Öffis ausgedünnt

Ausgedünnte Fahrpläne sind nicht gut für den öffentlichen Verkehr. Sie mögen zwar im Sinne der öffentlichen Geldgeber und der Verkehrsunternehmen sein, wenn diese nur betriebswirtschaftlich denken. Neben längeren Wartezeiten für Fahrgäste bedeuten sie jedoch Einschnitte und Kürzungen von öffentlichen Aufgaben der Daseinsversorgung.

Heuer fanden in ganz Österreich zum ersten Mal einheitlich – bis auf ein paar wenige Ausnahmen – die so genannten Herbstferien statt. Viele österreichische Verkehrsverbünde inklusive des oberösterreichischen Verkehrsverbunds, reagierten prompt und stellten die Fahrpläne um. Natürlich waren auch die Linz Linien mit von der Partie.

Der Grund: Die Schüler- und Lehrlingsfreifahrt wird vom Bund finanziert und wurde von diesem für die Herbstferien aliquot gekürzt. In Österreich werden dafür im Jahr zirka 450 Millionen Euro ausgegeben. Da spart man sich bei einer Woche gleich eine erkleckliche Summe ein.

Die Verkehrsverbünde, die fast überall den Ländern zugeordnet sind, gaben die Einsparung sofort weiter. Nicht gerade eine Werbung für die Öffis, die gerade durch Corona – eigentlich unbegründet – eh schon unter Imageproblemen leiden.

Michael Schmida

Düstere Aussichten

Insalata Mista. Von Leo Furtlehner

„Gute Zeiten für Arbeitnehmer“ ortet Karin Bauer (Standard, 2.1.2021), macht aber gleich im Untertitel deutlich „Ein Zurück in alte Arbeitsmuster gibt es nicht“. Bauers „positive Nachricht“ zielt also auf noch stärkere Prekarisierung und ist damit keine Froh- sondern eine Drohbotschaft.

Denn schon „rund eine halbe Million Arbeitslose, 400.000 in Kurzarbeit und weitere zigtausend, die in diesen Statistiken gar nicht aufscheinen“ widerlegen den neoliberalen Zweckoptimismus aus einer von der Arbeitswelt abgeschotteten Redaktionsstube.

Sogar der ÖVP-nahe AMS-Chef Johannes Kopf sieht die Aussichten düster. Vor allem für ältere Menschen, die schon vor Corona arbeitslos waren, habe sich die Lage verschärft. Auch wenn Kopf hofft „Nach der Krise kommt der Aufschwung“ (Presse, 2.1.2021). Ob das allein mit Umschulung und Ausbildung gelingt, ist mehr als fraglich.

Die von Frau Bauer bejubelte „Pleite der alten Arbeitsordnung“ und ihrer „fixen Dogmen“ zielt auf Homeoffice und „hybride Lösungen“. Und allen Ernstes auf den Glauben, dass ihrer Chancen beraubter „junge Menschen und solche ab 50“ künftig wählerischer sein könnten. Ein solcher „Masterplan für Ausbildungs- und Jobchancen“ kann nur als beschränkt bezeichnet werden.

Denn realpolitisch haben die Firmen angesichts hoher Arbeitslosenzahlen wohl noch mehr Auswahlmöglichkeiten. Und der Druck prekäre Teilzeitjobs anzunehmen oder sich in eine fragwürdige (Schein-)Selbstständigkeit zu begeben wird weiter steigen.

Bezeichnend bei solchem Geschwafel ist, dass dabei die überfällige Arbeitszeitverkürzung (mit einer 30-Stunden-Woche als neuem Standard), um die Schere zwischen schlecht bezahlter Teilzeit auf der einen und Überstunden ohne Ende auf der anderen Seite zu schließen kein Thema ist.

Ebenso, dass die Erhöhung des Arbeitslosengeldes und ein (zumindest befristetes) Existenzgeld für Menschen, die durch Corona ihre Existenzgrundlage verloren haben, auf die Tagesordnung gehört, statt den Konzernen mit dem Motto „Koste es was es wolle“ weiter die Millionen hineinzuschieben.

Hackeln mit Corona

Daniel Steiner über pandemische Auswirkungen auf die Arbeitswelt.

Es kommt mit dem Auto, vom Westbalkan und treibt sich bevorzugt auf Garagenpartys vor allem in Oberösterreich herum um sich anschließend Zuhause zu verbreiten. Nur in die Arbeit, in die Arbeit geht es nie. Das Virus.

Verkündigungsrituale

Das ist zumindest das, was die Mitglieder der herrschenden rechtsnationalen Politkaste in ihren schier nonstop abgehaltenen Verkündigungsritualen vor der gelehrig lauschenden PR-Budgetbegünstigtenschar von sich geben.

