An den Taten sollt ihr sie erkennen!

Daniel Steiner über mangelnde medizinische Versorgung

„Rote Gfraster“, „Pöbel“ und „Hure der Reichen“, die Chats der ÖVP geben in letzter Zeit einiges Unterfutter für Empörung, speziell in sozialen Medien, her. Wobei sich der Gedanke aufdrängt, dass die Entrüstung mehr über den Grad der Naivität der Aufgeregten als über die Verderbtheit der Verfasser*innen dieser schnippischen Bemerkungen verrät.

Was hat man den geglaubt? Dass sich in der ÖVP sozialismusaffine Menschenfreunde mit höchsten moralischen Ansprüchen tummeln? Dass diese Leute irgendetwas anderes im Blick haben als den eigen Vorteil? Dass einem wie Schmid das Wohlergehen des Volks wichtiger ist als sein Kontostand?

Natürlich kann es allein aus Gründen der persönlichen Psychohygiene manchmal befreiend sein, in den offene Wunden des politischen Gegners zu bohren und sich an den hanebüchenen Ausreden der Machteliten zu ergötzen. Und selbstverständlich manifestiert sich in diesen Äußerungen das bekannte grausliche Weltbild der Konservativen.

Problematisch wird es allerdings, wenn man vor lauter Verdruss über Halblustigkeiten geldgieriger Karrieristen und Innen die tatsächlichen Sauereien durch Versäumnisse jahrzehntelanger ununterbrochener ÖVP-Herrschaft aus den Augen verliert.

In Oberösterreich etwa gäbe es wesentlich wichtigere Dinge um sich aufzuregen, bricht doch im Schatten der Schmid-Chats gerade nichts weniger als das Gesundheitssystem zusammen. Und dabei ist nicht einmal das kaum vorhandene Pandemiemanagement im Bundesland ob der Enns gemeint.

Auf den Bezirk Perg kommt im nächsten Jahrzehnt eine Pensionierungswelle bei den Hausärzt*innen zu. Bereits jetzt konnten vakant gewordene Praxen nur mit Ach und Krach nachbesetzt werden. Aufgrund der radikal sinkenden Anzahl an Hausärzt*innen kollabiert gerade das System des Hausärztlichen Notdienstes (HÄND).

Im Raum Linz etwa gebar die allmächtige Volkspartei die glorreiche Idee, den Mangel an Mediziner*innen zu kompensieren, indem man ab 1. April, leider kein Scherz, in den Nachtstunden den HÄND mit Pflegepersonal statt Ärzt*innen zu besetzen gedenkt. Ich denke, darüber sollte man sich stärker empören!

Wurmfreiheit für alle!

Karin Antlanger sieht das Hoamatland gegen die Wand rennen

Oberösterreich ist Europameister bei der Bodenversiegelung, Bundessieger bei den niedrigsten Frauenlöhnen, rekordverdächtig im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Salzburg bei den Corona-Infektionszahlen. Aber dafür haben wir eine von Weitsicht befreite Landesregierung und sind obendrein wurmfrei. Freiheit auf oberösterreichisch.

Die Gesundheitslandesrätin sprach auch noch kurz vor dem Aufprall an die Wand davon, dass sie sich die Coronazahlen genau anschauen würde. Da ihr Anschauen mehr ein Zuschauen war, endete es ein paar Tage später in einem neuerlichen Lockdown. Dem sonst so lauten Pochen auf den Föderalismus folgte der kleinlaute Ruf der schwarzen Landeshauptleute nach klaren Anweisungen durch die Bundesregierung.

In Wels durften Coronaschwurbler eine Krankenhausausfahrt unter Polizeiaufsicht blockieren. Hätten linke Demonstranten Vergleichbares gemacht, wären vermutlich Wasserwerfer zum Einsatz gekommen. In den Krankenhäusern wird schon triagiert, indem notwendige Operationen zugunsten von nicht geimpften Coronaleugnern abgesagt werden, weil diese die Intensivbetten belegen.

Expert*innenmeinungen wurden den Sommer über bis Oktober wegen der Landtagswahlen ignoriert, dafür haben wir weiterhin eine Gesundheitslandesrätin, die in ihrem Wirtschaftsstudium wohl eher die Gewinnmaximierung durch Kostensenkung im Gesundheitswesen erlernt hat, als dass sie auf das Gemeinwohl der Bevölkerung fokussieren würde. Eine Landesregierung, die aus Rücksicht auf ihren blauen Koalitionspartner bis zuletzt zugeschaut hat. Wäre sie ein Wirtschaftsbetrieb, hätte sie schon längst Konkurs anmelden müssen.

