Techno Power

Mein technisches Studium habe ich 2012 mit 47 Jahren an der FH Wels abgeschlossen. Der Studiengang Produktdesign und Technische Kommunikation war auf „Wiedereinsteigerinnen“ ausgerichtet, die vom Arbeitsmarktservice dazu eingeladen wurden, welches auch die Kosten für das Einkommen in Höhe des Arbeitslosengeldes übernahm.

Die meisten Kolleginnen hatten kleine Kinder, etwa die Hälfte des Lernstoffs war zu Hause zu erarbeiten. Das wird vielen Frauen, die jetzt Homeoffice plus Homeschooling aufgebrummt bekommen, gut bekannt sein. Zu Hause arbeiten und „nebenbei“ die Kinder beaufsichtigen. In der Realität schaut das dann so aus, dass die Mütter die Lern- und Arbeitszeit eben von ihrer Nachtruhe abzwacken.

Trotz aller Schwierigkeiten ist das Programm Frauen in Handwerk und Technik (FIT) eine Erfolgsgeschichte, alle Kolleginnen hatten danach einen gut bezahlten Job. FIT existiert nach wie vor, entscheidend ist dafür aber, ob es auch offensiv beworben wird, damit Frauen überhaupt davon erfahren. Für das Arbeitsministerium hat die Höherqualifizierung von Frauen offenbar keine Priorität.

Wer soll denn mit den Kindern lernen, wenn sich die Frauen in die Fertigungshalle oder ins Forschungslabor vertschüssen? Na eben!

Bärbel Rinner

Männergewalt

Jedermann weiß, dass zum Streiten zwei gehören. Wenn der Streit „ausufert“, ist jemand verletzt oder tot. Das sind meist die Frauen. Sie wird es schon irgendwie herausgefordert haben, sie hat ihn provoziert/betrogen/verlassen.

Das „Ehedrama“ geht in Österreich für Frauen besonders oft tödlich aus, 2021 haben schon sechs Männer gemordet, wir haben Anfang Februar. Sind die Taten allein schon schrecklich genug, setzt der Boulevard hämisch noch eins drauf, mit Victim-blaming und großem Mitgefühl für den Täter, der „keinen anderen Ausweg mehr sah“ und in verständlicher Erregung leider zu weit gegangen ist.

Nicht nur Kleinformat und Krawallblatt, auch konservative Zeitungen vermitteln, die Opfer von Gewalttaten seien einer Art Naturkatastrophe zum Opfer gefallen. Tragisch, aber leider nicht zu verhindern: „Familientragödie: Dreifache Mutter (35) wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Sie wies mehrere Stichverletzungen auf.“

Gegen Gewalt hilft Prävention in vielerlei Form, nicht zuletzt gleiche Bezahlung, um Unabhängigkeit zu gewährleisten. Gegen idiotische Berichterstattung helfen Leser*innenbriefe, jedes Mal, möglichst viele, möglichst deutlich.

Bärbel Rinner

Weibliches Ebel

Im März 2020 stimmte der Gemeinderat dem gemeinsamen Antrag der Grünen und der KPÖ zu, alle Verkehrswege im künftigen Stadtteil „Garten Ebel“ nach Frauen zu benennen. Ein dringend notwendiges Zeichen, denn derzeit sind nur 47 der insgesamt 1.152 Linzer Straßen nach Frauen benannt – hingegen 510 nach Männern.

Der KPÖ gelang es bereits zwei Straßenbenennungen nach Frauen durchzusetzen: 2006 ehrte die Stadt die im Lager Schörgenhub ermordete Gisela Tschofenig-Taurer (1917–1945), 2011 erfolgte diese Anerkennung für die Schriftstellerin Henriette Haill (1904–1996).

Die KPÖ hat zudem eine Liste mit zahlreichen Persönlichkeiten für eine Würdigung im „Garten Ebel“ erstellt. Neben Anna Gröblinger, Margarete Müller, Elisabeth Rechka, Theresia Reindl, Cäcilia Zinner und vielen weiteren ist hier die 2010 verstorbene Schriftstellerin Eugenie Kain hervorzuheben.

