Raserei am Stavrovouni Monastery

Herr Groll auf Reisen: Von Erwin Riess

Während Groll Handschuhe überstreifte und eine Kappe aufsetzte, bereitete Chris, der Taxifahrer, sein Frühstück zu. Er winkte Groll kurz zu, der den Rollstuhl auf dem abschüssigen Parkplatz vor dem Kloster in Gang setzte. Der Berg, auf dem das Kloster Stavrovouni wie ein Adlerhorst klebte, war nur wenige hundert Meter hoch, aber er stieg wie eine Felsnadel aus der sanft geschwungenen Landschaft, und der Ausblick, der sich vom Kloster auf die Bucht von Larnaca, Kap Greco und Famagusta eröffnete, war atemberaubend.

Während Chris Weißbrot brach und Halloumikäse schnitt, wandte Groll sich der Straße zu und nahm die erste Kehre in Angriff. Es war ausgemacht, dass Chris in einer Stunde folgen sollte.

Die ersten Kehren bereiteten Groll großes Vergnügen. So früh am Morgen stand die Sonne nur wenige Handbreit über dem Horizont des östlichen Meers. Um den Berg strich eine frische Brise, der Geruch von Thymian und Salbei würzte die nachtkalte Luft. In den Krüppelkiefern am Rand der Straße lärmten Tausende winzige Vögel. Sie waren von der Art, die Zyprioten gern auf den Grill legen. Groll hatte mehrmals versucht, Geschmack am Fleisch der handtellergroßen Tiere zu finden, aber er hatte immer wieder vor den spitzen Knöchelchen der Vögel kapitulieren müssen.

Nach den ersten Serpentinen wurde die Straße zusehends steiler. Groll hatte Mühe, nicht aus dem Rollstuhl zu rutschen, auch fiel es ihm immer schwerer, mit den Händen zu bremsen. Die Handschuhe wurden zuerst warm, bald darauf aber heiß, und zu seinem größten Entsetzen bemerkte Groll, dass sie sich aufzulösen begannen.

Er wusste, dass mit dem Überschreiten einer bestimmten Geschwindigkeit die Vorderräder flattern und danach blockieren würden, worauf er auf die Straße oder in die stacheligen Busche am Wegrand katapultiert werden würde. Seinen Freund Chris um Hilfe zu rufen, war aussichtslos, die Entfernung war zu groß.

Grolls Hände brannten wie Feuer. Er fuhr in Schlangenlinien, um die Handinnenflächen, die er abwechselnd an die Treibreifen des Rollstuhls presste, zumindest zeitweilig zu kühlen. Die Unwucht in den Hinterrädern führte dazu, dass der Rollstuhl nicht gleichmäßig zu bremsen war, sondern widerliche Schläge an die Hände weitergab. Groll war vollauf damit beschäftigt, den Rollstuhl auf der Straße zu halten.

Ein Hornsignal, das dreimal vom Berg zurückgeworfen wurde, wusste er nicht zu deuten, und den blutjungen Soldaten, der mit quergehaltenem Karabiner die Straße sperren wollte, fuhr er fast über den Haufen. Nur ein katzengleicher Sprung rettete den Burschen vor einer Kollision. Groll bog in eine lange, steil abschüssige Gerade ein. Plötzlich hörte er das gleichmäßige Tackern eines schweren Maschinengewehrs.

Am Ende der Geraden zogen Garben von Leuchtspurmunition über die Straße. Groll überlegte, ob er gegen die Bergwand fahren oder einen Sturz ins Gebüsch riskieren sollte. Plötzlich fühlte er, wie der Rollstuhl zurückgerissen wurde. Er suchte verzweifelt mit den Händen nach Halt, da war der Soldat auch schon neben ihm und warf sich auf Groll. Als die beiden zum Stillstand kamen, dröhnten Maschinengewehrsalven über ihren Köpfen.

Der Soldat, so erfuhr Groll später, war ein junger Grieche, der seinen Armeedienst in Zypern ableistete. Er habe ihm gleich zweimal das Leben gerettet, einmal vor den Kugeln und das andere Mal vor dem Abgrund, sagte Groll und bedankte sich bei dem Griechen mit einem Wimpel des SC Wien-Nord, den er für Notfälle aller Art im Netz des Rollstuhls mit sich führte.

In einer Manöverpause begleitete der Soldat Groll ins Tal. Das Gefälle war groß, aber mit dem Jungen an den Haltegriffen und dem abwechselnden Einsatz der Hände war bald das Schlimmste überstanden. Groll genoss den böigen Wind, er kühlte seine schweißnasse Stirn.

Am Misthaufen

In dem 1996 von Franz Innerhofer erschienen Monolog „Scheibtruhe“ zeichnet er ein tristes Bild aus dem Leben der Magd Hanni in Zeiten des Nationalsozialismus in der Gegend rundum Gusen.

Hannis Umgebung ist finster, ihre Jugend ein Martyrium. Schon ihr Vater war ein Tyrann, und es sollte nicht der letzte sein. Sie wurde von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle gereicht. Von einem Bauern zu einem Wirtshaus, von diesem wieder auf ein Gehöft.