Aber die Hoamatlandler besorgen sich lieber gefälschte Impfnachweise, gehen trotz Absonderungsbescheids ins eigentlich geschlossene Fitnessstudio und nehmen ohne Maske an Corona-Demos teil. Da können sie es „dem Staat mal so richtig zeigen, was sie von ihm halten.“ Sie merken es nicht, dass es „die da oben“ sind, die es ihnen zeigen. Die sog. Eliten sind längst doppelt und dreifach geimpft, während „die da unten“, die sich nur noch auf Gratis-Infos aus dem Netz in Form von Verschwörungsmythen verlassen, zum geschmuggelten Wurmmittel greifen.

Was wohl Darwin zu dieser Entwicklung sagen würde? Der Mensch als Irrläufer der Evolution?

Vor dem Kollaps

Die Situation in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen war bereits vor der Pandemie angespannt. Doch seit knapp zwei Jahren arbeiten große Teile des dortigen Personals am Anschlag. Dennoch ignorieren Landeshauptleute und Bundeskanzler die Hilfeschreie aus den Krankenhäusern oder reden die Lage mit blumigen Worthülsen schön.

Sie zeigen damit klar, dass ihnen das überlastete Personal gleichgültig ist. Dieses bewusste Zögern wird in den kommenden Wochen und Monaten massive Konsequenzen nach sich ziehen: Langzeitkrankenstände, Burn-Out, Kündigungen und Proteste werden sich massiv erhöhen. Dadurch wird es immer noch schwieriger werden die Dienstpläne einzuteilen. Ganz zu schweigen davon, dass die in der vierten Coronawelle verschobenen Operationen irgendwann nachgeholt werden müssen.

Eine deutlich höhere Entlohnung, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich, eine sofortige Ausbildungs- und Personaloffensive inklusive Bezahlung der Ausbildungskosten können die unmittelbar notwendigen Maßnahmen gegen die Pandemie nicht ersetzen. Aber sie wären ein enorm wichtiges Signal an alle (potenziellen) Mitarbeiter*innen für die Zukunft.

Peter März

Teure HPV-Impfung

Während Covid19 nach wie vor in aller Munde ist, wird über andere Volkskrankheiten und deren Auswirkungen der Mantel des Schweigens gehüllt, so etwa über HPV, den Humanen Papillomvirus. Der Erreger verursacht Geschlechtskrankheiten und kann sich durch Warzen auf der Haut und im Genitalbereich bemerkbar machen.

Die meisten HPV-Infektionen heilen aber unbemerkt aus, nichtsdestotrotz kann es auch lange nach einer Infektion zu Gewebsveränderungen oder gar bösartigen Tumoren, wie etwa Gebärmutterkrebs, kommen.

Laut Sozialministerium werden in Europa jährlich 33.500 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs mit etwa 15.000 Todesfällen registriert, in Österreich ca. 400 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs, das bedeutet etwa 130 bis 180 Todesfälle pro Jahr. Diese Todesfälle wären leicht zu verhindern, da gegen HPV hochwirksame Impfungen existieren.

Im Gegensatz zur Gratis-Covid-Impfung sind die Kosten für die Immunisierung gegen dieses Virus nach dem 15. Lebensjahr selbst zu tragen. Eine vollständige Immunisierung (alle drei Teilimpfungen) kostet laut Informationen des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger in Österreich 624 Euro. Wahrlich kein Pappenstiel, besonders für armutsbetroffene Personen.

Daniel Steiner

Cartoon: Karl Berger, http://www.zeichenware.at

Britische Variante

In Großbritannien warten Menschen angeblich bis zu drei Jahre auf einen Zahnarzttermin in einer Kassenordination.

Als frustrierte Kund*innen wissen wir, dass etwa Zahnimplantate von der ÖGK nicht bezahlt werden, die jährliche Mundhygiene nur dann, wenn sie der Zahnarzt persönlich durchführt und nicht seine extra dafür gut ausgebildete Assistentin und dass für Kontaktlinsen, die besser verträglich sind, auch nur alle zwei Jahre der Jahresbedarf übernommen wird.

Bereits unter SPÖ-Regierungsbeteiligung hat eine schleichende Zersetzung unseres Gesundheitssystems begonnen: Unattraktive Kassenverträge führten zu einer „Drei-Minuten-und-dann-ein-Rezept“ Medizin – da kann man gleich Dr. Google fragen und sich über eine Online-Apotheke versorgen.

