Österreichische Monopolisten

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Bei einem Erkundungsgang des neuen Badestrands am Donaukanal entspann sich zwischen Herrn Groll und dem Dozenten ein Gespräch über monopolistische Machtstrukturen in Österreich. Der Dozent wollte wissen, ob auch Wein von Monopolen gehandelt wird.

„In der sogenannten Neuen Welt ist das die Regel“, antwortete Herr Groll. „Kalifornischer oder australischer oder südafrikanischer Rotwein wird von Großkonzernen vermarktet und überwiegend auch produziert.

In Chile und Argentinien geht der Trend ebenfalls in diese Richtung. In Europa hingegen existieren neben Großproduzenten in Italien, Frankreich und Spanien noch zehntausende kleinere Betriebe, unter ihnen viele Genossenschaften.

In Ländern wie Portugal, Deutschland, Ungarn oder Österreich ist der Markt noch fragmentiert, kleinere und mittlere Weinbauern stellen einen großen Teil der Weinmengen her. In Österreich aber befinden sich aber einige Großweinproduzenten auf dem Weg zu monopolitischen Regionalkaisern, ich nenne da nur den führenden Weinoligarchen Burgenlands, Leo Hillinger, der über ausgedehnte Weingärten verfügt und für den einige hundert Weinbauern eine streng kontrollierte Zulieferung garantieren müssen.

Sie bleiben zwar selbständig und tragen alle Risiken, sind aber in Wirklichkeit unfrei wie Sklaven. Ironischerweise betreibt Hillinger, der auch pfälzische und ungarische Weine vermarktet, auch in Südafrika ein eigenes Weingut.“

„In der politischen Ökonomie nennt man das wohl Monopolkonkurrenz“, meinte der Dozent.

„In den Supermarktketten ist der Hillinger-Wein oft unter anderen Namen gelistet“, fuhr Groll fort. „Im Burgenland aber pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass Hillinger längst von den Banken des Raiffeisenkonzerns kontrolliert wird – er fungiere lediglich als eine Art Werbebotschafter für die unter seinem Namen vermarkteten Weine.

In Hillingers Kategorie spielen noch ein paar Regionalmonopolisten in der Wachau, im Weinviertel oder in der Steiermark eine beherrschende Rolle. Sie sind das Pendant zu den mächtigen tirolischen Seilbahn- und Liftunternehmen, die längst das gesamte Bundesland kontrollieren.

In der Corona-Krise ist nun sichtbar geworden, dass die Tiroler Lift- und Hoteloligarchen die Bundesregierung von Schwarz und Grün vor sich hertreiben – mit der Folge, dass die Öffnung der Schipisten alles andere in der Corona-Politik überstrahlt.

Sterbezahlen hin, Arbeitslose her – die Investitionen müssen sich rechnen. Es sind nicht mehr als ein halbes Dutzend ältere Herren, die davon profitieren. Ein Obermonopolist namens Schröcksnadel, ein mittlerweile knapp achtzigjähriger Tycoon, gebietet über Schiressorts im In- und Ausland, besitzt einen Gutteil der Zulieferindustrie für Liftanlagen und ist seit Urzeiten Präsident des österreichischen Schiverbands.

Er und seine Kollegen kontrollieren den Fremdenverkehr in den heimischen Alpen. Sie sind Bürgermeister in Städten und Schidörfern, Aufsichtsräte in Hochschulen, Landtagsabgeordnete und Landesräte, die im Rang von Ministern stehen.

Schigrößen wie Anna Fenninger, Hermann Maier und Marcel Hirscher fungierten als Testimonials der Tourismusindustrie. Wenn der Hirscher-Tross im Spätherbst auf Gletscher für Materialtests ausrückte, ähnelte der Aufwand Formel I-Testfahrten von Mercedes oder Ferrari in Spanien. Hirscher war eine lebende goldene Aktie des Big Business, eine Sehnenzerrung beschäftigte das Land mehr als die Wahl einer neuen Bundesregierung.“

„Könnte es sein, dass dies der Grund für Hirschers plötzlichen Rücktritt war? Dass der Schiheld genug davon hatte, als Testimonial der österreichischen Winterindustrie zu dienen?“, fragte der Dozent.

