Progressive Ansätze zerschlagen

Jürgen Heiser über die Mär von der Frauenbefreiung

Afghanistan war Anfang der 1970er Jahre eines der ärmsten Länder der Erde, laut den Vereinten Nationen das am geringsten entwickelte Land Asiens. Über 90 Prozent der Menschen waren Analphabeten, Frauen führten diese traurige Bilanz mit 96 Prozent an.

Nach den in westlichen Medien zunächst kolportierten „Garantien“ der neuen Machthaber in Kabul, Pressefreiheit und Frauenrechte „achten zu wollen“, zeigten sich diese schließlich doch besorgt, die Taliban könnten die angeblich von NATO-Truppen gesicherten Rechte von afghanischen Mädchen und Frauen wieder beseitigen.

Allerdings kam es nicht erst während des ersten Taliban-Emirats zur Unterdrückung von Frauen, aus der sie der NATO-Einmarsch vorgeblich „befreite“. Diese bis heute gepflegte Mär des Westens stellt die Geschichte Afghanistans und speziell des Freiheitskampfes der Frauen auf den Kopf. Im 2001 von der US-geführten Kriegsallianz begonnenen Angriff auf das Land ging es nie um die Befreiung der Frau. Wer das dennoch behauptet, will vergessen machen, dass es gerade die USA, ihre Geheimdienste und europäischen Verbündeten waren, die den in den 1960er Jahren von den afghanischen Frauen begonnenen Kampf um Gleichberechtigung niederschlugen.

Damals hatte der gesellschaftliche Aufbruch vor allem die urbane Jugend erfasst, und es entstand eine starke säkulare Studenten- und Frauenbewegung. Sozialistische und kommunistische Organisationen wurden gegründet, und linke Parteien entwickelten revolutionäre Programme für eine demokratische Umgestaltung. Wie in anderen Teilen der Welt war dieser Aufbruch sicher auch in Afghanistan mit taktischen und strategischen Fehlern behaftet, aber dennoch ein kolossaler Fortschritt.

Eine Zeitzeugin dieser Entwicklung ist die US-amerikanische Journalistin Marilyn Bechtel: Selten sei es dabei um die Anstrengungen gegangen, „die das afghanische Volk in den späten 1970er und 1980er Jahren unternahm, „um sich vom Erbe der unablässig Krieg führenden Stämme und Feudalherren zu befreien und einen modernen demokratischen Staat aufzubauen“.

Auch über die Politik der Sowjetunion in diesem Prozess seien viele Worte gefallen – „meist verzerrt“, wie die Journalistin konstatierte. Denn dabei sei es nie um die fortschrittliche Rolle gegangen, die die junge Sowjetunion lange vor 1978 spielte. Anders als das zaristische und das britische Imperium habe die „neue revolutionäre Regierung in Moskau die Unabhängigkeit Afghanistans anerkannt“ und das Land schon seit den 1920er Jahren beim Aufbau erster Infrastrukturprojekte unterstützt.

Die in Afghanistan geborene Journalistin Sahra Nader zog ebenfalls eine vernichtende Bilanz. „Die USA unterstützten die afghanischen Mudschaheddin, eine fundamentalistische Islamistengruppe, die einen Stellvertreterkrieg gegen die Sowjets führte.“ In dieser Zeit seien die Rechte der Frauen und die Menschenrechte generell für niemanden in den USA oder anderen westlichen Ländern von Bedeutung gewesen.

Indem die von den USA aufgerüsteten Milizen seit den 1980er Jahren ihre Aufgabe erfüllten, den Einfluss der Sowjetunion mit Gewalt zurückzudrängen, zerschlugen sie gleichzeitig alle progressiven Ansätze im Land und wiesen den Frauen lediglich den Platz im Haus zu.

Aus „Junge Welt“ (26.8.2021), gekürzt

Krasse Differenzen

Heike Fischer über den Jammer mit den Equal Days

Vor zehn, zwölf Jahren noch war oft die Frage zu hören „Was ist denn ein Equal Pay Day?“. Mittlerweile ist er in aller Munde – mal im Februar, auch im September, Oktober und neuerdings auch im Juli, August als Equal Pension Day.

