüllte Kalbsbrust mit Erdäpfeln, Kekse ohne Ende und eine spezielle Torte vom Konditor. Draußen knietief Schnee, drinnen heiß wie in der Hölle.

Zurück in der Gegenwart macht mich auch ein brennheißer Kaffee in der knackig kalten Luft am frühen Morgen am Balkon glücklich. Hör ich dann noch Weihnachtsmusik aus dem 17. Jahrhundert, ist es perfekt.

Berta Blumenkohl

Der tägliche Massenmord

Walter Baier über das Grenzregime der EU.

Wir reden vom sozialen Mord, der täglich an den, an der Außengrenze der EU gestrandeten Flüchtlingen verübt wird. Allein die Pressemeldungen einer einzigen Woche vermitteln davon ein drastisches Bild.

Am 17. November entdeckten Seenotretter vor der Küste Libyens ein Boot mit 10 Toten. Am 20. November ertranken vor Libyen 75 Menschen. Am 23. November ertranken vor der Küste Frankreichs 35 Geflohene auf einem gekenterten Boot. Die Zahl der Menschen, die seit Jahresbeginn beim Versuch das Mittelmeer zu überqueren, zu Tode gekommen sind, beträgt inzwischen 1.300.

Indessen haben, wie das on-line-Magazin, German Foreign Policy meldete, mehrere Menschenrechtsorganisationen beim Internationalen Strafgerichtshof (ICC) Strafanzeige wegen schwerster Verbrechen eingebracht, die an Flüchtlingen in den Lagern in Libyen verübt werden. Die Beschuldigungen umfassen Freiheitsberaubung, Folter, Vergewaltigung, Versklavung und Mord.

Mutmaßliche Täter sind Wächter und bekannte Milizenführer. Mit Blick auf die Flüchtlingsabwehr der EU heißt es: „Europäische Akteure“ hätten, indem sie die Flucht aus Libyen zu verhindern suchten, „die Verbrechen gegen die Menschheit“ erst ermöglicht.

Elende Verhältnisse

In seinem berühmten Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ hatte Friedrich Engels geschrieben: Wenn aber die Gesellschaft … Tausenden die nötigen Lebensbedingungen entzieht, sie in Verhältnisse stellt, in welchen sie nicht leben können, wenn sie sie durch den starken Arm des Gesetzes zwingt, in diesen Verhältnissen zu bleiben, bis der Tod eintritt, der die Folge dieser Verhältnisse sein muss; wenn sie weiß, nur zu gut weiß, dass diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen müssen, und doch diese Bedingungen bestehen lässt – so ist das ebenso gut Mord. […] Ich werde nun zu beweisen haben, dass die Gesellschaft … diesen sozialen Mord täglich und stündlich begeht. (Marx Engels Werke, Band 2, S. 325). Dieses, von Engels ausgeführte Tatbild erfüllt die Flüchtlingspolitik der EU.

Reden wir also nicht (nur) über Alexander Lukaschenko und sein zynisches Manöver, an irakische, kurdische und syrische Flüchtlinge Einreisevisa wie Flugblätter verteilt, und ihnen einen damit problemlosen Eintritt in die EU in Aussicht gestellt zu haben.

Im Schlamm und in der Eiseskälte vegetieren vor den Stacheldrahtzäunen nicht er und seine Kumpane, sondern mehrere Tausend arme Teufel, denen von der EU das, ihnen in der Genfer Flüchtlingskonvention garantierte Recht auf einen Asylantrag verweigert wird. Mit welchen brutalen Methoden sie zurückgedrängt werden, kann man anhand der bruchstückhafter Berichte, die uns erreichen, nur erahnen, hat doch die polnische Regierung Menschenrechtsorganisationen und Journalist*innen vorsorglich den Zutritt zu den Grenzbezirken untersagt.

Wollte die EU in der Angelegenheit ein Minimum an Anstand zeigen, so müsste sie die Menschen einlassen und ihre Asylanträge in einem ordentlichen Verfahren bearbeiten.

Doch ist die EU-Flüchtlingspolitik in ihrer Gesamtheit ein Hohn auf die in der Genfer Flüchtlingskonvention garantierten Rechte. Sie zu respektieren, würde sichere Korridore als Fluchtwege aus den Krisengebieten erfordern. Nur so könnte den Lukaschenkos dieser Welt und den ausbeuterischen Schleppern der Boden entzogen werden.

Rollback bei Frauenrechten

Gerlinde Grünn über internationale Kampagnen gegen Abtreibung

Für grundlegende Frauenrechte wird es wieder mal recht eng: Ob gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder reproduktive Rechte – in vieler Ländern Europas hat längst die Schubumkehr eingesetzt. Was in der Aufbruchstimmung des 20. Jahrhunderts durch eine starke ArbeiterInnen- und Frauenbewegung erkämpft wurde, ist entweder eingefroren am Status Quo oder kommt unter rechtsnationalen Regierungen zu Fall.

Die Grausamkeit des durch die rechtsnationale Regierung gegen massiven Widerstand von progressiven Kräften durchgesetzten absoluten Abtreibungsverbots in Polen beweist sich am erschütternden Tod einer schwangeren Polin. ÄrztInnen einer Klinik verweigerten ihr die Abtreibung eines abgestorbenen Fötus aus Angst vor der restriktiven Gesetzeslage. Die einunddreißigjährige Frau verstarb daraufhin an einer vom toten Fötus ausgelösten Sepsis.