Die Stimmung ist wortkarg, ein großes Schweigen liegt in der Luft. Sofern überhaupt miteinander gesprochen wird, herrscht ein rauer Befehlston. Und alle, alle wussten davon.

Vom Lager, über dessen Existenz, über das, was dort mit den Menschen geschah. Bei Feldarbeiten neben dem Lager brachte sie sich selbst in Gefahr, indem sie den KZlern Rüben zukommen lassen wollte.

Innerhofer spannt den Bogen aufs Erdrückendste. Hanni ließ sich, obwohl seitens der Bauernschaft unerwünscht, auf eine Liebschaft ein.

Der Zorn der Bäuerin war dem Pärchen gewiss: „Und einmal hat sie/wie er mich besucht hat/sein Fahrrad genommen und auf den Misthaufen geworfen“.

Hans Staudinger

Der Jakobsweg im ersten Bezirk

Herr Groll auf Reisen: Groll erklärt dem Dozenten die klassenmäßige Zusammensetzung von Röstkaffee. Von Erwin Riess

Die Wiener Innenstadt. Im Meinl- Kaffeehaus am Graben verfolgen die Gäste gebannt einen Rollstuhlfahrer im Trainingsanzug, der, vom Stephansplatz kommend, in hohem Tempo zwischen Kiosken und Passanten Slalom fährt. Ein schlaksiger Mann in einem beigen Zweireiher springt auf und eilt ins Erdgeschoß. Im Foyer des Geschäfts prallt der Mann um ein Haar mit dem Rollstuhlfahrer zusammen. Ohne zu bremsen war der am Cafe vorbei ins Lokal gedonnert, Kunden mussten zur Seite springen, um eine Kollision zu verhindern; eine alte Dame im Nerz ließ vor Schreck ihre Einkaufstasche fallen. Glas splitterte, der Geruch von billigem Weinbrand breitete sich aus.

„Anhalten, Freund Groll!“ rief der Mann im Zweireiher und stellte sich mit ausgebreiteten Armen dem Rollstuhlfahrer in den Weg. Der vollführte eine Notbremsung, sein Oberkörper wippte nach vor.

„Sie brauchen nichts zu sagen, geschätzter Freud! Ich kenne den Grund Ihrer Eile. Die Behindertentoilette im 1. Stock. Ich werde Sie führen!“ Der Dozent machte einen Schritt auf Groll zu.

Mittlerweile hatte die Dame im Nerz sich von ihrem Schock erholt, sie rief Schmähungen gegen die Sozialpolitik der Regierung, die es zulasse, dass wild gewordene Krüppel ehrbare Bürger über den Haufen fahren. Nie wieder werde sie für „Licht ins Dunkel“ spenden. Zu guterletzt forderte die aufgebrachte Frau den Ersatz ihres Getränks. Zu Bruch gehende Gebinde müssten ausgetauscht werden, das sei Gesetz. Drohend schwang sie ihre Handtasche.

Groll verbat sich die Hilfe seines Freundes, er sei nicht der Toilette wegen gekommen. Er beharrte fest darauf, nur eines einzigen Zieles wegen den Meinl am Graben aufgesucht zu haben: drei Packungen Jacobs-Monarch-Kaffee.

Der Dozent schüttelte ungläubig den Kopf. „Da fahren Sie den weiten Weg von Floridsdorf in die Innenstadt, um Kaffee zu kaufen?“ Jacobs-Monarch gebe es zwar auch in seinem Heimatbezirk zu kaufen, räumte Groll ein, allerdings handle es sich dabei um die Vorstadtvariante. In der Vorstadt stecke in den Kaffeepackungen eine Mischung aus Zichorienmehl, Feigenmus und ranzigen Pistazienschalen. Den originalen Jacobs-Monarch bekomme man nur an der Wirkungsstätte Ort des Monarchen. Schließlich sei er auch des Trainings wegen hier, ergänzte Groll.

Wenn er glaube, friedliche Passanten für seine körperliche Ertüchtigung gefährden zu müssen, sei er auf dem Holzweg, erklärte der Dozent.

„Falsch! Auf dem Jakobsweg“, sagte Groll. „Genauer gesagt: Auf dessen Zubringern.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Ganz einfach. Ich trainiere für den Jakobsweg. Den bedeutendsten Pilgerweg Europas, der wie seinerzeit der Ho-Chi-Minh Pfad aus einem Netz an Wegen bestehe, deren beide Hauptstränge an der Küste und in den Pyrenäen entlang führen.

„Da ich vorhabe, zwischen den Routen zu pendeln, trainiere ich rasche Richtungsänderungen.“

Wie er auf diese Verwegenheit gekommen sei, wollte der Dozent wissen.

„Zum einen: Bei der Kniewallfahrt nach Mariazell hat man mich nicht genommen, und zum anderen: Ich habe das Beispiel eines befreundeten Ehepaars vor Augen. Die beiden beschlossen anlässlich einer Ehekrise, den Jakobsweg gemeinsam zu absolvieren. Der Entschluss fiel ihnen nicht schwer, immerhin trägt der Mann den Vornamen Jakob.“

Er wolle gar nicht wissen, wie das Experiment ausgegangen sei, erwiderte der Dozent.