Eines haben sie alle gemeinsam: Sie zeigen die großen Einkommensunterschiede der Geschlechter auf mit dem Fazit, dass die Frauen dabei schlecht abschneiden. Gemessen im Februar haben Frauen symbolisch bis dahin unbezahlt gearbeitet. Gemessen im Oktober, arbeiten Frauen ab da gratis – immer ausgehend vom durchschnittlichen Bruttoverdienst beider Geschlechter. Beim Equal Pension Day, der heuer auf den 1. August fiel, hatten Männer bereits so viel Pension erhalten wie Frauen bis zum Ende des ganzen Jahres erhalten werden.

Die Ursachen dafür werden hinlänglich kommuniziert und interpretiert. Zum einen ist es die unterschiedliche Berufswahl. Meist sind es Frauen, die in schlecht bezahlten Branchen wie Gesundheit, Pflege, Handel und Dienstleistungen schuften. Und in denen oft auch nur Teilzeitjobs angeboten werden. Zum anderen sind familienbedingte Unterbrechungen eine Ursache. Sind es doch meistens die Frauen, die bei den Kindern daheim bleiben, sich um den Haushalt kümmern oder Angehörige pflegen. Die logische Folge ist ein entschieden geringeres Erwerbseinkommen der Frauen und damit auch eine deutlich geringere Pension.

All diese Equal Days klären uns regelmäßig darüber auf, wie und warum in unserer Gesellschaft Frauen benachteiligt werden. Manchmal blitzt ein wenig Freude auf, weil sich die Equal Days um ein, zwei Tage Richtung Angleichung zu Männern und zu Gerechtigkeit hin verschoben haben. Aber große Sprünge sind das längst noch nicht.

Auffällig ist, dass die Equal Days-Aktionstage fast ausschließlich von Frauen an die Öffentlichkeit gebracht werden, sei es in Interviews, Statements oder Straßenaktionen. Wogegen scheinbar die Männer das Thema locker nehmen (können). Aber nur gemeinsam können „Frauenjobs“ finanziell aufgewertet werden und eine gerechte Aufteilung der unbezahlten Arbeit erfolgen. Ein geeigneter Ansatz dafür wäre eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Diese nützt allen was und bewirkt in logischer Folge auch eine wirksame Angleichung der Einkommen.

Spirale nach unten

Karin Antlanger über die Teilzeitpläne von ÖGB und AK.

Ausgerechnet zum Equal-Pension-Day gingen Arbeiterkammer und ÖGB mit einer Forderung in die Offensive, die sogar bei Bürgerlichen für Kopfschütteln sorgte: Eltern, die beide Teilzeit arbeiten, sollen einen Bonus von monatlich 250 Euro bekommen, wenn sie ihre Arbeitszeit auf 28 bis 32 Stunden pro Woche reduzieren.

Das ganze bis zum vierten Geburtstag des Kindes. Dadurch solle Familienarbeit besser aufgeteilt werden. Auch Alleinerziehende sollten diesen Bonus bekommen – wer dann allerdings die zweite Hälfte der Familienarbeit übernehmen soll, wird nicht gesagt.

Oberösterreich hat die Nase vorn – die Frauen haben das Nachsehen: Die Männerpensionen liegen um 200 Euro über dem Bundesdurchschnitt. Es gibt bundesweit die niedrigsten Frauenpensionen. Im Verhältnis sind am wenigsten Frauen pensionsversichert. Oberösterreich hat die niedrigste Betreuungsquote bei unter Dreijährigen.

Und all das in einem „Industrieland“, das angeblich so gut durch die Krise(n) gelenkt wurde. Wozu sollen die Frauen denn Vollzeit arbeiten, wenn die Männer in der Metallindustrie eh genug verdienen? Wozu überhaupt arbeiten, wenn der Alte eh die Kohle nach Hause bringt?

Und wozu soll sich eine Gewerkschaft noch für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn stark machen, wenn die Menschen doch freiwillig eine Arbeitszeitverkürzung mit Lohnkürzung hinnehmen? Nur weil der ÖGB seit 45 Jahren keine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung erreichte, habe er sich von dieser mehr als überfälligen Maßnahme in der Praxis endgültig verabschiedet.

