Lagerklempner!

Die Genossin Charlotte Müller arbeitete seit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur im Widerstand. 1934 musste sie Deutschland verlassen. Sechs Jahre später wurde sie von den Nazis in Brüssel festgenommen und im April 1942 ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht.

Ihr gelang es, da sie in jungen Jahren bei Ihrem Vater das Installationshandwerk erlernte, dass sie die Nazis als Lagerklempnerin einsetzten. Sie nutzte ihre Funktion, Frauen und Kindern das mörderische Lagerleben so gut es ging zu erleichtern. Am Ende musste aber auch sie auf einen der Todesmärsche Richtung Nordwest. Hunderte Ausgemergelte schleppten sich unter dem Tempo fordernden Schreien der Nazis dahin.

Am Rande ihres Trecks fiel ihr eine Aufseherin auf, die ihr Fahrrad widerwillig vor sich hinschob. Charlotte bat um das Fahrrad und klapperte den gesamten Zug ab. Sie erkannte, dass die Hinteren nicht mit den Vorderen mithalten konnten. Indem sie wieder ganz nach vorne fuhr und dort die Lagergenossinnen aufforderte das Tempo vorsichtig zu drosseln, entgingen viele am Ende des Todesmarsch-Trecks der Erschießungswut der Nazis.

Hans Staudinger

In Auschwitz ermordet

Gerlinde Grünn über die Ausstellung Friedl Dicker-Brandeis im Lentos

Das Lentos in Linz widmet der Universalkünstlerin Friedl Dicker-Brandeis (1898–1944) eine Einzelausstellung, die man gesehen haben muss. An die 200 Ausstellungsstücke vom Möbelstück, über Zeichnungen bis zur Installation gilt es zu bestaunen und das alles eingebettet in die Erzählung ihres Lebenswegs beginnend in Wien und endend in Auschwitz.

Ganz am Anfang zieht einen ein Video „Damen im Auto“ an. Ihre betagten Freundinnen Hilde Kothny und Edith Kramer erzählen auf der Rückbank eines Autos auf der Fahrt zu einem Treffen mit viel Witz und unpathetisch über ihre Freundin und Genossin Friedl.

Friedl Dicker wurde 1898 als Tochter eines Papierwarenhändlers geboren und verlor früh ihre Mutter. Studierte an der Kunstgewerbeschule Textil, arbeitet für das Theater und folgte ihrem Lehrer nach Weimar und wurde Bauhaus-Schülerin. Mit ihrem Freund Franz Singer gründete sie in Wien ein Architekturbüro. Die von ihr entworfene Einrichtung für den Kindergarten im Wiener Goethehof findet sich in der Ausstellung wieder.

Sie war wohl zu diesem Zeitpunkt schon politisch aktiv und trat zu Beginn der 1930er Jahre der kommunistischen Partei bei. Fotomontagen etwa zum Abtreibungsverbot oder die Mitarbeit zu einem Film über „Das Kapital“ verweisen auf ihr Engagement. Leider ist der Forschungsstand zu ihrer politischen Biografie derzeit noch recht mager. Gewiss ist, dass sie im Zuge des Auffliegens einer Passfälscherwerkstatt inhaftiert wird und 1934 in die Tschechoslowakei flieht.

In Prag lernt sie ihren Mann Pavel Brandeis kennen. Bedrückt vom Vorrücken des Faschismus ziehen beide in ein kleines Dorf. 1942 werden beide ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Friedl Brandeis beginnt dort mit den Kindern zu malen und zu zeichnen, um ihnen in der schier ausweglosen Situation zu helfen. Die Kinderzeichnungen überdauerten in einem Koffer und sind in einem eigenen Raum zu besichtigen. Als ihr Mann nach Auschwitz deportiert wird, folgt sie ihm und wird ermordet.

Die Ausstellung über Friedl Dicker-Brandeis im Lentos berührt und ermutigt dazu selbst auf Spurensuche zu gehen. So verweist etwa das Bild „Fuchs lernt Spanisch“ auf den Spanischen Bürgerkrieg oder das Gemälde „Don Quijote und Lenin“ auf die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Sieben Brüder

Am 25. Juli 1943 war die Freude groß in Campegine, im kleinen Ort zwischen Parma und Reggio Emilia. „Der Duce ist weg!“, posaunten es Radfahrer durch die Straßen. Mussolini musste abtreten, was das Ende des italienischen Faschismus bedeutete. Dies veranlasste die Familie Cervi dazu, ein großes Fest am Marktplatz auszurufen: Die Pastasciutta antifascista!

