Raserei am Stavrovouni Monastery

Herr Groll auf Reisen: Von Erwin Riess

Während Groll Handschuhe überstreifte und eine Kappe aufsetzte, bereitete Chris, der Taxifahrer, sein Frühstück zu. Er winkte Groll kurz zu, der den Rollstuhl auf dem abschüssigen Parkplatz vor dem Kloster in Gang setzte. Der Berg, auf dem das Kloster Stavrovouni wie ein Adlerhorst klebte, war nur wenige hundert Meter hoch, aber er stieg wie eine Felsnadel aus der sanft geschwungenen Landschaft, und der Ausblick, der sich vom Kloster auf die Bucht von Larnaca, Kap Greco und Famagusta eröffnete, war atemberaubend.

Während Chris Weißbrot brach und Halloumikäse schnitt, wandte Groll sich der Straße zu und nahm die erste Kehre in Angriff. Es war ausgemacht, dass Chris in einer Stunde folgen sollte.

Die ersten Kehren bereiteten Groll großes Vergnügen. So früh am Morgen stand die Sonne nur wenige Handbreit über dem Horizont des östlichen Meers. Um den Berg strich eine frische Brise, der Geruch von Thymian und Salbei würzte die nachtkalte Luft. In den Krüppelkiefern am Rand der Straße lärmten Tausende winzige Vögel. Sie waren von der Art, die Zyprioten gern auf den Grill legen. Groll hatte mehrmals versucht, Geschmack am Fleisch der handtellergroßen Tiere zu finden, aber er hatte immer wieder vor den spitzen Knöchelchen der Vögel kapitulieren müssen.

Nach den ersten Serpentinen wurde die Straße zusehends steiler. Groll hatte Mühe, nicht aus dem Rollstuhl zu rutschen, auch fiel es ihm immer schwerer, mit den Händen zu bremsen. Die Handschuhe wurden zuerst warm, bald darauf aber heiß, und zu seinem größten Entsetzen bemerkte Groll, dass sie sich aufzulösen begannen.

Er wusste, dass mit dem Überschreiten einer bestimmten Geschwindigkeit die Vorderräder flattern und danach blockieren würden, worauf er auf die Straße oder in die stacheligen Busche am Wegrand katapultiert werden würde. Seinen Freund Chris um Hilfe zu rufen, war aussichtslos, die Entfernung war zu groß.

Grolls Hände brannten wie Feuer. Er fuhr in Schlangenlinien, um die Handinnenflächen, die er abwechselnd an die Treibreifen des Rollstuhls presste, zumindest zeitweilig zu kühlen. Die Unwucht in den Hinterrädern führte dazu, dass der Rollstuhl nicht gleichmäßig zu bremsen war, sondern widerliche Schläge an die Hände weitergab. Groll war vollauf damit beschäftigt, den Rollstuhl auf der Straße zu halten.

Ein Hornsignal, das dreimal vom Berg zurückgeworfen wurde, wusste er nicht zu deuten, und den blutjungen Soldaten, der mit quergehaltenem Karabiner die Straße sperren wollte, fuhr er fast über den Haufen. Nur ein katzengleicher Sprung rettete den Burschen vor einer Kollision. Groll bog in eine lange, steil abschüssige Gerade ein. Plötzlich hörte er das gleichmäßige Tackern eines schweren Maschinengewehrs.

Am Ende der Geraden zogen Garben von Leuchtspurmunition über die Straße. Groll überlegte, ob er gegen die Bergwand fahren oder einen Sturz ins Gebüsch riskieren sollte. Plötzlich fühlte er, wie der Rollstuhl zurückgerissen wurde. Er suchte verzweifelt mit den Händen nach Halt, da war der Soldat auch schon neben ihm und warf sich auf Groll. Als die beiden zum Stillstand kamen, dröhnten Maschinengewehrsalven über ihren Köpfen.

Der Soldat, so erfuhr Groll später, war ein junger Grieche, der seinen Armeedienst in Zypern ableistete. Er habe ihm gleich zweimal das Leben gerettet, einmal vor den Kugeln und das andere Mal vor dem Abgrund, sagte Groll und bedankte sich bei dem Griechen mit einem Wimpel des SC Wien-Nord, den er für Notfälle aller Art im Netz des Rollstuhls mit sich führte.

In einer Manöverpause begleitete der Soldat Groll ins Tal. Das Gefälle war groß, aber mit dem Jungen an den Haltegriffen und dem abwechselnden Einsatz der Hände war bald das Schlimmste überstanden. Groll genoss den böigen Wind, er kühlte seine schweißnasse Stirn.