Angriff auf Pensionssystem

Dass die vorgeschlagene Familien-Teilzeitarbeit nicht nur die Pensionen der Betroffenen kürzt, sondern auch das Pensionsversicherungssystem ins Schwanken bringt, da bei Teilzeitarbeit auch weniger Versicherungsbeiträge eingezahlt werden, ist Gewerkschafts- und AK-Funktionär*innen entweder nicht bewusst oder sie nehmen es in Kauf.

Oder setzen sie auf private Pensionsvorsorge? Das wäre mindestens ebenso fahrlässig wie unverantwortlich. Es stellt sich immer mehr die Frage, wessen Interessen diese Funktionär*innen wirklich im Fokus haben.

Der Anteil der Männer, die in Karenz gehen, ist nach wie vor gering. Wen wundert’s? Sind doch die finanziellen Einbußen für Männer meist so viel höher als für die im Schnitt viel geringer entlohnten Frauen. Da würde auch ein Familienbonus von 250 Euro nicht viel dran ändern. Was sich aber tatsächlich ändern würde, wäre, dass Frauen dadurch kaum mehr Pension bekämen, dafür aber die Männer weniger.

Ist das die Gleichheit, auf die AK und ÖGB hinarbeiten? Nicht gleicher Lohn für gleiche Arbeit und damit Anhebung der Fraueneinkommen, sondern gleich wenig für alle, auch für Männer, also eine Nivellierung nach unten. Und das Thema Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn für alle Beschäftigten würden sie damit auch unter den (Verhandlungs-)Tisch fallen lassen.

So lange es keine flächendeckenden, qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungseinrichtungen auch für unter 3-jährige gibt, und solange den Frauen immer noch ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie Vollzeit berufstätig sind, wird es keine Chancengleichheit und existenzsichernde Alterspensionen für Frauen geben. Und die Forderung nach einer 30-Stundenwoche wird den Gewerkschafter*innen weiterhin wie ein pornografischer Witz die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Techno Power

Mein technisches Studium habe ich 2012 mit 47 Jahren an der FH Wels abgeschlossen. Der Studiengang Produktdesign und Technische Kommunikation war auf „Wiedereinsteigerinnen“ ausgerichtet, die vom Arbeitsmarktservice dazu eingeladen wurden, welches auch die Kosten für das Einkommen in Höhe des Arbeitslosengeldes übernahm.

Die meisten Kolleginnen hatten kleine Kinder, etwa die Hälfte des Lernstoffs war zu Hause zu erarbeiten. Das wird vielen Frauen, die jetzt Homeoffice plus Homeschooling aufgebrummt bekommen, gut bekannt sein. Zu Hause arbeiten und „nebenbei“ die Kinder beaufsichtigen. In der Realität schaut das dann so aus, dass die Mütter die Lern- und Arbeitszeit eben von ihrer Nachtruhe abzwacken.

Trotz aller Schwierigkeiten ist das Programm Frauen in Handwerk und Technik (FIT) eine Erfolgsgeschichte, alle Kolleginnen hatten danach einen gut bezahlten Job. FIT existiert nach wie vor, entscheidend ist dafür aber, ob es auch offensiv beworben wird, damit Frauen überhaupt davon erfahren. Für das Arbeitsministerium hat die Höherqualifizierung von Frauen offenbar keine Priorität.

Wer soll denn mit den Kindern lernen, wenn sich die Frauen in die Fertigungshalle oder ins Forschungslabor vertschüssen? Na eben!

Bärbel Rinner

Männergewalt

Jedermann weiß, dass zum Streiten zwei gehören. Wenn der Streit „ausufert“, ist jemand verletzt oder tot. Das sind meist die Frauen. Sie wird es schon irgendwie herausgefordert haben, sie hat ihn provoziert/betrogen/verlassen.

Das „Ehedrama“ geht in Österreich für Frauen besonders oft tödlich aus, 2021 haben schon sechs Männer gemordet, wir haben Anfang Februar. Sind die Taten allein schon schrecklich genug, setzt der Boulevard hämisch noch eins drauf, mit Victim-blaming und großem Mitgefühl für den Täter, der „keinen anderen Ausweg mehr sah“ und in verständlicher Erregung leider zu weit gegangen ist.