Alle kamen, um dieses Ereignis gebührend zu feiern. Aber die Freude war nicht von langer Dauer. Die von den Alliierten zurückgedrängten Nazis durchstreiften Italien Richtung Norden und hinterließen eine blutige Spur von Mord und Totschlag. Dem stellte sich die Resistenza entgegen.

Besonders hoben sich die Brüder der Familie Cervi hervor, die in der großen Ebene mit ihren Rädern unterwegs waren, um den Widerstand zu mobilisieren und die eine oder andere überraschende Guerilla-Aktion vom Fahrrad aus zu erledigen. Sie fuhren so viel Rad, sie brauchten den Vergleich mit Scorticati, dem Radchampion aus Reggio, nicht scheuen.

Im Zuge einer nächtlichen Vergeltungsaktion der Faschisten wurden die sieben Cervi-Brüder gefangen genommen und am 28. Dezember 1943 erschossen.

Hans Staudinger

Im Gedächtnisbuch

Peter März über die kommunistische Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig-Taurer.

Das „Gedächtnisbuch Oberösterreich“ sammelt seit 2019 Biografien zu Personen, die Widerstand gegen das NS-Terrorregime geleistet haben oder die von diesem System verfolgt waren. Die einzelnen Beiträge stammen dabei von Menschen oder Initiativen, die einen persönlichen, örtlichen oder inhaltlichen Bezug zu diesen Personen haben. Zunächst wurde das so entstandene Buch im Linzer Mariendom vorgestellt und ab Mai 2022 soll es auch im Schlossmuseum Linz der Öffentlichkeit zugänglich sein. Geplant ist zudem eine regelmäßige Erweiterung.

Für 2021 sind Leopold Arthofer, Johann Gruber, Leopold Kotzmann, Aloisia Leithenmüller, Albine Rosenfels, Charlotte Taitl, Hugo Walleitner, Alois Zierler sowie die Kommunistin Gisela Tschofenig-Taurer aufgenommen worden.

Gisela Taurer, geboren am 21. Mai 1917 in Kärnten, zog mit ihrer Familie 1935 nach Linz, ein Jahr später nach Leonding. Sie absolvierte die Schule und fand eine Anstellung bei der Reichsbahn. Im April 1937 machte sie sich gemeinsam mit Margarete Gröblinger auf den Wege zu den spanischen Interbrigaden, scheiterte jedoch und blieb bis April 1938 in Lyon. Zurück in Österreich arbeitete Taurer als Kassierin am Linzer Hauptbahnhof.

Sie engagierte sich für die illegale KPÖ, leistete Kurierdienste und schrieb Flugblätter für Landesobmann und ZK-Mitglied Sepp Teufl. Von Juli 1939 bis zur Verhaftung ihres späteren Gatten Josef Tschofenig im Mai 1940 lebte sie in Berchem bei Amsterdam. Sie kehrte nach Leonding zurück und gebar im Dezember 1940 ihren Sohn Hermann. Im Juni 1944 heiratete sie in Dachau Josef Tschofenig, der im KZ eingekerkert war.

Ende September 1944 verhaftete die Gestapo Tschofenig-Taurer in Villach und überstellte sie anschließend in das Frauengefängnis Kaplanhof in Linz. Dort überstand sie den Bombenangriff am 31. März 1945 und wurde mit den anderen Überlebenden in das Arbeitserziehungslager Schörgenhub gebracht. Am 27. April 1945 wurden Gisela Tschofenig, Theresia Reindl, Risa Höllermann, Franz Popp, ein Mann namens Stadler aus Gmunden und ein unbekannter Jude erschossen.

Auf Initiative der KPÖ ist 2006 eine Straße in Linz-Ebelsberg nach Gisela-Tschofenig-Taurer benannt worden.

Sieben Jahre, dreizehn Tage

Hermann Langbein kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco und war anschließend in verschiedenen Lagern in Frankreich interniert, bevor er über Dachau nach Auschwitz deportiert wurde. Dort von den Nazis als Lagerschreiber eingesetzt und seiner durchaus privilegierten Stellung im Lager bewusst, versuchte er einerseits auf das Nazikommando Einfluss zu nehmen, um mildernde Umstände für die KZ-Insassen zu erwirken, und andererseits bildete er mit weiteren Mitstreitern ein internationales Netzwerk des Widerstands.