„Bestens“, sagte Groll. „Die beiden haben sich noch auf dem Weg getrennt. Er verliebte sich in eine litauische Fernsehjournalistin und lebt jetzt glücklich in Riga. Und sie wurde von einem Jugendseelsorger aus Debrecen in neue Dimensionen der Wollust eingeführt.“

„Strohfeuer“, sagte der Dozent. „Nach ein paar Monaten gehen die Paare wieder auseinander.“

„Irrtum“, sagte Groll. „Der Mann ist jetzt Kameramann und dreht gerade an einer 100-teiligen Dokumentation über den Jakobsweg. Sie wissen, die Litauer sind sehr katholisch. Und die Frau betreibt ein christliches Reisebüro in Esztergom und schickt jährlich Hundertschaften von ungarischen Jugendlichen nach Santiago de Compostella.“ Der Dozent lächelte fein. „Jetzt weiß ich, was Sie auf den Jakobsweg führt. Sie hoffen, in Santiago de Compostella durch ein Wunder wieder gehen zu können!“

Unsinn, erwiderte Groll. Er hoffe, den Kaffee um den dreifachen Preis loszuschlagen. Um den Erlös mache er sich dann ein paar schöne Tage in einem Hafenstädtchen an der Biskaya. Er habe sich auch schon bei ehemaligen Kämpfern der ETA gemeldet. Gegen ein paar Flaschen Brünnerstrassler hätte die Organisation ihm nicht nur Sicherheit, sondern auch eine Hafenrundfahrt garantiert.

„Da wir nun schon einmal hier sind, könnten Sie mich auf eine Schale Jakobs-Monarch einladen“, sagte Groll und sah den Dozenten einladend an.

„Mit Vergnügen“, erwiderte der.

Ruhig und gemächlich bewegten die beiden sich durchs Geschäft und steuerten das Stehcafe an. Beim Kellner bestellte Groll zwei große Espressi und einen Sitzplatz für seinen schüchternen Freund.

Blick auf die Esoterikszene

Ein Buchtipp von Bärbel Rinner

Die Wohngruppe Klang & Liebe, vier Menschen in einem Haus, Melodie, Elisabeth, Muriel und Petrus, hat sich zum Ziel gesetzt, von Licht zu leben. Alle können selbst entscheiden, ob sie essen wollen, sagt Melodie.

Ihre Schwester Elisabeth hat aufgehört zu widersprechen, überhaupt zu sprechen. Und eines Tages ist sie tot, verhungert. Ihr Tod ist der Ausgangspunkt des Romans, die Ereignisse werden aus ungewöhnlichen Perspektiven geschildert. Die ermittelnden Polizeibeamten, der Tatort, die Fakten und viele andere Personen und Begleitumstände werden zu Erzähler*innen. 

Die Methode, die Gerda Blees anwendet, um die Geschichte zu entwickeln, ist sehr ungewöhnlich. Verschiedene Perspektiven einzunehmen, ist ein bekannter Kunstgriff, bisher haben jedoch nie der Klang, das Licht oder ein elektrischer Entsafter ihre Sicht geschildert. So innovativ diese Form des Erzählens ist, so gewöhnungsbedürftig ist sie anfangs auch. Ist man aber einmal drin, hemmt sie den Erzählfluss nicht im Geringsten. 

Der Debütroman der Niederländerin Gerda Blees, geboren 1987, wurde mit zwei Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lehrt Kunst an verschiedenen Universitäten und lebt in Haarlem. Bisher schrieb sie hauptsächlich Lyrik.

Die Erzählform ist konsistent, der Stil flüssig und uneitel. Im Gegensatz zu vielen männlichen Autoren, die prahlerisch ihr Ego in Form von bildungsbürgerlichen Ergüssen ausbreiten, geht es der Autorin darum, eine mögliche Erklärung zu finden, wie harmlos erscheinende Esoterik lebensgefährlich ausarten kann. Die transzendente Lichtnahrungsfantasie hat handfeste Gründe. Außer Elisabeths kleiner Pension hat niemand in der Gruppe ein Einkommen. Deshalb wird sogar der lebenserhaltende Gemüsesaft von Melodie als „Energiefresser“ abgelehnt.

Was uns hier deutlich gemacht wird, ist die Verführbarkeit zu jeglichem Unsinn, wenn Menschen keinen emotionalen und geistigen Halt haben. Natürlich stellt sich die Frage, wer etwas davon hat, wenn sich Menschen zu Tode hungern. Den Anbietern von Online-Seminaren geht es um Geld, Leuten wie Melodie um die Macht. Ein Blick auf die Esoterikszene ist angesichts der Coronademos und Verschwörungsmythen höchst aktuell.

Gerda Blees, Wir sind das Licht, Zsolnay, 2022

Geschichtenerzähler – Erzähler von Geschichte

Judith Gruber über Franz Kain (1922–1997)

Der in Bad Goisern geborene Franz Kain, Schriftsteller, Journalist, KPÖ Gemeinderat in Linz, wäre im Jänner 100 Jahre alt geworden.

