Die Kantine

Leidenschaft hege ich für Orte, an denen es den Anschein hat, dass die Zeit stehen geblieben ist. Ein großartiger Platz liegt im Industriegebiet. Vorbei an einer pavillonartigen Portiersloge, hinein über ein paar Stufen in den riesigen Speisesaal mit großen Fensterfronten.

Pandemiezeiten wurden für eine sanfte Auffrischung des Inventars genutzt. Speiseplan, Zeit- und Datumsanzeige digital, neue Kühlvitrinenschränke die gut bestückt sind mit Jausenklassikern wie Gabelbissen, Latella, Hering in Tomatensauce und Getränken. Die Highlights: Eine Bühne, der Vorhang leider zu, Wandmalereien und der große Luxus, unbelauscht Gespräche führen zu können.

Kein Firlefanz – Besteck, Servietten, Gewürze – alles griffbereit. Die Damen der Küche fragen nach Wünschen, dann die Ausgabe von Suppe und Hauptspeise, Salat vom Buffet. Früher Resopaltische und jene Holzsessel die in vielen Horten, Schulen und Ämtern standen. Nun leichtes Mobiliar großzügig aufgestellt, der Platz ist ja da!

Rumgesaut wird nicht, gegessen schon, ein Transportband, das schon etliche Jahrzehnte treu seinen Dienst leistet, liefert Geschirr und Übriggebliebenes in die Spülküche. Noch ein letzter Blick auf die schönen Wandmalereien, im Vorbeigehen ein Eis mitgenommen. Schön wars, ich komm wieder.

Berta Blumenkohl

Oh du selige…

Geboren im Sternzeichen des gemeinen Hausschweins, aufgewachsen in einer protestantischen Familie war ich umzingelt von perfekten Hausfrauen. Mehrgängige Menüs, eine Schar Kinder aufziehen, riesige Obst- und Gemüsegärten hegen und pflegen – null Problemo! Natürlich gab’s auch in der Advent- und Weihnachtszeit ungeschriebene Gesetze: Pünktlich mussten die Fenster geputzt sein und ein gut sortierter Keksteller bereitstehen.

Traditionen gehören gebrochen: Fenster werden im Frühjahr geputzt und im Kühlregal gibt’s wunderbaren Lebkuchen-Fertigteig. Die Creaturas können mit Uromas Keksausstechern den Teig malträtieren und die Kunstwerke kreativ aufpimpen. Ich widme mich wichtigen Dingen des Lebens, etwa den neuen Jonathan Franzen zu lesen.

Trotzdem würde ich mich direkt in meine Kindheit zurückkatapultieren lassen: Ein Weihnachtsessen mit längst Verstorbenen in der Runde. Hendleinmachsuppe mit kleinen Semmelknödeln, Gefüllte Kalbsbrust mit Erdäpfeln, Kekse ohne Ende und eine spezielle Torte vom Konditor. Draußen knietief Schnee, drinnen heiß wie in der Hölle.

Zurück in der Gegenwart macht mich auch ein brennheißer Kaffee in der knackig kalten Luft am frühen Morgen am Balkon glücklich. Hör ich dann noch Weihnachtsmusik aus dem 17. Jahrhundert, ist es perfekt.

Berta Blumenkohl

So schaut´s aus

Seit sich Berta und Bertl Blumenkohl verdoppelt haben läuft vieles anders, auch in der Küche. Es muss schnell gehen, es soll satt und zufrieden machen und schmecken soll`s dann auch allen.

Da ich nicht zur Spezies des sich aufopfernden Mütterleins gehöre, bin ich seit der Geburt der beiden Creaturas eine Anhängerin des Fast Food. Zuerst war’s der Busen, dann Mahlzeiten. Nudeln im 1kg-Pack, Sonderangebote von Fertigsugos en gros, Pudding, Knorr-Fix für Pasta asciutta, TK-Gemüse, Fertigspätzle und Blätterteig supa wenn’s schnell gehen muss. Manchmal denk ich mir, wenn ich am Band der Supermarktkassa steh: der Speiseplan von Verrückten.

Was gibt’s Schöneres als nach einem langen Arbeits- und Schultag Frankfurter ins heiße Wasser zu schmeißen, in eine Semmel zu beißen und das Ganze noch mit Ketchup zu krönen? Fiebernde Kinder? Nudeln kochen, Sugo drüber – g’essn is!

Am Spielplatz der Schrecken aller Bobo-Mütter: Nein die Damen, ich besitze keine Bento-Jausenbox mit 50 Fächern für die Gschratzn, ja sie sind geimpft und waren in einem ganz ordinären öffentlichen Kindergarten, und ja die Radln sind gebraucht vom Feuerwehrflohmarkt und gerettet vom ASZ.

Aber lassen sie sich nicht täuschen, auch für die Creaturas wird, wenn Zeit ist mit Liebe gekocht: Es gibt stundenlang gekochte Hühnersuppen, es wird gemeinsam Kuchen gebacken und Picknicks vorbereitet.

Berta Blumenkohl