Als der Druck gegen Ende des Krieges durch die sowjetischen Truppen anwuchs wurde Langbein noch in den Norden Deutschlands transportiert. Durch einen Sprung vom Zug konnte er fliehen. Er fand Zuflucht bei einem britischen Bataillon, welches ihm eine Stelle anbot. Doch entschied er sich für die Heimreise nach Österreich. Sieben Jahre war er nun schon von zuhause weg.

Und obwohl er zuvor niemals auf einem Fahrrad saß, schnappte er sich ein Rad und fuhr in den Süden. Autokolonnen machten ihm Angst, aber es ging. In Halle erfuhr er vom Ende des Krieges und nach dreizehn Tagen erreichte er seine Heimatstadt Wien.

Hans Staudinger

Scheiß-Krieg

Alexander Scrwarzl

Der Bad Ausseer Lastenträger und Zimmerer Conrad Johann vulgo Lischka war von der Nazi-Wehrmacht eingezogen an verschiedene Fronten geschickt worden. Sein letzter Einsatz endete damit, dass er fünfviertel Jahre vor Kriegsende in einem Lazarett in Wien verbringen musste.

Im April 1945, die Lazarette waren überfüllt und der heranrückende Druck der Roten Armee schon zu spüren, entschieden sich Lischka und ein Weggefährte für die Heimreise auf Fahrrädern, welche sie von Wiener Verwandten zur Verfügung gestellt bekamen. Ihre Reise tarnten sie als Lazarettverlegung. Die dazu nötigen Papiere bekamen sie von Krankenschwestern.

Ihre Tour führte sie über Tulln, Langenlois, Maria Taferl bis nach Mauthausen. Dort und in Enns wurde es bei diversen Kontrollen brenzlig. Der Plan aber, zu zweit eine Lazarettverlegung vorzugaukeln, ging auf. In Lambach trennten sich die beiden und Lischka fuhr allein weiter.

Noch bevor er sein Ziel Aussee erreichte, begegneten ihm nach 350 Kilometern in Bad Goisern zwei junge Frauen, die ihm im heimischen Dialekt berichteten, dass dieser Scheiß-Krieg bald ein Ende hätte.

Hans Staudinger

Wege des Widerstands

Eine zeitgeschichtlicher Wanderführer: Eine dringende Empfehlung von Franz Fend

Man kann das Wandern auf sehr unterschiedliche Weise betreiben: Besinnungslos von Ziel zu Ziel stolpern, um möglichst viele Gipfel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen; für jene die den Leistungszwang der Arbeitswelt in der Freizeit nicht missen möchten, eine Option. Verträumt romantischen Naturbetrachtung wäre eine weiter Möglichkeit. Eine weitere, sehr spannende, schlagen die Autoren des Wanderführers Thomas Neuhold und Andreas Praher vor, nämlich sich wandernd mit der Geschichte der jeweiligen Region auseinanderzusetzen. Ihr Führerwerk selbst ist ein klares politisches Statement: Mit „Nie wieder Faschismus!“ Nie wieder Krieg!“ zeigen sie, dass es sie beim vorliegenden Band um keine Allerweltszeitgeschichte-Publikation handelt, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit klarer antifaschistischer Haltung. Dass dieser Wanderführer auch für die alpine Anwendung einen hohen Gebrauchswert verfügt, ist der bergsteigerischen Expertise Neuholds geschuldet. Jede Wanderung ist mit einer soliden zeitgeschichtlichen Einführung versehen, die allein, ohne Wanderung, die Lektüre lohnen.

Das Buch umfasst 35 Touren zwischen dem Krimmler Tauern im Westen und dem ehemaligen KZ Gusen im Osten, sie reichen von einfachen urbanen Spaziergängen in Salzburg und Gusen etwa, bis hin zu ambitionierten Bergtouren, wie etwa der Nagelsteig zum „Igel“, dem legendären Versteck der Salzkammergut-Partisanen von der Gruppe Willy/Fred im Toten Gebirge, oder der Fluchtroute von mehr als 5000 jüdischen KZ-Überlebenden über den Krimmler Tauern in Richtung Palästina. Mehrere Touren in diesem Buch stehen in Zusammenhang mit Sepp Plieseis’ Flucht aus dem KZ-Nebenlager in Hallein, der sich vom Salzachtal über die Osterhorn-Gruppe bis ins Tote Gebirge durchschlug. Aus oberösterreichischer Sicht interessant sind auch Geschichte wie auch Route, welche die Flucht des Nazi-Schlächters Ernst Kaltenbrunner beschreibt, aber auch dessen Verhaftung auf der Wildenseehütte im Toten Gebirge. Franz Kain hatte dem Geschehen mit der Erzählung „Der Weg zum Ödensee“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Thomas Neuhold, Andreas Praher: Widerstand, Verfolgung, Befreiung. Zeitgeschichtliche Wanderungen. Verlag Anton Pustet, Salzburg, 2020