Wer jemals mit Franz Kain beisammensaß, egal ob im Wirtshaus, in der Redaktion, am Rande von Konferenzen, bei literarischen Veranstaltungen, der erlebte ihn als Erzähler. Als Erzähler von Geschichten, von Begebenheiten aus seinem eigenen, bewegten Leben, von politischen Ereignissen und Erlebnissen, von österreichischer Geschichte, vom politischen Widerstand oder auch manchmal von Sturheit und Widerborstigkeit, seiner eigenen und der anderer Menschen. Selbst wenn er von der Arbeit als KPÖ-Gemeinderat in Linz berichtete, waren es häufig Geschichten, die er erzählte.

Aus seinem eigenen Leben hatte Franz Kain viel zu erzählen. 1922 in Bad Goisern geboren, engagierte er sich früh im bereits illegalen Kommunistischen Jugendverband. Er war erst 14 Jahre alt, als er deswegen das erste Mal verhaftet wurde, arbeitete danach als Holzknecht, wurde 1941 wegen seines Engagements im politischen Widerstand gegen die Nazis neuerlich verhaftet, verurteilt, kam zur Strafdivision 999, in US-Kriegsgefangenschaft. Und er war nicht nur ein gierig Lesender, er begann auch selber zu schreiben, über die politische Lage, über seine eigenen Erlebnisse in Kindheit und Jugend.

Nach seiner Rückkehr nach Österreich 1946 startete er seine journalistische Laufbahn bei der „Neuen Zeit“, der OÖ-Ausgabe des KPÖ-Zentralorgans, bei der er, später als Chefredakteur, bis zu seiner Pensionierung 1982 tätig war. Daneben schrieb er weiter Lyrik, Erzählungen, Romane, die bis auf wenige Ausnahmen in der DDR verlegt wurden und dort für Österreich unvorstellbar hohe Auflagen erreichten.

Leben und literarisches Werk sind bei Franz Kain eng miteinander verknüpft, sein Leben als Holzknecht, der Widerstand im Salzkammergut (besonders im Roman „Der Föhn bricht ein”), das Leben in Linz mit all seinen sozialen und politischen Facetten (im Roman „Das Ende der Ewigen Ruh”,), das alles machte er zum Thema seiner literarischen Arbeiten. Und so bildet sein Werk ein Abbild des Lebens im Oberösterreich des 20 Jahrhunderts. Wobei der antifaschistische Widerstand immer im Vordergrund steht.

So war Franz Kain als Geschichtenerzähler tatsächlich auch ein Erzähler von Geschichte. Er selber schrieb dazu: „Die Darstellung erfolgt von der Basis eines zornig Liebenden her, der unter seiner Liebe leidet. Die Wahrheit ist immer nützlich, aber nur selten angenehm. Die Geschichte mit Hilfe von Geschichten zu beleuchten, die im Schatten ihrer Zäsuren wachsen, ist ein Akt nationaler Selbstkritik.“ (Aus dem Erzählband „Der Weg zum Ödensee”).

Dass Franz Kain in Österreich als Schriftsteller nie den Bekanntheitsgrad und die Anerkennung erreichte, die ihm gebührt hätten, ist sicherlich auf diese seine Haltung zurückzuführen.

In seinem Essay „Vom Wagnis Geschichten zu schreiben“ stellt Franz Kain fest, dass er weiße Flecken auf der literarischen Landkarte betreten habe, die frei geblieben seien, weil nicht gewünscht werde, dass darüber geredet wird. „Aber man muss darüber reden, damit alles gesagt ist“, schrieb er. Und das hat Franz Kain getan, als Schriftsteller, Journalist, Gemeinderat.

Die Ehrenmänner von Graz

Herr Groll auf Reisen: Groll und der Dozent erörtern ein kleines politisches Erdbeben. Von Erwin Riess

Herr Groll und der Dozent waren im Wiener Stadtpark unterwegs. Ihr Ziel war das Nobelrestaurant Steirereck, das jahrelang unter den zehn besten Restaurants Europas gelistet war.

„Die Großdemonstration gegen Lockdown & Impfpflicht vom Wochenende war im negativen Sinn beeindruckend“, meinte der Dozent.

„Sie zeigte, daß die FPÖ, die die Pandemie mit Entwurmungsmittel für Pferde behandeln will, ein Drittel der Bevölkerung hinter sich weiß“, bekräftigte Herr Groll.

Sie passierten die berühmte Statue mit dem fidelnden Johann Strauß.

„Kein Regierungsmitglied getraut sich, die Wahrheit auszusprechen. FPÖ-Hochburgen sind für den Zusammenbruch des Spitalssystems verantwortlich. Nirgendwo sonst werden Corona-Partys veranstaltet“, klagte der Dozent.

„Mit Feigheit und Duckmäusertum werden wir die Freunde des Coronavirus nicht heimgeigen können“, versetzte Herr Groll nach einem Blick auf den Walzerkönig. „Im übrigen wär das ein guter Name für die Freiheitlichen: ,Partei zur Unterstützung des Coronavirus (PUC)‘!“

Der Dozent lächelte. „Der Name könnte lautmalerisch für eine Corona-Impfung stehen. Puk, und die Sache ist erledigt.“

„Das wäre ein Zusatznutzen, die Dialektik schläft bekanntlich nicht“, erwiderte Groll.