Herr Groll nickte. „Seither herrscht Dauerkrise im Schiverband. Rennen für Rennen reiben sich die abgehängten Kaderläufer verdutzt die Augen, wenn sie von Athleten- und Athletinnen aus Slowenien, Kroatien oder der Slowakei abgehängt werden.

Und die sportliche Leitung redet sich Woche für Woche auf zu viel Schnee, zu weißen Schnee oder fehlenden Schnee aus. Manchmal werden auch feindselige Steilhänge oder die Windverhältnisse vorgeschützt.“

„Ein Weinzampano und ein Alpenoligarch – sieht so das österreichische Monopolkapital aus?“

„Zu einem wichtigen Teil, verehrter Dozent. Über die privatisierte ehemalige Staatsindustrie und das in Österreich traditionell starke Finanzkapital reden wir ein andermal.“

Zwei Polizisten näherten sich. Herr Groll entfernte sich vom Dozenten, um den Abstandsregeln zu genügen.

Wohltat in bleierner Zeit

Gerlinde Grünn über die Ausstellung „Beim Schreiben werde ich mir fremd.“ Eugenie Kain (1960-2010) im Stifterhaus bis 27. Mai 2021

Eintauchen in eine Welt voll Erinnerungen und Poesie, das bietet derzeit die Ausstellung „Beim Schreiben werde ich mir fremd.“ des Linzer Stifterhauses über die Autorin und Schriftstellerin Eugenie Kain. Welche Wohltat und Trost ist dieser Ausstellungsbesuch in diesen bleiernen Zeiten einer in Krisen zerfallenden Welt.

Raum sinnlicher Wahrnehmung

Sechs als Boxen gestaltete Einheiten gewähren Einblicke in das literarische und journalistische Schaffen der viel zu früh verstorbenen Eugenie Kain.

Die Boxen unter den Überschriften Gehen, Fließen, Arbeiten, Träumen, Leben und Schreiben eröffnen eine Welt der Erinnerung und Poesie. Fotos, Filme, Tondokumente und Alltagsgegenstände von Eugenie Kain bilden einen Raum der sinnlichen Wahrnehmung und Berührung.

Das entspricht wunderbar der Persönlichkeit der Autorin und lädt zum mehrmaligen Wiederkommen ein. Im begleitend erschienen Sonderheft der Literaturzeitschrift „Rampe“ findet sich unter anderem auch die mit dem Max-von-der-Grün-Preis für Literatur der Arbeitswelt 1982 ausgezeichnete Erzählung „Endstation Naßzone“.

Es gibt wohl nur wenige literarische Texte, die es wie dieser verstehen die Arbeits- und Lebenswelt der Marginalisierten einzufangen.

Klarer Blick auf Verhältnisse

Und das zeichnet auch ihr Werk aus. Der klare Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten der Unterdrückung und Ausbeutung und die Sensibilität und Behutsamkeit im Umgang mit individuellem Erleben und Erfahrungen.

Ihr Prosawerk – die drei Erzählbände „Sehnsucht nach Tamanrasset“, „Hohe Wasser“ und „Schneckenkönig“ und die Erzählungen „Atemnot“ und „Flüsterlieder“ – gehören in jede Hausbibliothek und sind zur Schärfung des kritischen Auges und der Erbauung wärmstens empfohlen.

Journalistisches Engagement

Umfassend war auch das journalistische Engagement von Eugenie Kain. Ob in ihren Anfängen als Redakteurin der KPÖ-Tageszeitung „Volksstimme“ oder nach ihrer Rückkehr aus Wien bei den Linzer Medien „Versorgerin“ oder Radio FRO.

Immer aktuell hier etwa ihre Reportagen über die soziale und geographische Peripherie im „hillinger“ unter dem Titel „Linzer Rand“.