Natürlich stecken sich die Menschen in der Arbeit an. 45 von 90 Mitarbeiter*innen der Polizeinotruf-Leitstelle in Oberösterreich etwa. Oder 13 Mitarbeiter*innen des Seniorenheims in Linz-Kleinmünchen. Oder auch die 48 Mitarbeiter*innen des Paketdienstleisters GLS in Ansfelden etwa.

Die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzen und trotzdem interessiert die erhöhte Ansteckungsgefahr mit Corona in den Betrieben scheinbar keine Sau. Selbstredend verbreitet sich das Virus ungeniert in der Arbeitswelt.

Die Wirtschaft bestimmt

SARS-COV-2 sind die Presseerklärungen des Kurzen mit dem schönen Haar logischerweise schnurzegal. Während im privaten Bereich selbst während des lockersten Lockdowns Zusammenkünfte von Personen aus mehr als zwei Haushalten vernünftigerweise dick markiert auf der Verbotsliste standen, scheint im Büro oder in der Fabrikshalle alles egal zu sein.

Zoom-Meetings, Homeoffice und Kurzarbeit, noch im Frühjahr Anwärter auf das Wort des Jahres, haben in der zweiten, weit todbringenderen Welle faktisch ausgedient. „Die Wirtschaft“, sprich die Herrschaften Unternehmer*innen, wünschen dies nicht.

Stattdessen fährt man in überfüllten Öffis, hockt man in Teambesprechungen und macht brav Überstunden, damit der Profit stimmt. Natürlich nicht der eigene.

Zwischenruf der Industrie

Und auch wenn die nationalpopulistischen Regierungsfraktionen in Türkis und Grün per Initiativantrag im Parlament ein Recht auf Sonderbetreuungszeit beschließen lassen, reicht ein kurzer Zwischenruf der Industriellenvereinigung und Schrödingers Schule – geöffnet und geschlossen zugleich – ward geboren.

Hauptsache hackeln

Hauptsache das Proletariat hackelt brav während der Gstopften-Nachwuchs getrost zuhause bleiben kann, um kerngesund und coronafrei auf das steuerfreie Erbe des Herrn Papa zu warten.

Und nachdem das Gesundheitssystem und die Versorgung der Alten vor dem Zusammenbruch steht, hat der ehemalige Gutmensch Anschober die glorreiche Idee geboren, man könne doch das Personal in diesen Bereichen nach 48 Stunden Symptomfreiheit ohne weiters auch mit positivem Test an die Arbeitsplätze zwingen. Wird schon nichts passieren.

Die, auf die Einwohnerzahl hochgerechnet, dreifach höheren Todeszahlen in Österreich im Vergleich etwa zu den USA, werden geflissentlich ignoriert. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht.

Unter jeder Sau

Auch der Ankauf von zehn Millionen vorgeblichen FFP2-Masken für die Beschäftigten in diesen pandemietechnisch doch etwas sensiblen Bereichen, die sich als purer Schrott herausstellten, sorgt in der mittlerweile erfolgreich orbanisierten österreichischen Medienlandschaft für wenig Aufsehen.

Auch hier gilt der naheliegende Zusammenhang mit den enormen Todeszahlen für völlig ausgeschlossen. Corona ist ein Hund, aber die Verhältnisse unter jeder Sau.

Feuer am Dach

Für denkende Menschen ist wohl unstrittig, dass Corona ein Fakt ist und Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus notwendig und sinnvoll sind. Besorgniserregend ist jedoch, dass zu viele meinen quer denken zu müssen, Maßnahmen als überflüssig und das Virus als ungefährlich oder nicht existent betrachten.

Eine zunehmend chaotische, von Selbstdarstellung bestimmte Regierungspolitik, von wirtschaftlichen Interessen getrieben und an der Grenze des Rechtsstaates agierend, begünstigt das. Instrumentalisiert von rechtsextremen Drahtziehern finden sich nun regelmäßig Corona-Leugner, Impfgegner, Aluhut-Träger, Verschwörungsschwurbler, Staatsverweigerer und sonstige Esoteriker zusammen, um für die „Freiheit“ von Corona-Maßnahmen zu demonstrieren.

Was sie eint sind exzessiver Egomanismus und die Absage an Solidarität gegenüber Gefährdeten, ganz nach dem Motto „Die Stärkeren kommen durch“. Wenn sich solche Protestierer dabei mit Widerstandskämpfern vergleichen ist das nicht nur eine Verhöhnung des antifaschistischen Widerstandes, sondern auch eine Verharmlosung des Nazi-Regimes. Unverkennbar ist dabei unter Berufung auf das „Volk“ auch der Ruf nach autoritärer Politik jenseits demokratischer Errungenschaften. Und das zielt schon weit über Corona hinaus.