„In den Augen der Covid-Leugner ist die Absage des Steirer-Balls in Wien die wahre Katastrophe“, fuhr der Dozent fort. „Das wichtigste Ereignis der Ballsaison, wichtiger als der Opernball, der Akademikerball, der Ärzteball und der Zuckerbäckerball zusammengenommen, wird auf Mai verschoben. Die braun gewandeten Recken und ihre drallen Mädel in Murgrün trifft das wie ein Keulenschlag. Wer nicht am Steirerball gesehen wird, ist in der feinen Gesellschaft ein verlorenes Kopipsel*), ein Nebochant, mit einem Wort: ein Nullum. Er ist so gut wie tot, sozial tot. Der Steirerball ist ein absolutes Muß. Zehntausend Teilnehmer, Hektoliter von Kernöl, Dirndl und Trachtenjanker mit Diamantenbesatz und steirisches Bier in Strömen.“

„Mir fehlen die Worte“, sagte Herr Groll und grinste.

„Den Steirern auch“, bekräftigte der Dozent. „Sie sind untröstlich. Es gibt allerdings eine Trachtenjanker- und Heimatpartei, die angesichts der Absage des volkstümlichen Hochamts frohlockt.“

„Die PUC!“ rief Groll.

„Die honorigen Herren der Grazer FPÖ“, sagte der Dozent. „Durch die Absage der Tanzveranstaltung ersparen sie sich unangenehme Fragen. Die Partei, die nach dem Wahlsieg der KPÖ große Töne spuckte, ist bis auf die Knochen blamiert. Elke Kahr, die neue kommunistische Bürgermeisterin von Graz, vertrete eine Ideologie, die schon im letzten Jahrhundert ausgerottet hätte werden müssen, ließ der Grazer FPÖ-Chef verlauten.“

„Sage niemand, die Blutsäufer hätten es nicht versucht“, warf Herr Groll ein. „Die jüdische Gemeinde wurde nahezu ausgelöscht.“ „Halten wir fest: Die gesamte FPÖ-Führung in Graz ist nach einem Gagenskandal zurückgetreten“, bilanzierte der Dozent. „Vizebürgermeister und Klubobmann genehmigten sich Extra-Gagen aus Steuertöpfen. So kamen einige hunderttausend Euro zusammen, mit deren Hilfe Luxusautos, Luxusurlaube und der Besuch von Luxusrestaurants finanziert wurden.“

„Da versteht man die Empörung der Freiheitlichen über die Grazer KPÖ, deren Mandatare seit Jahrzehnten zwei Drittel ihres Gehalts in einen Fonds einzahlen, aus dem für arme und ausgegrenzte Menschen Unterstützungen, Wohnungssanierungen und andere Hilfen bestritten werden. In den Augen der Kleptokraten ist das ein stalinistisches Politverbrechen!“

„Anfang November erschütterte eine weitere Hiobsbotschaft die Partei“, setzte der Dozent fort. „Der freiheitliche Finanzreferent veruntreute 500.000 Euro.“

„Die Partei sollte sich doch umbenennen“, beharrte Groll. „Wissen Sie, wo der zurückgetretene Parteichef der FPÖ mit dem schönen Namen Eustacchio – er entstammt einer Unternehmerfamilie aus Treviso – seine ersten Sporen verdiente?“

Der Dozent antwortete nicht.

„Er betreute vermögende Kunden beim Bankhaus Krentschker, welches in der NS-Zeit die den Juden gestohlenen Gelder für die NSDAP verwaltete.“

„So schließt sich der Kreis“, sagte der Dozent und deutete auf das Dach des Restaurants “Steirereck“, das hinter den Büschen auftauchte.

*) ein Kopipsel ist ein kleines Etwas, größer als ein Krümel aber kleiner als eine Kathedrale. Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Manche Experten tippen auf Rotwelsch

Salzburger Katastrophen

Herr Groll ermittelt in der Salzburger Halbwelt. Von Franz Fend

In „Herr Groll und die Wölfe von Salzburg“ ist das Personal des Romans wieder auf die Kerntruppe zusammengeschmolzen. Groll, der rollstuhlfahrende Ermittler, Josef der Zweite, Grolls Rollstuhl, hat ihn schon durch so manche aberwitzige, wie lebensgefährliche Situation manövriert hat, sowie Grolls Freund und langjähriger Gefährte, genannt der Dozent.

Im vorliegenden Groll-Roman sind die zahlreichen Handlungsstränge und unterschiedlichste Narrative, historische wie gegenwärtige, urbane wie rurale, evidente wie erfundene auf halsbrecherisch-unterhaltsame Weise vermischt, dass einem schwindlig werden könnte. Dem ursprünglichem Auftrag Grolls, den Freund der Mutter des Dozenten, einen im Rohstoffgeschäft tätigen Kapitalisten, zu finden, kommt dieser scheinbar nur schleppend nach. Zu viele Ereignisse, die ihre Ursache weit in der Geschichte haben, erfordern die Aufmerksamkeit Grolls.

