Bevormundung nicht dulden

Mitra Shahmoradi (Malerin und Poetin) und Heinz Gärtner (Politikwissenschaftler Uni Wien) über den Aufstand der Frauen im Iran

October 5 2022, Rome Campidoglio. Action in solidarity of women and population of Iran. Activists, students and civil society act to raise awareness about Mahsa Amini and all the women of Iran are protesting in defence of their human rights. copyright Francesca Maceroni/Amnesty International Italia

Die Proteste im Iran, die sich zu Beginn äußerlich gegen die Kopftuch- Pflicht der Frauen richteten, haben sich ausgeweitet. Sie wollen die herrschende Bevormundung und dass die Religion ihr gesamtes Leben bestimmt nicht mehr dulden.

Der Ruf nach Ende der Diktatur und nach Freiheit sind aber iranische und nicht notwendigerweise westliche Forderungen. Der Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ wurde erweitert durch „Mann, Heimat, Wohlstand“. Die Jugend will ihren Iran zurückerobern. Das Land soll einheitlich bleiben. Er soll alle sozialen, regionalen, ethnischen und religiösen Schichten und Gruppierungen beiderlei Geschlechts umfassen. Das steht im Gegensatz zu den Wünschen politischer Entscheidungsträger im Westen und auch in der Region, die die Schwächung und den Zerfall des Iran entlang religiöser und ethnischer Nationalitäten kommen sehen.

Viele Forderungen der Bewegung sind nicht neu: Sie waren schon Triebkräfte der iranischen Revolution von 1979, die sich gegen das pro-westliche Regime des Schahs richtete. Ein Großteil blieb allerdings nicht nur unerfüllt, sondern das religiöse System war zum Teil eine Fortsetzung der vorherigen politischen Diktatur. Nicht zufällig ähneln sich daher auch die Slogans.

Sichtbare Rolle der Frauen

Die Forderungen nach Abschaffung von Folter, Todesstrafe und Zensur, Freilassung politischer Gefangenen, soziale Gleichheit und internationale Unabhängigkeit (damals von den USA, heute von Russland und China) sind verbunden mit derjenigen nach dem Ende der autoritären Herrschaft, damals der pro-westlichen, diesmal der religiösen. Die Sehnsucht nach politischer Freiheit hat schon ihre Basis in der Verfassungsrevolution von 1906.

Die Frauen haben bei den aktuellen Demonstrationen eine sichtbare Rolle übernommen. Sie sind auch stolz darauf, dass sie in der Welt nicht mehr als schwache, unterdrückte und identitätslose Wesen wahrgenommen werden. Sie waren schon bei der Verfassungsrevolution aktiv und wirkten beim bewaffneten Widerstand mit. Ihnen wurde das Wahlrecht aber nicht gewährt, sie konnten es erst 1963 erkämpfen. Die Frauen waren auch bei der Revolution von 1979 im Einsatz. Sie wurden aber von der islamischen Republik stark enttäuscht. Es wurden frauenfeindliche Gesetze erlassen und der Kopftuchzwang eingeführt. In der Zivilgesellschaft haben die Frauen seit Jahrzehnten eine zentrale Bedeutung. Diese Bewegung hat das Ziel, was die jungen Menschen im Iran immer wie- der betonten, dass sie ohne Führer zurechtkommen wollen.

Die Zivilgesellschaft im Iran ist dynamisch. Sie wurde aber nicht nur durch das Regime, sondern auch durch westliche Sanktionen ein- geschränkt. Eine Aufhebung der Sanktionen würde ihre Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten, eventuell auch ohne Aufstände, erhöhen. Eine Änderung der Normen und Öffnung der iranischen Gesellschaft sind wichtiger und nachhaltiger als ein unmittelbarer Sturz des Systems. Nach 1979 gab es zwar einen Regimewechsel, viele autoritäre Regeln sind aber geblieben, neue Vorschriften wurden zusätzlich erlassen.

Die Bewegung macht deutlich, dass die Moderne in der iranischen Gesellschaft bereits viel weiter fortgeschritten ist, als es das bestehende System akzeptieren will. Die jetzige oder eine andere Regierungsform werden gezwungen sein, eine Anpassung an diese Entwicklung anzuerkennen und umzusetzen.

Aufstand im Kaufhaus

Ein Psychiater mit österreichischer Familiengeschichte kehrt aus New York nach Wien zurück und wird dort in einen Arbeitskampf der Beschäftigten eines Kaufhauses als Geburtshelfer einer Revolte involviert. Im Ergebnis wird sogar die Regierung gezwungen für drei Monate ins Ausland zu gehen. Und eine Zwischenregierung plakatiert: „Wohlergehen aller statt Bereicherung weniger“.

„Der Beschäftigten-Aufruhr wird erst zu einem Grätzel-, dann zu einem städtischen, schließlich zu einem landesweiten Protest gegen Ausbeutung und anti-, richtiger: asozialen Kapitalismus“ schreibt die „Wiener Zeitung“ (9.5.2020) zum neuen Buch von Michael Scharang und vergleicht es mit dem Aufruf „Empört euch!“, des französischen Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel.

„Aufruhr“ zeigt eine rote Linie seit Scharangs Frühwerk „Charly Traktor“ von 1973, freilich mit einer 2020 geänderten Problemlage. Der Anspruch des aus einer Kapfenberger Arbeiterfamilie stammenden widerspenstigen Autors – er lehnte 2016 aus Protest eine Ehrung der Stadt Wien ab – auf Kritik des realen Kapitalismus ist geblieben, was in neoliberalen Zeiten keineswegs verständlich ist.

Zur Charakterisierung der Intellektuellen „Hilflos, aber nicht unwissend“ widerspricht Scharang dem Vorwurf der Resignation: „Hilflos, was die Machtverhältnisse anbelangt, aber wissend als Aufklärer.“ Die Vision des Romans ist „eine friedliche Anarchie“, „eine erstmals demokratische, aufrecht antifaschistische Regierungsstruktur ohne Regierung, eine Graswurzelbewegung, die real sozial ist, auf dass niemand mehr sich knechten muss, um ökonomisch gerade so zu überleben, sondern jede und jeder von bezahlter Arbeit wirklich leben kann“ (Wiener Zeitung, 4.7.2020).

Recht skeptisch resümiert hingegen „Die Presse“ (29.5.2020), Scharangs Roman würde „an der Lust des Autors, alles zu erklären“ scheitern und räsoniert über einen „unbefriedigenden Schluss eines Romans, der Lesende am Gängelband führt. Und kritisiert, dass „zwar die Welt dargestellt wird, wie sie noch nicht ist, doch nicht, wie sie ist“ als ein „Alibi, welches der Autor benötigt, um seine Gesellschaftsanalyse zu platzieren.“ Denn solches scheint unerwünscht.

Michael Scharang, Aufruhr, Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 312 Seiten, 24,70 Euro.