Kain setze sich in ihren Werken mit den städtischen Randzonen und deren Bewohner*innen auseinander, beschrieb deren Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse. Sie gewann zahlreiche Literaturpreise, war Redakteurin der Stadtzeitung „hillinger“ und Mitbegründerin der Linzer Obdachlosenzeitung „Kupfermucken“.

Peter März

Selbst schuld, ihr Frauen!

Heike Fischer über Homeschooling in Corona-Zeiten.

Rolle rückwärts bei der Gleichberechtigung: Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie drängen viele Frauen in alte Rollenmuster zurück. Die Schließung von Schulen und Kindergärten hat den Alltag der Familien auf den Kopf gestellt. Frauen leisten Homeoffice und Homeschooling parallel, stemmen den Haushalt und halten dem Mann den Rücken frei.

Corona wäre eine Chance für mehr Gleichberechtigung. Denn alle sitzen im selben Boot: Möglichst zu Hause bleiben, im Homeoffice arbeiten, die Kinder am Küchentisch unterrichten. Die perfekte Gelegenheit die neuen Aufgaben fair zu verteilen.

Wann, wenn nicht jetzt, sollten Kollegen und Geschäftspartner Verständnis dafür aufbringen, wenn die kleine Emma in die Videokonferenz platzt, weil sie mal aufs Klo muss? Sollte Chef oder Chefin erklärt werden können, dass die Mittagspause verlängert werden muss, um dem Großen bei Mathe zu helfen? Hätten Eltern gemeinsam auf die besondere Doppelbelastung durch Job und Familie aufmerksam machen können? Doch es läuft anders. In der Krise übernimmt die Frau Kinder und Küche, der Mann konzentriert sich auf das Wesentliche. Eine Mutter sagt, es sei ihrem Mann einfach nicht zuzumuten, im Homeoffice die Kinder zu betreuen. Also tut sie es.

Die Männer halten sich für „systemrelevant“, obwohl meistens Frauen das System am Laufen halten. Sie sitzen an den Kassen der Supermärkte und Drogerien, schuften in Alten- und Pflegeheimen, erhalten in den Kindergärten den Notbetrieb aufrecht. Und nach der Arbeit gehen sie noch schnell einkaufen, kochen, schmeißen die Waschmaschine an und pauken mit den Kindern Englisch-Vokabeln. Mama macht das schon.

Frauen dürfen nicht einmal zu laut jammern. Sie hätten diese Rollenverteilung nicht schlucken dürfen. Sie hätten aufstehen, sich vor ihren Partner stellen und sagen müssen: „Mein Job ist genauso wichtig“. Sie hätten sich weigern müssen, die zusätzliche Last allein zu tragen. Dann würde die gesellschaftliche Debatte darüber in Gang kommen.

Es hätte schneller Konzepte für die Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten gegeben, wenn auch Männer die Konsequenzen der Schließung tragen müssten. Doch statt Fairness zu fordern, haben sich die Frauen dem jahrhundertealten Rollenbild unterworfen. Rückschritt statt Revolution: Eine historische Chance vertan!

Maskuliner Terror

Michael Schmida über toxische Männlichkeit

Beziehungsdrama und Ehrenmord sind beschönigende Bezeichnungen für männliche Gewalttaten an Frauen. Aber auch der typische Amokläufer oder Terrorist ist ein Mann. Dazu kommen Beispiele aus der ganzen Welt, die belegen, dass die Bereitschaft menschenfeindliche Ideologien mitzutragen und gegebenenfalls auch in die Tat umzusetzen, Ersteres mehrheitlich, Letzteres fast ausschließlich ein männliches Phänomen darstellt.

Warum aber, wenn es so eindeutig auf der Hand liegt, von wem geschlechtlich betrachtet Gewalt ausgeht bzw. wer Gewaltverhältnisse fördernde Ideen bevorzugt, wird diesem Umstand so wenig bis gar keine Beachtung geschenkt? Vielleicht deshalb, weil es sie schon so lange gibt? Die mehr als zehntausend Jahre dauernde Geschichte der männlichen Dominanz ist eben auch eine Kriegs- und Gewaltgeschichte.

Aber nichts ist für immer gegeben. Es gibt auch Fortschritte. Männlichkeitsbilder sind andere als etwa noch vor 50 Jahren. Rollenverteilungen verändern sich. Zwischenmenschliche Beziehungen werden offener und veränderbarer im Vergleich zu früher ge- und erlebt. Zwar nicht auf einen Schlag, aber sie sind im Wandel begriffen. Die Ökonomie verzögert bestimmte Entwicklungen.