Da kommen etwa die sogenannten Zauberbubenprozesse in Spiel, in welchen, historisch evident, der Salzburger Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg, mehrere hundert Kinder und Jugendliche, die sich als Bettler durchbrachten, verbrennen ließ. Dass dies rechtens war, ließ er sich von einem Innsbrucker Juristen in einem Gutachten bestätigen.

Die Tradition der gekauften Gutachten wird bis heute gepflegt. Einer der Überlebenden dieser Hexenjagd, Jakob Koller, genannt der Schinderjackl, dessen Mutter verbrannt worden ist, konnte nicht gefasst werden. Er werde als Wolf zurückkehren und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, heißt es in der Sage.

Als nun auch in Salzburg Wolfsrudel auftauchen, welche vorwiegend Uniform- und Talarträger zerfleischen, steht Salzburg knapp vor dem Ausnahmezustand. Denn darüber hinaus ist die größtmögliche Salzburger Katastrophe eingetreten, die Kartenvorverkaufsserver der Festspiele wurden gehackt und das Salzburger Credo „Die Festspiele können alles, überleben alles und wissen alles.“ kommt gehörig ins Wanken.

Riess zeichnet in einer kühnen Mischung aus Schelmenroman, historischer Abhandlung, Abenteuergeschichte und kulturphilosophischem Essay ein Bild einer vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaft, die historischen Optimismus nicht recht aufkommen lässt. Allein der sarkastische Witz der Geschichte rettet.

Erwin Riess: Herr Groll und die Wölfe von Salzburg. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2021

Molotov an der Donau

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Am Tag vor Neujahr saßen Groll und der Dozent mit einer Flasche portugiesischen Weißwein und einem Karamellkuchen an der Buddhistischen Pagode beim Donaukraftwerk Freudenau auf einer Bank und beobachteten den Schiffsverkehr. Herr Groll schwelgte in Erinnerungen an das Donaurestaurant Berger, das sich einst auf der Dammkrone befand. Dort habe bis weit in die Nullerjahre des neuen Jahrhunderts eine brasilianische Köchin schmackhafte brasilianische und portugiesische Gerichte zubereitet. „Die groß gewachsene Frau war wunderschön, sie war die Gattin des Eigentümers, eines Wieners, der mit ihr im Winter in Belo Horizonte und die restliche Zeit in Wien lebte, zumindest bis zur großen Finanzkrise des Jahres 2008. Unter den Süßspeisen, die sie zubereitete, ragte besonders ein portugiesischer Kuchen namens Molotov hervor.“

„Seltsamer Name“, sagte der Dozent. „Hat er etwas mit dem langjährigen sowjetischen Außenminister Molotov zu tun?“

„Keine Ahnung“, sagte Herr Groll und schenkte seinem Freund mit den Worten „Es muss nicht immer Veltliner sein“, vom fruchtigen Vinho Passado von den Azoren ein. „Hier! Kosten Sie! Er war beim Diskonter im Angebot. Ein Wein von den Azoren, der in Wien um einsachtzig verkauft wird! Ein Lob auf den Kapitalismus! Von der Brasilianerin weiß ich nur, daß Molotov eine Eischnee- und Puddingspeise ist, die zum Abschluss eines üppigen Fischessens gereicht wird. Sie gilt auch als eine der Lieblingsspeisen von Diabetikern, die gern mittels Molotov assistierten Suizid begehen. Ich darf das sagen, weil ich auch dieser Elitetruppe angehöre und zu jedem Verbrechen fähig bin, um an Zucker zu kommen. Für ein Blech Molotov, das 8 Portionen ergibt, rechnet man 11 Stück Eiklar, 10 Esslöffel Zucker – man kann je nach Geschmack auch einen Kilo nehmen, ferner ein Viertelkilo selbstgemachtes Karamell, einen halben Kilo Butter und ein paar Orangenzesten, es kann aber auch alles ganz umgekehrt sein, wie gesagt, je nach Geschmack.“

„Das klingt gefährlich – und fantastisch. Aber wieso denken Sie an Selbstmord? Noch dazu einen assistierten? Sie wollen doch immer alles selbst machen?“

„Weil die österreichische Hochjustiz sich seit neuestem gegen behinderte Menschen verschworen hat.“

Das müsse er näher ausführen, sagte der Dozent neugierig.

„Bisher war es so, daß die obersten Gerichtshöfe sich um uns nicht gekümmert haben, und das war gut so. Die 2007 eingeführte Ergänzung im § 7 Bundesverfassungsgesetz, demzufolge behinderte Menschen wie andere Gruppen vor Diskriminierung geschützt seien, war nur eine Schaumschlägerei, Dennoch ließen sich die Behindertenverbände und die Grünen zu Freudenausbrüchen hinreißen. Ich habe damals vergeblich vor der Heuchelei gewarnt. Was die Behindertenfunktionäre nämlich nicht bedachten, war der Umstand, daß ein Verfassungsgrundsatz gesetzlicher Ausführungen durch Bundesgesetze und Verordnungen mit Strafbestimmungen bedarf, um wirksam zu werden und genau die hat man nicht eingerichtet. Der Verfassungszusatz ist ein Muster ohne Wert. Gut fürs internationale Parkett, aber nicht brauchbar für die heimischen Tanzböden. Aber, wie gesagt, das war die gute alte Zeit.

