Marktlogik mitgelacht

Sven Janson über das Impfchaos.

Es hat „lange gebraucht […] bis irgendetwas rausgekommen ist“ doch nun ist „auf einmal ein ganzer Schwall“ an Impfdosen „gekommen“. Bis zum Ketchup-Effekt bei der Beschaffung von Impfdosen gegen COVID-19 wurden aber viele Pommes ohne Ketchup verzehrt.

Zu Beginn verlief ja alles recht gut, wurden doch recht schnell zwei der aktuell zugelassenen Impfstoffe in Europa entwickelt. Weitere Zulassungen sollten folgen. Und während einige Länder außerhalb der EU beherzigt zuschlugen und sich mit Impfdosen eindeckten, wurde zwischen EU-Kommission und Pharmakonzernen lang verhandelt, um den Preis möglichst gering zu halten.

Es ist sicherlich ein hehres Ziel nicht zu viel für Impfstoffe zu bezahlen, deren Entwicklung vorher unterstützt wurde, und damit den großen Pharma-Unternehmen nicht zu viel Geld in den Rachen zu werfen. Leider wurde aber nicht die viel gepriesene Marktlogik mitgedacht, denn wer weniger zahlt muss sich dann auch hinten anstellen und länger auf das Produkt warten. Und impften die einen schon, während die anderen noch feilschten. Irgendwann ist jegliche Verhandlung auch mal beendet und es wurde stolz verkündet, dass mehr als genug Impfdosen gekauft wurden.

Nun ging es also um die Verteilung und ähnlich wie bei der EU-weiten Verteilung von Flüchtlingen konnte man schon ahnen, dass das wohl nicht gut ausgehen wird. Zumal es innerhalb der einzelnen EU-Länder weitere bürokratische Mühlen gibt, die besonders langsam und selbstbestimmt mahlen. In Österreich hätte laut Epidemiegesetz zwar das Gesundheitsministerium alle nötigen Befugnisse, um einen einheitlichen Impfplan durchzusetzen, wer aber die Kraft des Föderalismus kennt weiß, dass Papier geduldig ist.

Und so kam es letztlich, wie es kommen musste: Keiner wusste mehr wer, wann und wo in welchem Bundesland geimpft wird! In Niederösterreich erfolgt die Anmeldung so und in Wien wiederum so. Letztlich wurde deutlich, warum diese horrende Zahl an Impfdosen bestellt wurde, die die Zahl der Einwohner*innen der EU deutlich übersteigt. Denn allen Beteiligten schien vorher klar zu sein, dass die eine oder andere Dosis in den Mühlen der Bürokratie zermalmt und nie in den Armen der Patient*innen landen wird.

Systemrelevanten Held*innen

Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern, die Politik wiederholt es wie ein Mantra: „Hurra! Die Beschäftigten im Sozialbereich sind systemrelevante Held*innen“. Leider haben wir im Sozialbereich bisher außer Applaus und Lippenbekenntnissen nichts erhalten, außer einer einmaligen Corona Prämie von maximal 500 Euro letztes Jahr.

In Zeiten der Pandemie haben die Beschäftigten unter extremen Belastungen Großartiges geleistet. Die Arbeitsbedingungen sind aber so schlecht, dass immer mehr Beschäftigte aus dem Sozialbereich flüchten, weil sie die Arbeit so nicht mehr aushalten und vom Einkommen nicht leben können. Unterdurchschnittliche Einkommen in Verbindung mit zu niedrigen Personalschlüsseln und ein nicht zu bewältigendes Arbeitspensum machen die Branche wenig attraktiv. Dagegen helfen auch keine Imagekampagnen.

Das Einzige was helfen würde, und was die Beschäftigten im Sozialbereich dringend brauchen sind höhere Einkommen, mehr Freizeit und mehr Personal. Daher Schluss mit den schönen Worten. Die Politik muss nun endlich konkrete Schritte setzen.

Thomas Erlach

Cartoon: Karl Berger, http://www.zeichenware.at

Hilfe verweigert

Dass hinter von der Politik versprochenen Hilfen oft nicht mehr steckt als medial vollmundig Präsentiertes, beweist der Linzer Solidaritätsfonds. Dieser Fonds wurde als Stadtsenatsbeschluss nachträglich im Gemeinderat abgesegnet und trat im April 2020 in Kraft. Ziel des mit einer Millionen Euro dotierten Solidaritätsfonds war es, durch Corona in Not geratenen Menschen, die Einkommensverluste erlitten oder außergewöhnliche Belastungen erfahren haben, finanziell unter die Arme zu greifen. So weit so gut.

Eine KPÖ-Anfrage zur Ausschöpfung des Fonds im Herbst wurde vom Bürgermeister kurz vor Jahresende beantwortet. Das Ergebnis: Lediglich 3.000 Euro waren zu diesem Zeitpunkt an neun Förderwerber ausgezahlt, 104 Förderanträge zurückgewiesen worden. Enge Förderkriterien und Bürokratismus machten den Fonds zur unüberwindbaren Hürde für Hilfesuchende.