Von der Familie geprägt

Auch das Private kommt nicht zu kurz. Ihre Herkunft und Einbettung in eine vom kommunistischen Widerstand geprägten Familie, ihr Schriftstellervater Franz Kain, ihre Lebensgemeinschaft mit dem Liedermacher Gust Maly und die vielen die ihren Lebensweg kreuzten oder begleiteten, runden die Ausstellung ab.

Die Sicht ihrer Mutter Margit und ihrer Tochter Katharina auf Eugenie finden sich in der „Rampe“ zum Nachlesen.

Es bleibt zu hoffen, dass das Begleitprogramm nachgeholt und die Zugänglichkeit der Ausstellung trotz Pandemie im neuen Jahr wieder gewährleistet ist.

Aufstand im Kaufhaus

Ein Psychiater mit österreichischer Familiengeschichte kehrt aus New York nach Wien zurück und wird dort in einen Arbeitskampf der Beschäftigten eines Kaufhauses als Geburtshelfer einer Revolte involviert. Im Ergebnis wird sogar die Regierung gezwungen für drei Monate ins Ausland zu gehen. Und eine Zwischenregierung plakatiert: „Wohlergehen aller statt Bereicherung weniger“.

„Der Beschäftigten-Aufruhr wird erst zu einem Grätzel-, dann zu einem städtischen, schließlich zu einem landesweiten Protest gegen Ausbeutung und anti-, richtiger: asozialen Kapitalismus“ schreibt die „Wiener Zeitung“ (9.5.2020) zum neuen Buch von Michael Scharang und vergleicht es mit dem Aufruf „Empört euch!“, des französischen Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel.

„Aufruhr“ zeigt eine rote Linie seit Scharangs Frühwerk „Charly Traktor“ von 1973, freilich mit einer 2020 geänderten Problemlage. Der Anspruch des aus einer Kapfenberger Arbeiterfamilie stammenden widerspenstigen Autors – er lehnte 2016 aus Protest eine Ehrung der Stadt Wien ab – auf Kritik des realen Kapitalismus ist geblieben, was in neoliberalen Zeiten keineswegs verständlich ist.

Zur Charakterisierung der Intellektuellen „Hilflos, aber nicht unwissend“ widerspricht Scharang dem Vorwurf der Resignation: „Hilflos, was die Machtverhältnisse anbelangt, aber wissend als Aufklärer.“ Die Vision des Romans ist „eine friedliche Anarchie“, „eine erstmals demokratische, aufrecht antifaschistische Regierungsstruktur ohne Regierung, eine Graswurzelbewegung, die real sozial ist, auf dass niemand mehr sich knechten muss, um ökonomisch gerade so zu überleben, sondern jede und jeder von bezahlter Arbeit wirklich leben kann“ (Wiener Zeitung, 4.7.2020).

Recht skeptisch resümiert hingegen „Die Presse“ (29.5.2020), Scharangs Roman würde „an der Lust des Autors, alles zu erklären“ scheitern und räsoniert über einen „unbefriedigenden Schluss eines Romans, der Lesende am Gängelband führt. Und kritisiert, dass „zwar die Welt dargestellt wird, wie sie noch nicht ist, doch nicht, wie sie ist“ als ein „Alibi, welches der Autor benötigt, um seine Gesellschaftsanalyse zu platzieren.“ Denn solches scheint unerwünscht.

Michael Scharang, Aufruhr, Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 312 Seiten, 24,70 Euro.

Ein Kriegsmenü an der oberen Adria

Herr Groll auf Reisen: Groll besucht Ronchis nächst Udine und klärt über die Hintergründe des Marchfeldkanals auf. Von Erwin Riess

Fährt man von der alten Via Giulia Augusta, die Grado mit Udine und den Dolomiten verbindet, in Aquileia ab und nimmt die Regionalstraße nach Ronchi, überquert man nach gut einem Kilometer einen unscheinbaren Kanal. Unmittelbar nach der Brücke befindet sich eine Trattoria mit einem großzügig dimensionierten Parkplatz. Groll und der Dozent waren von hier aus aufgebrochen, um den Kanal zu beobachten, lange waren sie auf der Brücke gestanden, der Dozent mit einem Kunstreiseführer und Groll mit einer Lagunen- und Binnenschiffahrtskarte von Friaul.