Im Corona-Jahr allerdings haben zwei oberste Gerichtshöfe Gesetze sanktioniert, die nicht nur für uns bedrohlich sind. So hat der Verwaltungsgerichtshof ‚erkannt‘, daß ein vom staatlichen Arbeitsmarktservice verwendeter neuer Algorithmus behinderte Menschen ohne Ansehen von Person und Ausbildung automatisch in jene Gruppe von Arbeitnehmern einreiht, für die es die geringsten Förderungen gibt, wodurch sich die ohnehin skandalös hohe Arbeitslosenrate behinderter Menschen, die um die 45 Prozent liegt, weiter erhöhen wird. Und kurz vor Weihnachten entschied der Verfassungsgerichtshof, der bislang alle Formen von Euthanasie strikt abgelehnt hat, daß assistierter Suizid bei vermeintlich unerträglichem Leid straffrei sei. Die Büchse der Pandora ist damit auch in Österreich geöffnet worden, behinderte Menschen sind fortan einem Dauerdruck zur vorzeitigen Beendigung ihres Lebens ausgesetzt.“

„Und deswegen planen Sie vorsorglich erweiterten Suizid mittels einer Zuckerbombe namens Molotov.“ Der Dozent nahm einen großen Schluck vom Wein.“ Wie ging es mit dem Restaurant weiter?“

„Auf meine seinerzeitige Frage, wie sich die Finanzkrise in Brasilien auswirke, antwortete der Eigentümer: „‚Katastrophal! Sie wissen ja, zu viele Juden!‘ Kurz darauf ging der Laden in Konkurs.“

Österreichische Monopolisten

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Bei einem Erkundungsgang des neuen Badestrands am Donaukanal entspann sich zwischen Herrn Groll und dem Dozenten ein Gespräch über monopolistische Machtstrukturen in Österreich. Der Dozent wollte wissen, ob auch Wein von Monopolen gehandelt wird.

„In der sogenannten Neuen Welt ist das die Regel“, antwortete Herr Groll. „Kalifornischer oder australischer oder südafrikanischer Rotwein wird von Großkonzernen vermarktet und überwiegend auch produziert.

In Chile und Argentinien geht der Trend ebenfalls in diese Richtung. In Europa hingegen existieren neben Großproduzenten in Italien, Frankreich und Spanien noch zehntausende kleinere Betriebe, unter ihnen viele Genossenschaften.

In Ländern wie Portugal, Deutschland, Ungarn oder Österreich ist der Markt noch fragmentiert, kleinere und mittlere Weinbauern stellen einen großen Teil der Weinmengen her. In Österreich aber befinden sich aber einige Großweinproduzenten auf dem Weg zu monopolitischen Regionalkaisern, ich nenne da nur den führenden Weinoligarchen Burgenlands, Leo Hillinger, der über ausgedehnte Weingärten verfügt und für den einige hundert Weinbauern eine streng kontrollierte Zulieferung garantieren müssen.

Sie bleiben zwar selbständig und tragen alle Risiken, sind aber in Wirklichkeit unfrei wie Sklaven. Ironischerweise betreibt Hillinger, der auch pfälzische und ungarische Weine vermarktet, auch in Südafrika ein eigenes Weingut.“

„In der politischen Ökonomie nennt man das wohl Monopolkonkurrenz“, meinte der Dozent.

„In den Supermarktketten ist der Hillinger-Wein oft unter anderen Namen gelistet“, fuhr Groll fort. „Im Burgenland aber pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass Hillinger längst von den Banken des Raiffeisenkonzerns kontrolliert wird – er fungiere lediglich als eine Art Werbebotschafter für die unter seinem Namen vermarkteten Weine.

In Hillingers Kategorie spielen noch ein paar Regionalmonopolisten in der Wachau, im Weinviertel oder in der Steiermark eine beherrschende Rolle. Sie sind das Pendant zu den mächtigen tirolischen Seilbahn- und Liftunternehmen, die längst das gesamte Bundesland kontrollieren.

In der Corona-Krise ist nun sichtbar geworden, dass die Tiroler Lift- und Hoteloligarchen die Bundesregierung von Schwarz und Grün vor sich hertreiben – mit der Folge, dass die Öffnung der Schipisten alles andere in der Corona-Politik überstrahlt.

Sterbezahlen hin, Arbeitslose her – die Investitionen müssen sich rechnen. Es sind nicht mehr als ein halbes Dutzend ältere Herren, die davon profitieren. Ein Obermonopolist namens Schröcksnadel, ein mittlerweile knapp achtzigjähriger Tycoon, gebietet über Schiressorts im In- und Ausland, besitzt einen Gutteil der Zulieferindustrie für Liftanlagen und ist seit Urzeiten Präsident des österreichischen Schiverbands.

Er und seine Kollegen kontrollieren den Fremdenverkehr in den heimischen Alpen. Sie sind Bürgermeister in Städten und Schidörfern, Aufsichtsräte in Hochschulen, Landtagsabgeordnete und Landesräte, die im Rang von Ministern stehen.