Der Bürgermeister gelobte die Evaluierung und Neuaufstellung des Fonds für 2021. Die Frage warum nicht bereits im Sommer erkennbare Mängel behoben wurden, blieb er allerdings schuldig. Man hatte wohl gehofft, dass niemand nachfragt und die Sache sich still und heimlich per Fristablauf von selbst erledigt. Zu Lasten der Hilfsbedürftigen, die im Regen stehen gelassen wurden.

Gerlinde Grünn

Letzte Privilegien

Karin Antlanger über Drogendeals für systemrelevante Bürgermeister

Alle wollen systemrelevant sein, anstatt das System zu bekämpfen, das ihnen einen Platz unter dem Tisch zuweist, an dem die Reichen feiern: die KrankenpflegerInnen wollen systemrelevant sein, die SupermarktkassierInnen, die PflegeassistentInnen, die BehindertenbetreuerInnen usw. Sie wurden zu Beginn der Pandemie noch beklatscht (hat ja nichts gekostet), bekamen im ersten Lockdown einmalig 500 Euro (Teilzeitkräfte selbstverständlich nur aliquot) und nun wird nicht mal mehr geklatscht.

In OÖ wurde der Begriff „systemrelevant“ mit Beginn der Corona-Impfungen um eine Spezies erweitert: nämlich um die überwiegend sozialdemokratischen und ausschließlich männlichen Bürgermeister, die sich bereitwilligst dafür aufopferten, dass kein Impfstoff in den Pflegeheimen vergeudet wird. Sie stellten sich selbstlos zur Verfügung, ließen sich in den Arm stechen und riskierten dadurch die Anfeindungen durch neiderfüllte 80- oder 90-Jährige, die noch heute auf eine Impfung warten.

SPÖ-Politiker wie der Welser Stadtrat Reindl-Schweighofer oder der ehemalige Landesrat Ackerl verteidigten die Impfvordrängler, indem sie meinten, diese seien als Bürgermeister systemrelevant. Immerhin gehen die Bürgermeister regelmäßig in die Alten- und Pflegeheime, wenn dort Geburtstagsgratulationen anstehen. Davon, dass ein geimpfter Bürgermeister in einem Heim Harnflaschen ausleert oder Windeln wechselt war nichts zu hören. Das aber wäre tatsächlich systemrelevant!

Früher hatten die Sozialdemokraten noch bessere Goodies zu vergeben: Wohnungen, Arbeitsplätze, Erholungsurlaube, Gratistickets für Veranstaltungen. Mit dem schwindenden Einfluss der SP wurden die zu verteilenden „Belohnungen“ für treue Dienste weniger. Und sie haben nichts mehr zu verlieren außer ihre letzten Privilegien in Form einer sechsten Impfung aus einer Phiole.

Vielleicht geht der Kampf um die letzten Privilegien im Wahljahr in eine nächste Runde. Vorschlag: Biontech-Pfizer für Lokalpolitiker, Moderna für brave WählerInnen und Astra-Seneca für das Fußvolk, das nicht SP wählt. In Spanien mussten der oberste Militär und andere Politiker wegen Impfvordrängelns zurücktreten. In Österreich hat jedes Kuhdorf einen systemrelevanten Bürgermeister.

Weiterhackeln mit Corona

Daniel Steiner über pandemische Feigenblätter und deren brutale Auswirkungen.

Sars-Cov-2 ist keine Verschwörung. Sars-Cov-2 ist schlicht ein Virus, das macht, was Viren eben so machen: es versucht sich zu verbreiten. Auch die Maßnahmen gegen dessen Verbreitung sind keine Verschwörung, es sind mal mehr, mal weniger effektive Versuche zu verhindern, dass Viren das machen, was Viren eben so machen. Nämlich zu versuchen sich zu verbreiten.

Dass die Mächtigen dieser Welt diese Maßnahmen nutzen werden, so wie sie alles nutzen würden, um ihre Macht zu festigen, liegt in der Natur der Sache. Machiavelli lässt grüßen. Eine Verschwörung ist das auch nicht.

Mit „die Mächtigen“ meine ich nicht nur die Regierenden, selbstverständlich werden auch die Eigentümer der Produktionsmittel und des dazugehörigen Kapitals jede Chance zu nutzen, um ihre Profite zu erhöhen. Das wird Menschen ihre Arbeitsplätze kosten. Man wird jammern wie schwierig nicht die wirtschaftliche Lage sei, so wie man immer gejammert hat, wie schwierig nicht die wirtschaftliche Lage sei, um neue Verschlechterungen für die unselbständig Beschäftigten durchzusetzen.