Generation Covid

Stefanie Breinlinger über Corona und Jugendarbeitslosigkeit.

Nach der Finanzkrise von 2008 bekommen die Menschen wieder einmal mit aller Härte zu spüren, dass die kapitalistische Marktwirtschaft neoliberaler Prägung mit wiederkehrenden einschneidenden Krisen und enormen sozialen Verwerfungen einhergeht. Sie bietet jedoch keine Lösungen für diese massiven sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die sie erzeugt.

Eine sozial gerechte Gesellschaft lässt sich nur durch staatliche Eingriffe herstellen. Der durch die COVID-19-Maßnahmen vertiefte wirtschaftliche Einbruch hatte massenhafte Arbeitslosigkeit zur Folge – dabei ist die wirtschaftliche und soziale Krise noch lange nicht ausgestanden.

Verlorene Generation?

Jugendliche sind von der aktuellen Arbeitslosigkeit noch stärker betroffen als die Durchschnittsbevölkerung. Derzeit sind rund 50.000 Menschen unter 25 Jahren ohne Job – das sind doppelt so viele als vor der Corona-Krise. Die Aussicht ist ebenfalls düster für Jugendliche und junge Erwachsene beim Berufseinstieg, wenn nicht entschieden gegengelenkt wird.

Auch im Vergleich zum Vorjahr wird sich die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen in Österreich laut einer Prognoserechnung der JKU Linz verdoppeln. Laut market-Umfrage werden bis zu 10.000 weniger Lehrstellen im Herbst verfügbar sein. Derzeit sind nur 4.000 Lehrstellen offen, während doppelt so viele Personen eine solche suchen.

Verlorene Zukunft?

Diese Entwicklungen schlagen sich bereits in den subjektiven Erwartungshaltungen in der Generation der Jugendlichen nieder: Eine qualitative Studie des Instituts für Jugendkulturforschung ergab bei der Befragung von 16- bis 29-jährigen Frauen, dass bei der Mehrheit existenzielle Ängste aufgrund Arbeitsplatzverlust bzw. sinkender Jobchancen die Wahrnehmung ihrer beruflichen Zukunft dominieren. Bei 71 Prozent der befragten jungen Frauen besteht die größte Sorge in einer Corona-bedingten Weltwirtschaftskrise.

Für Jugendliche und junge Erwachsene ist es besonders tragisch, wenn der wichtige Lebensabschnitt Berufseinstieg nicht gelingt: Es erzeugt hohen Stress, wenn Zukunftspläne der Jugendlichen scheitern und sie aufgrund der Perspektivenlosigkeit nicht in der Lage sind, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen. Langzeitarbeitslosigkeit, Einkommensverlust und Armutsgefährdung, psychische Erkrankungen, Abkehr von der Gesellschaft sind unmittelbare schwerwiegende Auswirkungen auf die jungen Menschen in unserer Gesellschaft. Künftige Fachkräfte fehlen obendrein. Großes individuelles Leid und hohe gesellschaftliche Kosten wird die Rekordjugendarbeitslosigkeit ohne zusätzliche Fördermaßnahmen zur Folge haben.

Ausbildungsgarantie für Jugendliche

Die verantwortlichen EntscheidungsträgerInnen sind also dringendst gefordert, die Generation Jugendlicher aufzufangen, ihnen eine Chance zu geben und zu vermitteln, dass sie und ihre Fähigkeiten eine Bedeutung haben. Das Ziel muss sein, Lehrstellen zu schaffen in der Verwaltung, in staatlichen und staatsnahen Betrieben und den Lehrwerkstätten, die in der Vergangenheit sogar Kürzungen hinnehmen mussten.

Eine Ausbildungsgarantie bis 25 Jahre könnte man umsetzen, wenn Plätze in überbetrieblichen Ausbildungsstätten wie Produktionsschulen und Lehrwerkstätten aufgestockt werden, sodass diese den Lehrstellen-Rückgang anderer Betriebe ausgleichen können.

Ebenso muss das AMS-Budget wesentlich erhöht werden. Für die finanzielle Absicherung der Auszubildenden braucht es zudem eine Anhebung der Beihilfen auf 792 Euro für über 18-Jährige im dritten Lehrjahr in überbetrieblichen Lehrausbildungen (d.h. auf das Niveau vor Kürzung durch Türkis-Blau). Begleitmaßanhmen wie kostenlose Psychotherapie für junge Menschen und den Ausbau sozialraumorientierter Jugendarbeit (z.B. Jugendzentren) können junge Menschen auf ihrem Weg stärken.