Schigrößen wie Anna Fenninger, Hermann Maier und Marcel Hirscher fungierten als Testimonials der Tourismusindustrie. Wenn der Hirscher-Tross im Spätherbst auf Gletscher für Materialtests ausrückte, ähnelte der Aufwand Formel I-Testfahrten von Mercedes oder Ferrari in Spanien. Hirscher war eine lebende goldene Aktie des Big Business, eine Sehnenzerrung beschäftigte das Land mehr als die Wahl einer neuen Bundesregierung.“

„Könnte es sein, dass dies der Grund für Hirschers plötzlichen Rücktritt war? Dass der Schiheld genug davon hatte, als Testimonial der österreichischen Winterindustrie zu dienen?“, fragte der Dozent.

Herr Groll nickte. „Seither herrscht Dauerkrise im Schiverband. Rennen für Rennen reiben sich die abgehängten Kaderläufer verdutzt die Augen, wenn sie von Athleten- und Athletinnen aus Slowenien, Kroatien oder der Slowakei abgehängt werden.

Und die sportliche Leitung redet sich Woche für Woche auf zu viel Schnee, zu weißen Schnee oder fehlenden Schnee aus. Manchmal werden auch feindselige Steilhänge oder die Windverhältnisse vorgeschützt.“

„Ein Weinzampano und ein Alpenoligarch – sieht so das österreichische Monopolkapital aus?“

„Zu einem wichtigen Teil, verehrter Dozent. Über die privatisierte ehemalige Staatsindustrie und das in Österreich traditionell starke Finanzkapital reden wir ein andermal.“

Zwei Polizisten näherten sich. Herr Groll entfernte sich vom Dozenten, um den Abstandsregeln zu genügen.

Wohltat in bleierner Zeit

Gerlinde Grünn über die Ausstellung „Beim Schreiben werde ich mir fremd.“ Eugenie Kain (1960-2010) im Stifterhaus bis 27. Mai 2021

Eintauchen in eine Welt voll Erinnerungen und Poesie, das bietet derzeit die Ausstellung „Beim Schreiben werde ich mir fremd.“ des Linzer Stifterhauses über die Autorin und Schriftstellerin Eugenie Kain. Welche Wohltat und Trost ist dieser Ausstellungsbesuch in diesen bleiernen Zeiten einer in Krisen zerfallenden Welt.

Raum sinnlicher Wahrnehmung

Sechs als Boxen gestaltete Einheiten gewähren Einblicke in das literarische und journalistische Schaffen der viel zu früh verstorbenen Eugenie Kain.

Die Boxen unter den Überschriften Gehen, Fließen, Arbeiten, Träumen, Leben und Schreiben eröffnen eine Welt der Erinnerung und Poesie. Fotos, Filme, Tondokumente und Alltagsgegenstände von Eugenie Kain bilden einen Raum der sinnlichen Wahrnehmung und Berührung.

Das entspricht wunderbar der Persönlichkeit der Autorin und lädt zum mehrmaligen Wiederkommen ein. Im begleitend erschienen Sonderheft der Literaturzeitschrift „Rampe“ findet sich unter anderem auch die mit dem Max-von-der-Grün-Preis für Literatur der Arbeitswelt 1982 ausgezeichnete Erzählung „Endstation Naßzone“.

Es gibt wohl nur wenige literarische Texte, die es wie dieser verstehen die Arbeits- und Lebenswelt der Marginalisierten einzufangen.

Klarer Blick auf Verhältnisse

Und das zeichnet auch ihr Werk aus. Der klare Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten der Unterdrückung und Ausbeutung und die Sensibilität und Behutsamkeit im Umgang mit individuellem Erleben und Erfahrungen.

Ihr Prosawerk – die drei Erzählbände „Sehnsucht nach Tamanrasset“, „Hohe Wasser“ und „Schneckenkönig“ und die Erzählungen „Atemnot“ und „Flüsterlieder“ – gehören in jede Hausbibliothek und sind zur Schärfung des kritischen Auges und der Erbauung wärmstens empfohlen.

Journalistisches Engagement

Umfassend war auch das journalistische Engagement von Eugenie Kain. Ob in ihren Anfängen als Redakteurin der KPÖ-Tageszeitung „Volksstimme“ oder nach ihrer Rückkehr aus Wien bei den Linzer Medien „Versorgerin“ oder Radio FRO.

Immer aktuell hier etwa ihre Reportagen über die soziale und geographische Peripherie im „hillinger“ unter dem Titel „Linzer Rand“.

Von der Familie geprägt

Auch das Private kommt nicht zu kurz. Ihre Herkunft und Einbettung in eine vom kommunistischen Widerstand geprägten Familie, ihr Schriftstellervater Franz Kain, ihre Lebensgemeinschaft mit dem Liedermacher Gust Maly und die vielen die ihren Lebensweg kreuzten oder begleiteten, runden die Ausstellung ab.

Die Sicht ihrer Mutter Margit und ihrer Tochter Katharina auf Eugenie finden sich in der „Rampe“ zum Nachlesen.

Es bleibt zu hoffen, dass das Begleitprogramm nachgeholt und die Zugänglichkeit der Ausstellung trotz Pandemie im neuen Jahr wieder gewährleistet ist.