Die Ungleichheit in der Sphäre der Lohnarbeit dauert an. Der Kapitalismus will sich nicht vom Patriarchat verabschieden. Zusätzlich sind Frauenjobs sehr oft öffentliche Jobs im Bereich der Sorge-, Erziehungs- und Pflegearbeit. Der Staat als Arbeitgeber will auch nicht mehr zahlen. Aber der Umstand, dass in Österreich etwa der Unterschied bei den Einkommen besonders hoch ist, wird thematisiert und sensibilisiert.

Der „Gender Pay Gap“ setzt sich in anderen Bereichen fort: Österreich ist ein, im Vergleich mit anderen „westlichen“ Industrieländern, rückschrittliches Land, mit weniger Kinderbetreuungsangeboten, Väterkarenzen und Männerteilzeitanteil. Auf der Sphäre des Symbolischen, was immer mehr ist als nur Symbol, sondern immer auch ein Gradmesser der menschlichen Entwicklung, mögen zwar die Nennungen beider Geschlechter in der Bundeshymne viel Empörung auslösen, aber wenn Duden und ORF einmal gendergerechte Sprachregelungen umsetzen, wurde auch hier wieder ein kleiner Fortschritt erzielt – wenn nicht der nächste rechte Backlash zaghaft gewonnene Freiheiten und kulturelle Entfaltung wieder zunichte macht.

Aber, um wirklich rechten Männerbewegungen, neuen Faschismen und individueller männlicher Gewalt dauerhaft etwas entgegensetzen zu wollen, müsste das „Männliche“, der patriarchale Umgang mit Unsicherheitszuständen noch mehr in das Blickfeld rücken. Es geht um einen bestimmten Umgang von Männern mit äußeren Entwicklungen, die als Bedrohung wahrgenommen werden.

Also um eine Form der Männlichkeit, die nicht anders kann, als gesellschaftliche Wirklichkeit über Gewaltverhältnisse zu gestalten – im Sinne von „der Fremde muss weg, die Frau muss weg oder der Gegner muss weg“. Dies mehr in den Blick zu nehmen, wäre ein Zugang, der es vielleicht erlaubt, daraus Schlüsse für gesellschaftliche Handlungsfelder abzuleiten.

Aufklärung, mit Argumenten überzeugen zu wollen und Wissen zu vermitteln ist ein – und anstelle von Gestaltungsmacht –, das Feld heutiger linker Politik. Politik, die mehr sein will, als nur zu erziehen, sollte zudem ganz konkrete, solidarische und egalitäre Beziehungen der Menschen zueinander schaffen. Auch als Prävention gegen Faschismus und Gewalt.

Tödlicher Frauenhass

Barbara Steiner über die Abtreibungsdebatte international.

Die Proteste und der Streik der polnischen Frauen gegen das de-facto Abtreibungsverbot waren Ende letzten Jahres in vielen Medien. Frauen verschiedenen Alters demonstrieren mit Kleiderbügeln, Transparenten und Schildern: „Strajk Kobiet“ – „Frauenstreik“, an die Regierung und die Kirche gerichtete prägnante Sprüche und das Symbol der Bewegung – der rote Blitz – sind darauf zu sehen.

Der gesetzliche Zwang für Frauen, Embryos zu gebären, die nach der Geburt nicht überleben können, weil ihnen etwa lebenswichtige Organe fehlen, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Bewegung, die nach diesem Urteil des Verfassungsgerichts im Oktober in Polens Städten und auch am Land auf die Straße geht, ist trotz Pandemie größer und breiter als die „Schwarzen Proteste“ 2016.

Schon damals versuchte die „Recht und Gerechtigkeit“-(PiS)-Regierung, das ohnehin sehr rigorose Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen, damals noch erfolglos. Immer wenn die national-konservative Regierung, so wie jetzt in Coronazeiten, politischen Aufwind oder Ablenkung gebrauchen kann, holt sie zum Angriff auf Frauenrechte aus. Die Kirche spielt in Polen eine wichtige politische, soziale, mediale und ökonomische Rolle und ist im Kampf gegen Frauenrechte eine treibende Kraft.