Nicht nur Kleinformat und Krawallblatt, auch konservative Zeitungen vermitteln, die Opfer von Gewalttaten seien einer Art Naturkatastrophe zum Opfer gefallen. Tragisch, aber leider nicht zu verhindern: „Familientragödie: Dreifache Mutter (35) wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Sie wies mehrere Stichverletzungen auf.“

Gegen Gewalt hilft Prävention in vielerlei Form, nicht zuletzt gleiche Bezahlung, um Unabhängigkeit zu gewährleisten. Gegen idiotische Berichterstattung helfen Leser*innenbriefe, jedes Mal, möglichst viele, möglichst deutlich.

Bärbel Rinner

Weibliches Ebel

Im März 2020 stimmte der Gemeinderat dem gemeinsamen Antrag der Grünen und der KPÖ zu, alle Verkehrswege im künftigen Stadtteil „Garten Ebel“ nach Frauen zu benennen. Ein dringend notwendiges Zeichen, denn derzeit sind nur 47 der insgesamt 1.152 Linzer Straßen nach Frauen benannt – hingegen 510 nach Männern.

Der KPÖ gelang es bereits zwei Straßenbenennungen nach Frauen durchzusetzen: 2006 ehrte die Stadt die im Lager Schörgenhub ermordete Gisela Tschofenig-Taurer (1917–1945), 2011 erfolgte diese Anerkennung für die Schriftstellerin Henriette Haill (1904–1996).

Die KPÖ hat zudem eine Liste mit zahlreichen Persönlichkeiten für eine Würdigung im „Garten Ebel“ erstellt. Neben Anna Gröblinger, Margarete Müller, Elisabeth Rechka, Theresia Reindl, Cäcilia Zinner und vielen weiteren ist hier die 2010 verstorbene Schriftstellerin Eugenie Kain hervorzuheben.

Kain setze sich in ihren Werken mit den städtischen Randzonen und deren Bewohner*innen auseinander, beschrieb deren Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse. Sie gewann zahlreiche Literaturpreise, war Redakteurin der Stadtzeitung „hillinger“ und Mitbegründerin der Linzer Obdachlosenzeitung „Kupfermucken“.

Peter März

Selbst schuld, ihr Frauen!

Heike Fischer über Homeschooling in Corona-Zeiten.

Rolle rückwärts bei der Gleichberechtigung: Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie drängen viele Frauen in alte Rollenmuster zurück. Die Schließung von Schulen und Kindergärten hat den Alltag der Familien auf den Kopf gestellt. Frauen leisten Homeoffice und Homeschooling parallel, stemmen den Haushalt und halten dem Mann den Rücken frei.

Corona wäre eine Chance für mehr Gleichberechtigung. Denn alle sitzen im selben Boot: Möglichst zu Hause bleiben, im Homeoffice arbeiten, die Kinder am Küchentisch unterrichten. Die perfekte Gelegenheit die neuen Aufgaben fair zu verteilen.

Wann, wenn nicht jetzt, sollten Kollegen und Geschäftspartner Verständnis dafür aufbringen, wenn die kleine Emma in die Videokonferenz platzt, weil sie mal aufs Klo muss? Sollte Chef oder Chefin erklärt werden können, dass die Mittagspause verlängert werden muss, um dem Großen bei Mathe zu helfen? Hätten Eltern gemeinsam auf die besondere Doppelbelastung durch Job und Familie aufmerksam machen können? Doch es läuft anders. In der Krise übernimmt die Frau Kinder und Küche, der Mann konzentriert sich auf das Wesentliche. Eine Mutter sagt, es sei ihrem Mann einfach nicht zuzumuten, im Homeoffice die Kinder zu betreuen. Also tut sie es.

Die Männer halten sich für „systemrelevant“, obwohl meistens Frauen das System am Laufen halten. Sie sitzen an den Kassen der Supermärkte und Drogerien, schuften in Alten- und Pflegeheimen, erhalten in den Kindergärten den Notbetrieb aufrecht. Und nach der Arbeit gehen sie noch schnell einkaufen, kochen, schmeißen die Waschmaschine an und pauken mit den Kindern Englisch-Vokabeln. Mama macht das schon.