Bild: Fluchtweg von Sepp Plieseis aus dem KZ-Außenlager Hallein ins Salzkammergut

Flitzer

Nachdem zigtausende Juden Berlin unter den Nationalsozialisten verlassen mussten, versuchten einige von Ihnen im Untergrund unterzukommen und sich in der Stadt zu verstecken. Das Verstecken wurde als flitzen bezeichnet.

Einer von ihnen war Cioma Schönhaus, ein ausgebildeter Grafiker, der sich als Passfälscher über Wasser halten konnte und vielen Hunderten dadurch zum Überleben verhalf. Doch wurde auch er verraten und die Nazis suchten ihn mittels Fahndungsbrief. So blieb ihm nurmehr die Flucht. Er beschloss mit dem Fahrrad in die Schweiz zu flüchten.

Kein leichtes Unterfangen als Jude. Immer wenn er nach seiner Identität gefragt wurde, gab er sich als strammer Gefolgsmann Hans Brück auf Erholungsreise aus. Noch zuvor, als er seine Tour in Angriff nehmen wollte, überstanden er und sein Fahrrad knapp einen Bombenangriff auf Berlin.

Am Gendarmenmarkt besorgte er sich alle notwendigen Straßenkarten, um sodann in acht Tagen 1000 Kilometer über Potsdam, Bamberg, Stuttgart bis nach Öhningen an der Schweizer Grenze zurückzulegen. Per pedes überschritt er am Ende einen Grenzbach in die rettende Freiheit.

Hans Staudinger

Nazi-Nägel

Im Juni 1933 veranstaltete der ARBÖ sein erstes großes Etappenrennen für Rennräder. In Anlehnung an die großen Europäischen Touren wie Tour de France und Giro d’Italia stand der Versuch im Zentrum, sich auch in Österreich medial mit einer kleineren Tour zu etablieren und den schwindenden Mitgliederzahlen etwas entgegen zu setzen.

Das Rennprogramm führte in drei Etappen über 555 Kilometer durch die Bundesländer Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark. Mit einem Geschwindigkeitsschnitt von beinahe 30 km/h hasteten die Rennfahrer mit ihren ein- bis dreigängigen Rennrädern über Landstraßen und Pässe. Tausende Schaulustige verfolgten das Rennen am Wegesrand und beklatschten die strampelnden Genossen.

Im Startbereich zur letzten Etappe in Bruck an der Mur streuten das Rennen sabotierende Nazis Nägel. Viertausend Fans echauffierten sich über diesen gemeinen Anschlag.

Nachdem die Straßen gereinigt wurden, konnte der Start mit kleiner Verspätung in Angriff genommen werden, und am Ende fuhr Karl Hamedl von Freiheit Hernals mit einer Gesamtzeit von 18 Stunden und 55 Minuten in Wien über die Ziellinie.

Hans Staudinger

Hunger

Eine im Widerstand gegen die Nazis wichtige Frau war Maria Ehmer aus Gschwandt bei Gmunden. Obwohl selber an großen Hunger leidend und immer in Sorge ihren Sohn Bruno durchzubringen, sammelte sie mit anderen Frauen für die „Rote Hilfe“ Geld, um es dann mit dem Fahrrad nach Ebensee zu bringen, von wo es dann an die Partisanen ins innere Salzkammergut weitergeleitet wurde.

Ihr nach dem 2. Weltkrieg geborene Sohn Josef schilderte mir folgende Geschichte: „Meine Mutter hat oft von den für sie sehr anstrengenden Fahrten mit dem Rad nach Ebensee erzählt. Die Straßen waren damals ja zum Teil noch Schotterstraßen. Einmal kam sie zu ihrer Kontaktfamilie, kommunistischen Genossen, die gerade bei einem – im Empfinden meiner Mutter – üppigen Mittagessen saßen.

Meine Mutter wurde nicht eingeladen auch nur ein bisschen mitzuessen. Obwohl sie extrem hungrig war und den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, war sie zu stolz, von sich aus um etwas zu bitten (in ihren Worten: zu betteln), und radelte hungrig den ganzen Weg wieder zurück.“

Hans Staudinger