Der Kanal, hatte Groll ausgeführt, sei zu römischen Zeiten mit den Wassern des Natissa gespeist worden, der wiederum den Binnenhafen von Aquileia dotierte, eine der größten Hafenanlagen der Antike. Der Dozent hatte ungläubig zugehört, dem Rinnsal vermöge er dessen große Vergangenheit nicht anzusehen, und auch die Lektüre des Aquileia-Kapitels helfe ihm nicht weiter.

Unbeeindruckt war Groll in seinen Erklärungen fortgefahren. Das Hafenbecken sei dreihundert- fünfzig Meter lang und fünfunddreißig Meter breit gewesen. Es könne kein Zufall sein, dass diese Maße exakt den Abmessungen der gegenwärtigen Kreuzfahrtschiffe entsprächen, die auf der berühmten Fincantieri-Werft im nur wenige Kilometer entfernten Monfalcone gefertigt würden. Der Dozent hatte nur den Kopf geschüttelt und gemeint, die Komplexe der Binnenschiffer drückten sich unter anderem darin aus, dass sie andauernd Maße mit der Seeschiffahrt vergleichen müssten. Er fühle sich darin in seiner Meinung bestärkt, dass Binnenschiffer eben doch nur die kleinen Brüder der Seeschifffahrt seien. Unsinn, hatte Groll gerufen und auf den Kanal des Natissa gewiesen. Der Hafen von Aquileia sei ein kombinierter See- und Binnenhafen gewesen, ähnlich den Häfen Lissabons, New Yorks, Hamburgs und Antwerpens. Daraufhin hatte der Dozent eingeworfen, dass im Jahr 453 Aquileia, damals immerhin die bedeutendste Stadt nördlich von Rom mit einigen zehntausend Einwohnern, und ihre Hafenanlagen von Attilas Truppen zerstört worden seien. Der Patriarch von Aquileia sei ins uneinnehmbare Grado geflüchtet und habe diese wunderbare Stadt im Stich gelassen.

Die Stadt sei längst am Ende gewesen, hatte Groll erwidert. Die Hunnen hätten eine Hülle vorgefunden, eine Geisterstadt, die sich längst selber aufgegeben hatte. Der Grund sei, wie nicht anders zu erwarten, in der Vernachlässigung der Schifffahrtswege gele- gen. Einem unbedeutenden Kaiser, der mit Aquileia über die Höhe der Olivenölsteuer im Streit lag, sei es nämlich gelungen, die beiden Flüsse, den Natissa und den Natisone, von Aquileia zum Isonzo umzulenken, worauf die Hafenanlagen und das merkantile Leben in der einst blühenden Stadt buchstäblich austrockneten. Woher Groll das wisse, hatte der Dozent gefragt. Von der Geschichte und den militärischen Hintergründen des Marchfeld-Kanals, hatte Groll geantwortet. Die offizielle Begründung für den Kanalbau – die Erhöhung des Grundwasserspiegels im Marchfeld – sei für jeden Beobachter als plumpe Ablenkung vom wahren Zweck des Kanals zu erkennen, nämlich Wien langfristig von der Donau abzuschneiden und, im Falle des Scheiterns der Verhandlungen zum Finanzausgleich, auszutrocknen. Wenn die Wiener einst mit Töpfen und Kannen zum Marchfeldkanal pilgern, der dann die zehnfache Dimension des gegenwärtigen haben werde, schlage die Stunde der niederösterreichischen Landesfürsten. Diese werde Wien austrocknen und zu einer Bezirksstadt Niederösterreichs degradieren. Gut möglich, dass sie oder er sich danach im Stiftsheu- rigen Klosterneuburg zum Kaiser krönen lasse.

Dann saßen die beiden im Schatten des weithin sichtbaren Turms neben der Basilika und tranken Kaffee. Der Dozent hatte sich so in Rage geredet, dass er zwei Cam- pari zur Beruhigung nötig hatte. Groll fand mit einer Flasche Merlot aus den Hügeln des Collio das Auslangen.