Frauen dürfen nicht einmal zu laut jammern. Sie hätten diese Rollenverteilung nicht schlucken dürfen. Sie hätten aufstehen, sich vor ihren Partner stellen und sagen müssen: „Mein Job ist genauso wichtig“. Sie hätten sich weigern müssen, die zusätzliche Last allein zu tragen. Dann würde die gesellschaftliche Debatte darüber in Gang kommen.

Es hätte schneller Konzepte für die Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten gegeben, wenn auch Männer die Konsequenzen der Schließung tragen müssten. Doch statt Fairness zu fordern, haben sich die Frauen dem jahrhundertealten Rollenbild unterworfen. Rückschritt statt Revolution: Eine historische Chance vertan!

Maskuliner Terror

Michael Schmida über toxische Männlichkeit

Beziehungsdrama und Ehrenmord sind beschönigende Bezeichnungen für männliche Gewalttaten an Frauen. Aber auch der typische Amokläufer oder Terrorist ist ein Mann. Dazu kommen Beispiele aus der ganzen Welt, die belegen, dass die Bereitschaft menschenfeindliche Ideologien mitzutragen und gegebenenfalls auch in die Tat umzusetzen, Ersteres mehrheitlich, Letzteres fast ausschließlich ein männliches Phänomen darstellt.

Warum aber, wenn es so eindeutig auf der Hand liegt, von wem geschlechtlich betrachtet Gewalt ausgeht bzw. wer Gewaltverhältnisse fördernde Ideen bevorzugt, wird diesem Umstand so wenig bis gar keine Beachtung geschenkt? Vielleicht deshalb, weil es sie schon so lange gibt? Die mehr als zehntausend Jahre dauernde Geschichte der männlichen Dominanz ist eben auch eine Kriegs- und Gewaltgeschichte.

Aber nichts ist für immer gegeben. Es gibt auch Fortschritte. Männlichkeitsbilder sind andere als etwa noch vor 50 Jahren. Rollenverteilungen verändern sich. Zwischenmenschliche Beziehungen werden offener und veränderbarer im Vergleich zu früher ge- und erlebt. Zwar nicht auf einen Schlag, aber sie sind im Wandel begriffen. Die Ökonomie verzögert bestimmte Entwicklungen.

Die Ungleichheit in der Sphäre der Lohnarbeit dauert an. Der Kapitalismus will sich nicht vom Patriarchat verabschieden. Zusätzlich sind Frauenjobs sehr oft öffentliche Jobs im Bereich der Sorge-, Erziehungs- und Pflegearbeit. Der Staat als Arbeitgeber will auch nicht mehr zahlen. Aber der Umstand, dass in Österreich etwa der Unterschied bei den Einkommen besonders hoch ist, wird thematisiert und sensibilisiert.

Der „Gender Pay Gap“ setzt sich in anderen Bereichen fort: Österreich ist ein, im Vergleich mit anderen „westlichen“ Industrieländern, rückschrittliches Land, mit weniger Kinderbetreuungsangeboten, Väterkarenzen und Männerteilzeitanteil. Auf der Sphäre des Symbolischen, was immer mehr ist als nur Symbol, sondern immer auch ein Gradmesser der menschlichen Entwicklung, mögen zwar die Nennungen beider Geschlechter in der Bundeshymne viel Empörung auslösen, aber wenn Duden und ORF einmal gendergerechte Sprachregelungen umsetzen, wurde auch hier wieder ein kleiner Fortschritt erzielt – wenn nicht der nächste rechte Backlash zaghaft gewonnene Freiheiten und kulturelle Entfaltung wieder zunichte macht.

Aber, um wirklich rechten Männerbewegungen, neuen Faschismen und individueller männlicher Gewalt dauerhaft etwas entgegensetzen zu wollen, müsste das „Männliche“, der patriarchale Umgang mit Unsicherheitszuständen noch mehr in das Blickfeld rücken. Es geht um einen bestimmten Umgang von Männern mit äußeren Entwicklungen, die als Bedrohung wahrgenommen werden.

Also um eine Form der Männlichkeit, die nicht anders kann, als gesellschaftliche Wirklichkeit über Gewaltverhältnisse zu gestalten – im Sinne von „der Fremde muss weg, die Frau muss weg oder der Gegner muss weg“. Dies mehr in den Blick zu nehmen, wäre ein Zugang, der es vielleicht erlaubt, daraus Schlüsse für gesellschaftliche Handlungsfelder abzuleiten.