Mit dem Ende des Realsozialismus kam auch das Ende des freien und legalen Schwangerschaftsabbruchs. 1956 wurde in Polen das Recht auf einen kostenlosen Schwangerschaftsabbruch im Krankenhaus eingeführt. Frauen aus dem kapitalistischen Westen reisten zur Abtreibung in die Volksrepublik, jetzt fahren Polinnen über die Grenze, um einen Abbruch vornehmen zu lassen.

Im Europaparlament haben nun Abgeordnete gefordert, für Frauen in Polen Abtreibungen im Ausland mit EU- Mitteln zu finanzieren. Frauenrechtsorganisationen machen Fortschritte in den Verhandlungen mit den skandinavischen Ländern und Belgien, Polinnen, die abtreiben wollen, kostenfrei zu behandeln.

Jene, die es sich nicht leisten können zu verreisen oder für eine illegale Abtreibung im Land zu zahlen, greifen zu Mitteln sich selbst zu helfen – oft mit Verletzungen oder tödlichen Folgen. An die gefährliche Methode, Draht in die Gebärmutter einzuführen und an die (Todes-)Opfer der frauenfeindlichen Gesetzgebung erinnern die Pro Choice Aktivist*innen auf den Demos mit Kleiderbügeln, denn der am einfachsten verfügbare stabile Draht im Haushalt ist der von Kleiderbügeln.

Frauen kämpfen weltweit für legale, sichere, leicht zugängliche und kostenfreie Abtreibung. Auch in Österreich ist der Abbruch der Schwangerschaft kein Recht, sondern lediglich bis zum dritten Monat straffrei, dazu kommt oft die schwere Zugänglichkeit (es gibt keine Verpflichtung für Spitäler, Abtreibungen anzubieten) und die Kosten, die von den Patientinnen selbst zu tragen sind. In den anderen europäischen Ländern ist die Zugänglichkeit auch problematisch, aber es ist zumindest der Schwangerschaftsabbruch durch die Gesundheitsversicherung gedeckt.

Zum Schluss Erfreuliches: Im katholischen Irland hat 2018 die „YES“ Kampagne die Mehrheit der Stimmen beim Referendum über Schwangerschaftsabbruch erreicht. In Argentinien hat die Frauenbewegung das Recht auf Selbstbestimmung lange und zäh erkämpft, Ende Dezember 2020 wurde Abtreibung legalisiert.

Gewinner und Verliererinnen

Heidemarie Ambrosch über die „Systemerhalter*innen“

Man sollte meinen, dass spätestens durch die „Corona“-Krise sichtbar wurde, dass es da eine Arbeit gibt, die schlecht oder unbezahlt mehrheitlich von Frauen geleistet wird, ohne die nichts laufen würde. Aber während Millionen an große Industriebetriebe ausgeschüttet werden, von denen sogar Dividenden an Aktionäre bezahlt werden, bekamen viele der Beklatschten nichts!

Einige der Verkäufer*innen im Lebensmittelhandel erhielten rund um Weihnachten eine einmalige „Prämie“ von maximal 300 Euro, manche nur in Form eines Einkaufsgutscheins. Ich weiß nicht wie viele Frauen an dieser Art Systemerhaltung Interesse haben.

In einer Presseaussendung der Arbeiterkammer wurde anhand einer internationalen Studie von ForscherInnen dreier Universitäten bilanziert: „Im Gegensatz zur Finanzkrise vor zehn Jahren, bei der mehr Männer als Frauen ihren Arbeitsplatz verloren haben, sind nun besonders typische „Frauen-Branchen“ gefährdet, wie etwa die Gastronomie oder der Reisesektor. „Verlieren Frauen ihren Job, besteht die Gefahr, dass sie die gesamte Haushalts- und Familienarbeit übernehmen und unsere Gesellschaft in Sachen Geschlechtergerechtigkeit wieder zurückfällt“, warnt Pöcheim.

Besonders hart trifft die derzeitige Doppelbelastung von reduziertem Kinderbetreuungsangebot und Erwerbsarbeit, aber auch die angespannte Situation am Arbeitsmarkt, die österreichischen Alleinerzieherinnen, von denen jetzt schon 44 Prozent als armutsgefährdet gelten. … Die zuvor weit verbreitete Illusion, dass sich das Homeoffice mit gleichzeitiger Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden vereinbaren ließe, sollte nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen niemand mehr haben.