Zurecht spricht das Europäische Parlament im 2019 beschlossenen Matic Bericht vom Verbot von medizinisch begleiteten Abtreibungen als Gewaltakt gegen Frauen. Auch im 21.Jahrhundert sterben weltweit Frauen an Abtreibungsverboten. Sie zwingen ungewollt Schwangere zu unsicheren und Illegalen Abbrüchen mit der Folge, dass unsichere Abtreibungen zu den fünf häufigsten Todesursachen von Schwangeren zählen.

Versorgung katastrophal

Auch in Österreich verhindert die Gesetzeslage eine Weiterentwicklung. Zwar wurde Anfang der 1970er Jahre die Fristenlösung eingeführt – die Straffreistellung eines Schwangerschaftsabbruchs in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft – aber weder wurde das Abtreibungsverbot aus dem Strafgesetzbuch entfernt noch eine flächendeckende und kostenfreie medizinische Versorgung bereitgestellt.

Scham, Stigmatisierung und Schweigen bestimmen nach wie vor die Situation von ungewollt Schwangeren in Österreich. Ein markantes West-Ost-Gefälle an Angeboten an öffentlichen Spitälern, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, spricht hier Bände.

Auch in Oberösterreich gibt es kein einziges Krankhaus außerhalb von Linz mit einem entsprechenden Angebot. Mit der Aufgabe des stadteigenen Linzer AKH und der Eingliederung in die Landesspitäler steht auch die Linzer Fristenlösungsambulanz unter politischen Druck der konservativen Kräfte. Christliche Fundamentalisten und Rechte aller Colours sägen am bis dato stillschweigenden Konsens der Minimalversorgung. Forderungen nach Entkriminalisierung, Übernahmen der Kosten durch die öffentliche Hand, flächendeckenden Ausbau der medizinischen Versorgung und Entstigmatisierung der Abtreibung bleiben ungehört.

Der jahrzehntelange Stillstand und die nur halbherzige Reform in den 1970er Jahren wird so zum Bumerang. Die Entpolitisierung der Frauenfrage, eine geschwächte Linke und die Institutionalisierung der Frauenbewegung tut ihr Übriges dazu. Die Situation ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Denn nach wie vor lehren Länder wie Argentinien, immerhin das Heimatland des amtierenden Papstes, dass die Kräfte der Reaktion kapitulieren müssen, wenn es gelingt Massenproteste zu organisieren. Vor einem Jahr stellte Argentinien auf Druck von Massenprotesten die Abtreibung straffrei und garantiert seither die Übernahme der Kosten durch die öffentliche Hand. Es geht also doch.

Teuerungsausgleich her

Thomas Erlach über Teuerung und den SWÖ-KV.

Der letzte Abschluss des Kollektivvertrags der Sozialwirtschafts Österreichs (SWÖ) brachte eine Arbeitszeitverkürzung von 38 auf 37 Stunden mit sich, die ab 1. Jänner 2022 umgesetzt wird. Dabei bleiben die Teilzeitkräfte auf ihrem bisherigen Stundenausmaß und erhalten dadurch um 2,73 Prozent mehr Lohn. Die Vollzeitkräfte erhalten eine Stunde mehr Freizeit bei gleichbleibendem Lohn.

Dieser Abschluss war ein großer Erfolg, auch wenn die 35-Stundenwoche nicht erreicht wurde. Bei diesem Mehrjahresabschluss war dem GLB immer klar, dass die Höhe der Inflationsrate dabei ein Unsicherheitsfaktor ist. Wenn die Inflation höher als 2,73 Prozent ist führt der Abschluss zu Reallohnverlusten. Vollzeitkräfte spüren das deutlicher, weil ihr Lohn gleichbleibt. Das war ein Grund, warum der GLB damals gegen diesen Abschluss gestimmt hat.

In einer Herbstsitzung der Arbeitnehmervertreter*innen wurde ein vom GLB unterstützter Antrag, wegen der hohen Inflation heuer noch einen Ausgleich nachzuverhandeln, leider mehrheitlich abgelehnt. Für die Verhandlungen wurde bisher der Jahresdurchschnitt des VPI herangezogen und der lag unter 2,73 Prozent. Das bedeutet aber, dass erst beim nächsten KV-Abschluss ab 1. Jänner 2023 die hohe Inflation berücksichtigt werden kann.

Während die Monate mit niedriger Inflation den Durchschnitt drücken, verläuft der Trend der steigenden Inflation im laufenden Jahr weiter und wird nicht sofort berücksichtigt. So sind wir mit dem Ausgleich einer höheren Inflation immer um ein Jahr im Rückstand. Es ist ein Nachteil, dass so starke Inflationsanstiege wie derzeit, erst im Nachhinein teilweise ausgeglichen werden.

Um dem Entgegenzuwirken, muss man nachverhandeln oder Abschlüsse tätigen, die so weit über der Inflationsrate liegen, dass solche Effekte vermieden werden. Mehrjahresabschlüsse erschweren die Situation zusätzlich, weil sich die Inflation, wie man sieht, schwer über mehrere Jahre vorhersagen lässt.

Die Arbeitsbedingungen im Sozialbereich müssen sich deutlich verbessern. Daher tritt der GLB für eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden im Rahmen des nächsten KV-Abschlusses ein. Und zwar so, dass dabei auch die hohe Inflation für alle Beschäftigten ausgeglichen wird.