Aufklärung, mit Argumenten überzeugen zu wollen und Wissen zu vermitteln ist ein – und anstelle von Gestaltungsmacht –, das Feld heutiger linker Politik. Politik, die mehr sein will, als nur zu erziehen, sollte zudem ganz konkrete, solidarische und egalitäre Beziehungen der Menschen zueinander schaffen. Auch als Prävention gegen Faschismus und Gewalt.

Tödlicher Frauenhass

Barbara Steiner über die Abtreibungsdebatte international.

Die Proteste und der Streik der polnischen Frauen gegen das de-facto Abtreibungsverbot waren Ende letzten Jahres in vielen Medien. Frauen verschiedenen Alters demonstrieren mit Kleiderbügeln, Transparenten und Schildern: „Strajk Kobiet“ – „Frauenstreik“, an die Regierung und die Kirche gerichtete prägnante Sprüche und das Symbol der Bewegung – der rote Blitz – sind darauf zu sehen.

Der gesetzliche Zwang für Frauen, Embryos zu gebären, die nach der Geburt nicht überleben können, weil ihnen etwa lebenswichtige Organe fehlen, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Bewegung, die nach diesem Urteil des Verfassungsgerichts im Oktober in Polens Städten und auch am Land auf die Straße geht, ist trotz Pandemie größer und breiter als die „Schwarzen Proteste“ 2016.

Schon damals versuchte die „Recht und Gerechtigkeit“-(PiS)-Regierung, das ohnehin sehr rigorose Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen, damals noch erfolglos. Immer wenn die national-konservative Regierung, so wie jetzt in Coronazeiten, politischen Aufwind oder Ablenkung gebrauchen kann, holt sie zum Angriff auf Frauenrechte aus. Die Kirche spielt in Polen eine wichtige politische, soziale, mediale und ökonomische Rolle und ist im Kampf gegen Frauenrechte eine treibende Kraft.

Mit dem Ende des Realsozialismus kam auch das Ende des freien und legalen Schwangerschaftsabbruchs. 1956 wurde in Polen das Recht auf einen kostenlosen Schwangerschaftsabbruch im Krankenhaus eingeführt. Frauen aus dem kapitalistischen Westen reisten zur Abtreibung in die Volksrepublik, jetzt fahren Polinnen über die Grenze, um einen Abbruch vornehmen zu lassen.

Im Europaparlament haben nun Abgeordnete gefordert, für Frauen in Polen Abtreibungen im Ausland mit EU- Mitteln zu finanzieren. Frauenrechtsorganisationen machen Fortschritte in den Verhandlungen mit den skandinavischen Ländern und Belgien, Polinnen, die abtreiben wollen, kostenfrei zu behandeln.

Jene, die es sich nicht leisten können zu verreisen oder für eine illegale Abtreibung im Land zu zahlen, greifen zu Mitteln sich selbst zu helfen – oft mit Verletzungen oder tödlichen Folgen. An die gefährliche Methode, Draht in die Gebärmutter einzuführen und an die (Todes-)Opfer der frauenfeindlichen Gesetzgebung erinnern die Pro Choice Aktivist*innen auf den Demos mit Kleiderbügeln, denn der am einfachsten verfügbare stabile Draht im Haushalt ist der von Kleiderbügeln.

Frauen kämpfen weltweit für legale, sichere, leicht zugängliche und kostenfreie Abtreibung. Auch in Österreich ist der Abbruch der Schwangerschaft kein Recht, sondern lediglich bis zum dritten Monat straffrei, dazu kommt oft die schwere Zugänglichkeit (es gibt keine Verpflichtung für Spitäler, Abtreibungen anzubieten) und die Kosten, die von den Patientinnen selbst zu tragen sind. In den anderen europäischen Ländern ist die Zugänglichkeit auch problematisch, aber es ist zumindest der Schwangerschaftsabbruch durch die Gesundheitsversicherung gedeckt.