Alleinerzieherinnen arbeiten im Durchschnitt 15 Stunden pro Tag rund neun Stunden Haus- und Kinderbetreuungsarbeit und zusätzlich sechs Stunden Erwerbsarbeit. Berechnungen der Wirtschaftsuniversität und der Arbeiterkammer zeigen, dass die unbezahlte Arbeit während des siebenwöchigen Lockdowns im Frühjahr 2020 einem Wert von fast 3.700 Euro für jede entsprach.

Seit etwa 20 Jahren hat sich der Kindesunterhalt laufend verringert. Der Regelbedarf, der auf einer Kinderkostenstudie von 1964 (!) basiert, wird jährlich immer nur an die Inflation angepasst und beträgt für ein 14-jähriges Kind 400 Euro. Laut einer Referenzstudie der SchuldnerInnenberatung liegt der Bedarf eines 14-jährigen Kindes jedoch mit 840 Euro mehr als doppelt so hoch. Femme Fiscal hat ein feministisches Konjunkturpaket auf den Tisch gelegt, die Details finden sich hier: http://zwanzigtausendfrauen.at/

Gefordert werden insgesamt zwölf Milliarden Euro, fünf Milliarden für ein Zukunfts- & Bildungspaket unter anderem zur Finanzierung einer Erhöhung der Familienbeihilfe, einer gleichen für alle, unabhängig vom Wohnort der Kinder statt dem Familienbonus, der sich als Steuergeschenk für besserverdienende Männer entpuppt hat. 4 Milliarden für ein Pflegepaket durch die Verdoppelung der öffentlichen Ausgaben, um unter anderem auch die Löhne entsprechend anheben zu können.

Ein einmaliger Corona-Lastenausgleich auf hohe Vermögen würde auf fünf Jahre berechnet 70 bis 80 Milliarden Euro einbringen. Aber es geht nicht nur um ein gerechteres Stück vom Kuchen, letztlich muss es um die ganze Bäckerei gehen, sprich um eine grundlegende Systemkritik.

Schwarze Demagogie

Die ÖVP erklärt den „politischen Islam“ zum Feindbild. Für Kurz & Co. ist das „christliche Abendland“ Maßstab aller Dinge. Verständnis dafür äußert Hans Rauscher: „Österreich, Europa hat den politischen Katholizismus überwunden, der antidemokratisch und reaktionär war“ (Standard, 18.11.2020).

Dass in Ungarn und Polen der „politische Katholizismus“ fröhliche Urstände feiert – Stichwort Abtreibung, Homosexualität etc. – dürfte ihm entgangen sein.

Aber warum in die Ferne schweifen: Die ÖVP-Ministerinnen Raab und Aschbacher haben die Forderung der seit Einführung der Fristenlösung 1975 dagegen Sturm laufenden „Aktion Leben“ nach einer „anonymen“ Statistik über Schwangerschaftsabbrüche aufgegriffen. Die Ex-Ministerinnen Korosec und Rauch-Kallat leisten Schützenhilfe (Standard, 26.11).

Hinter „Fakten helfen“ steckt unverhüllter Druck auf Frauen in Notlagen. Mehr Prävention, zeitgemäße Sexualpädagogik und kostenlose Verhütungsmittel sind für das „abendländische“ Frauenbild der ÖVP kein Thema. Das Frauenrecht auf Selbstbestimmung wird zudem dadurch unterlaufen, dass in ÖVP-geführten Ländern in öffentlichen Spitälern die Fristenlösung boykottiert wird. Also „politischer Katholizismus“ in Reinkultur.

Leo Furtlehner

Sexuelles Tirolertum

Richard Schuberth über einschlägige Sager von ÖVP-Politikern.

Also ich möchte nicht Herrn Doktor Andreas Khols Gemahlin sein. Und das nicht nur, weil er keine Lippen hat. Seine Prügeldrohung gegen Pamela Rendi-Wagner wird von den Medien als Entgleisung bezeichnet.