Oder eben eine Wahlarztpraxis aufsuchen, wo sich jemand dreißig Minuten Zeit nimmt und alles ordentlich ab- und erklärt. Und dann zahlt die Krankenkasse nur 60 Prozent des Betrages zurück, den sie bei einem Kassenvertrag bezahlt hätte! Ein gutes Geschäft für die Kasse.

Da wundert es niemanden mehr, dass sich die Versicherten nicht für die Beibehaltung der Selbstverwaltung eingesetzt haben. Wozu auch, wenn alles demontiert wird.

Karin Antlanger

Marktlogik mitgelacht

Sven Janson über das Impfchaos.

Es hat „lange gebraucht […] bis irgendetwas rausgekommen ist“ doch nun ist „auf einmal ein ganzer Schwall“ an Impfdosen „gekommen“. Bis zum Ketchup-Effekt bei der Beschaffung von Impfdosen gegen COVID-19 wurden aber viele Pommes ohne Ketchup verzehrt.

Zu Beginn verlief ja alles recht gut, wurden doch recht schnell zwei der aktuell zugelassenen Impfstoffe in Europa entwickelt. Weitere Zulassungen sollten folgen. Und während einige Länder außerhalb der EU beherzigt zuschlugen und sich mit Impfdosen eindeckten, wurde zwischen EU-Kommission und Pharmakonzernen lang verhandelt, um den Preis möglichst gering zu halten.

Es ist sicherlich ein hehres Ziel nicht zu viel für Impfstoffe zu bezahlen, deren Entwicklung vorher unterstützt wurde, und damit den großen Pharma-Unternehmen nicht zu viel Geld in den Rachen zu werfen. Leider wurde aber nicht die viel gepriesene Marktlogik mitgedacht, denn wer weniger zahlt muss sich dann auch hinten anstellen und länger auf das Produkt warten. Und impften die einen schon, während die anderen noch feilschten. Irgendwann ist jegliche Verhandlung auch mal beendet und es wurde stolz verkündet, dass mehr als genug Impfdosen gekauft wurden.

Nun ging es also um die Verteilung und ähnlich wie bei der EU-weiten Verteilung von Flüchtlingen konnte man schon ahnen, dass das wohl nicht gut ausgehen wird. Zumal es innerhalb der einzelnen EU-Länder weitere bürokratische Mühlen gibt, die besonders langsam und selbstbestimmt mahlen. In Österreich hätte laut Epidemiegesetz zwar das Gesundheitsministerium alle nötigen Befugnisse, um einen einheitlichen Impfplan durchzusetzen, wer aber die Kraft des Föderalismus kennt weiß, dass Papier geduldig ist.

Und so kam es letztlich, wie es kommen musste: Keiner wusste mehr wer, wann und wo in welchem Bundesland geimpft wird! In Niederösterreich erfolgt die Anmeldung so und in Wien wiederum so. Letztlich wurde deutlich, warum diese horrende Zahl an Impfdosen bestellt wurde, die die Zahl der Einwohner*innen der EU deutlich übersteigt. Denn allen Beteiligten schien vorher klar zu sein, dass die eine oder andere Dosis in den Mühlen der Bürokratie zermalmt und nie in den Armen der Patient*innen landen wird.

Im Spital

Die Gartlerin war lange nicht im Garten, dafür im Spital, in dem, das vor nicht allzu langer Zeit endgültig dem Land OÖ in den Rachen geworfen wurde. Die Kommune hat jede Beteiligung abgegeben, aus dem AKH wurde das Kepler Universitätsklinikum, jetzt betrieben vom Land in Kooperation mit der Kepler Uni.

Und dadurch wurde das Spital von einem Ort der bestmöglichen Gesundheitsversorgung zu einem Prestigeprojekt. Nichts gegen Wissenschaft und Lehre, nur weht halt seither ein anderer Wind.

„Wirtschaftlichkeit und Effizienz“ wird das genannt, wenn für die Universität ein nagelneues Gebäude hingestellt wird, für das ein Großteil des wertvollen Innenstadtparks mit altem Baumbestand geopfert wurde, auf der Station das Pflegepersonal vor Stress rotiert und das Bad aus den 80ern schimmelt.

Für Renovierung gibts offenbar kein Geld. Dafür wird man nach der Religionszugehörigkeit gefragt und im Zimmer hängt ein Kreuz. Müssen neue MitarbeiterInnen bald nachweisen, dass sie regelmäßig Kirchenbeitrag zahlen? Schleichende Katholisierung! Lehrende Frauen an der neuen Medizinuni: Null.

Das missfällt Eurer Mira Mohn