Zum Schluss Erfreuliches: Im katholischen Irland hat 2018 die „YES“ Kampagne die Mehrheit der Stimmen beim Referendum über Schwangerschaftsabbruch erreicht. In Argentinien hat die Frauenbewegung das Recht auf Selbstbestimmung lange und zäh erkämpft, Ende Dezember 2020 wurde Abtreibung legalisiert.

Gewinner und Verliererinnen

Heidemarie Ambrosch über die „Systemerhalter*innen“

Man sollte meinen, dass spätestens durch die „Corona“-Krise sichtbar wurde, dass es da eine Arbeit gibt, die schlecht oder unbezahlt mehrheitlich von Frauen geleistet wird, ohne die nichts laufen würde. Aber während Millionen an große Industriebetriebe ausgeschüttet werden, von denen sogar Dividenden an Aktionäre bezahlt werden, bekamen viele der Beklatschten nichts!

Einige der Verkäufer*innen im Lebensmittelhandel erhielten rund um Weihnachten eine einmalige „Prämie“ von maximal 300 Euro, manche nur in Form eines Einkaufsgutscheins. Ich weiß nicht wie viele Frauen an dieser Art Systemerhaltung Interesse haben.

In einer Presseaussendung der Arbeiterkammer wurde anhand einer internationalen Studie von ForscherInnen dreier Universitäten bilanziert: „Im Gegensatz zur Finanzkrise vor zehn Jahren, bei der mehr Männer als Frauen ihren Arbeitsplatz verloren haben, sind nun besonders typische „Frauen-Branchen“ gefährdet, wie etwa die Gastronomie oder der Reisesektor. „Verlieren Frauen ihren Job, besteht die Gefahr, dass sie die gesamte Haushalts- und Familienarbeit übernehmen und unsere Gesellschaft in Sachen Geschlechtergerechtigkeit wieder zurückfällt“, warnt Pöcheim.

Besonders hart trifft die derzeitige Doppelbelastung von reduziertem Kinderbetreuungsangebot und Erwerbsarbeit, aber auch die angespannte Situation am Arbeitsmarkt, die österreichischen Alleinerzieherinnen, von denen jetzt schon 44 Prozent als armutsgefährdet gelten. … Die zuvor weit verbreitete Illusion, dass sich das Homeoffice mit gleichzeitiger Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden vereinbaren ließe, sollte nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen niemand mehr haben.

Alleinerzieherinnen arbeiten im Durchschnitt 15 Stunden pro Tag rund neun Stunden Haus- und Kinderbetreuungsarbeit und zusätzlich sechs Stunden Erwerbsarbeit. Berechnungen der Wirtschaftsuniversität und der Arbeiterkammer zeigen, dass die unbezahlte Arbeit während des siebenwöchigen Lockdowns im Frühjahr 2020 einem Wert von fast 3.700 Euro für jede entsprach.

Seit etwa 20 Jahren hat sich der Kindesunterhalt laufend verringert. Der Regelbedarf, der auf einer Kinderkostenstudie von 1964 (!) basiert, wird jährlich immer nur an die Inflation angepasst und beträgt für ein 14-jähriges Kind 400 Euro. Laut einer Referenzstudie der SchuldnerInnenberatung liegt der Bedarf eines 14-jährigen Kindes jedoch mit 840 Euro mehr als doppelt so hoch. Femme Fiscal hat ein feministisches Konjunkturpaket auf den Tisch gelegt, die Details finden sich hier: http://zwanzigtausendfrauen.at/

Gefordert werden insgesamt zwölf Milliarden Euro, fünf Milliarden für ein Zukunfts- & Bildungspaket unter anderem zur Finanzierung einer Erhöhung der Familienbeihilfe, einer gleichen für alle, unabhängig vom Wohnort der Kinder statt dem Familienbonus, der sich als Steuergeschenk für besserverdienende Männer entpuppt hat. 4 Milliarden für ein Pflegepaket durch die Verdoppelung der öffentlichen Ausgaben, um unter anderem auch die Löhne entsprechend anheben zu können.

Ein einmaliger Corona-Lastenausgleich auf hohe Vermögen würde auf fünf Jahre berechnet 70 bis 80 Milliarden Euro einbringen. Aber es geht nicht nur um ein gerechteres Stück vom Kuchen, letztlich muss es um die ganze Bäckerei gehen, sprich um eine grundlegende Systemkritik.