Das stimmt nicht. Sie ist voll auf Gleis. Auf einer Route, welche die ÖVP-Granden nie verlassen haben. Wer nämlich gegen die herzlose Buberlpartie der Türkisen die gute alte Zeit christlich-sozialer Gentlemanship heraufbeschwört, hat keine Ahnung, was für Barbaren das sind. Am Frauenbild sollt ihr sie erkennen.

Auffällig an den Tiroler Luder- und Auflegsagern ist, dass sie den Herrschaften auch dort entfahren, wo sie sich am meisten z’sammreißen müssen, im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung, vor Kameras, in Interviews. Man kann sich vorstellen, was sie tun und denken und sagen, wenn das mediale Über-Ich wegschaut.

Der Jurist Khol hat der Bundesparteivorsitzenden der SPÖ keine Prügel angedroht, sondern auf Maßnahmen angesprochen, die danach „schreien“ würden, „ihr eine aufzulegen“. Physische Gewalt ist hier keine Affekthandlung, sondern legitime Bestrafung, Herausforderung herrischen Gewohnheitsrechts.

Es waren immer die Rechtsspezialisten der Partei, die diese Gleisungen vorantrieben. Erinnert sei an Justizsprecher Michael Graff, der gegen Johanna Dohnal 1988 die Vergewaltigung in der Ehe explizit verteidigte, jener Graff, der Waldheims Unschuld dadurch bewiesen sah, dass man diesem nicht nachweisen könne, sechs Juden eigenhändig erwürgt zu haben.

Der Tiroler Abgeordnete Franz Hörl tat 2011 die Frage, wie viele Frauen denn im Landwirtschaftsministerium arbeiteten, mit der Antwort ab: „Irgendeine Putzfrau wird es schon geben.“ Fristenregelung, die rechtliche Gleichstellung von Frauen in der Ehe und am Arbeitsplatz oder das Gewaltschutzgesetz mussten immer mühsam gegen den Widerstand der ÖVP erkämpft werden.

Und die sonnige Seite von Khols Sexismus zeigte sich stets in schmatzender Kavaliers-Anlassigkeit, dem permanenten Flirtzwang des Lebemanns alter Anmach-Schule, der es nie beim Mantel belassen möchte, aus dem er der Dame hilft. Der Höhepunkt tirolerischen Welt- und Frauenverständnisses war seine Bezeichnung von Eva Glawischnig als „radikale, aber wunderschöne Marxistin“ (man beachte die Reihenfolge der Adjektiva).

Dieser schmierige Altherrenhedonismus des Frauenliebhabers und physische Gewalt, Unterwerfung, Misogynie sind keine Widersprüche, sondern bloß die zwei Seiten des Wilden Kaisers. Kein Wunder, dass Karl Kraus schon um 1900 die erotische Sensibilität des bürgerlichen Ehemanns als „sexuelles Tirolertum“ bezeichnete.

Veggie-Sexismus

Bei einer Vegan-Wall im Juli in der Linzer Landstraße standen alle paar Meter junge engagierte Menschen mit Tafeln, Transparenten und Infotischen mit veganen Kostproben. Im Vorbeigehen bekam man den Eindruck, dass sie allesamt sehr umweltbewusst und gesellschaftlich reflektiert seien.

Doch dann steht da plötzlich ein junger Mann mit dem Spruch „VeganerInnen sind gut zu Vögeln – Und zu allen anderen Tieren auch“. Kaum zu glauben, dass dieser idiotische Macho-Spruch verwendet wird, um Aufmerksamkeit auf das Thema Tierleid zu lenken. Welche Zielgruppe will er mit dem Spruch erreichen? Stammtischbrüder, die erfahrungsgemäß lieber ein saftiges Schweinernes als eine Tofu-Bowl futtern?

Ein paar Meter weiter stehen zwei junge Veggie-Aktivistinnen. Ich frage sie, ob sie der Spruch ihres Kollegen nicht stört. Sie belächeln mich mitleidig und meinen, ich hätte den Spruch nicht zu Ende gelesen. Auf meine Erwiderung, dass ich zwar alt, aber nicht blöd bin und mir mehr Sensibilität im Umgang mit sexistischen Sprüchen erwarte, zucken sie nur die Schultern.

Jahrzehnte feministischer Bewegung sind offensichtlich spurlos vergangen. Frauen – wir haben noch viel zu tun!

Karin Antlanger