Man wird weiterhin versuchen, die betrieblichen Mitbestimmungsrechte einzuschränken, nur nun eben mit neuen vorgeschobenen „Argumenten“. Es wird bereits jetzt versucht Betriebsratsgründungen unter dem Deckmantel der Pandemiebekämpfung zu verhindern. Man droht etwa den Organisatoren bei einer Abhaltung einer Betriebsversammlung mit Klagen nach dem Epidemiegesetz. Bei uns in Oberösterreich, im Sozialbereich. Kein Schmäh.

Man wird weiter versuchen völlig ungeniert von unten nach oben umzuverteilen. Jetzt ist es eben Corona, warum „wir“ den Gürtel enger schnallen müssen, „wir“ uns das Arbeitslosengeld und die Pensionen leider, leider nicht mehr leisten können und „wir“ am besten bis zum Umfallen hackeln sollen. Kurz gesagt, die Aussichten sind miserabel.

Blöd gelaufen?

So richtig erwischt hat es aber bereits jetzt jene, die ohnehin schon mit prekären Arbeitsverhältnissen ihr Auskommen finden mussten oder auch hofften, auf diesem Weg ein Stück persönliche Freiheit bewahren zu können. Gerade Menschen, die ihre wirtschaftliche Existenz innerhalb der Schnittmenge aus Kulturszene und Gastronomie-Jobs aufgebaut haben, wurden vom Hammer des Lockdowns quasi erschlagen.

Bekannterweise wird in diesen Bereichen gerne – auch im beiderseitigem Einverständnis – „vergessen“ die Beschäftigten ordnungsgemäß zu melden. So praktisch die Grau- und Schwarzarbeit in prä-pandemischen Zeiten auch erschienen haben mag, nun fällt sie manchen auf den Kopf. Viele sind das nicht, denen die komplette finanzielle Lebensgrundlage weggebrochen ist, sie zu vernachlässigen wäre trotzdem fatal.

Die Angebote der Linken, insbesondere der KPÖ an diese Gruppe sind gelinde gesagt mager. Ein „wir sind eh für ein Grundeinkommen, also zumindest im Prinzip“ noch markiges „Benko enteignen!“-Gebrüll wird deren akuten Probleme kaum lösen. Über einen eigenen Solidaritätsfonds verfügen wir in Oberösterreich nicht, Hilfe zur Selbsthilfe wäre also angesagt.

Wie das genau aussehen kann? Keine Ahnung. Aber vielleicht kann durch diesen Text ein Denkanstoß gegeben werden. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Infografik: ÖGB

Selbst schuld, ihr Frauen!

Heike Fischer über Homeschooling in Corona-Zeiten.

Rolle rückwärts bei der Gleichberechtigung: Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie drängen viele Frauen in alte Rollenmuster zurück. Die Schließung von Schulen und Kindergärten hat den Alltag der Familien auf den Kopf gestellt. Frauen leisten Homeoffice und Homeschooling parallel, stemmen den Haushalt und halten dem Mann den Rücken frei.

Corona wäre eine Chance für mehr Gleichberechtigung. Denn alle sitzen im selben Boot: Möglichst zu Hause bleiben, im Homeoffice arbeiten, die Kinder am Küchentisch unterrichten. Die perfekte Gelegenheit die neuen Aufgaben fair zu verteilen.

Wann, wenn nicht jetzt, sollten Kollegen und Geschäftspartner Verständnis dafür aufbringen, wenn die kleine Emma in die Videokonferenz platzt, weil sie mal aufs Klo muss? Sollte Chef oder Chefin erklärt werden können, dass die Mittagspause verlängert werden muss, um dem Großen bei Mathe zu helfen? Hätten Eltern gemeinsam auf die besondere Doppelbelastung durch Job und Familie aufmerksam machen können? Doch es läuft anders. In der Krise übernimmt die Frau Kinder und Küche, der Mann konzentriert sich auf das Wesentliche. Eine Mutter sagt, es sei ihrem Mann einfach nicht zuzumuten, im Homeoffice die Kinder zu betreuen. Also tut sie es.

Die Männer halten sich für „systemrelevant“, obwohl meistens Frauen das System am Laufen halten. Sie sitzen an den Kassen der Supermärkte und Drogerien, schuften in Alten- und Pflegeheimen, erhalten in den Kindergärten den Notbetrieb aufrecht. Und nach der Arbeit gehen sie noch schnell einkaufen, kochen, schmeißen die Waschmaschine an und pauken mit den Kindern Englisch-Vokabeln. Mama macht das schon.

Frauen dürfen nicht einmal zu laut jammern. Sie hätten diese Rollenverteilung nicht schlucken dürfen. Sie hätten aufstehen, sich vor ihren Partner stellen und sagen müssen: „Mein Job ist genauso wichtig“. Sie hätten sich weigern müssen, die zusätzliche Last allein zu tragen. Dann würde die gesellschaftliche Debatte darüber in Gang kommen.

Es hätte schneller Konzepte für die Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten gegeben, wenn auch Männer die Konsequenzen der Schließung tragen müssten. Doch statt Fairness zu fordern, haben sich die Frauen dem jahrhundertealten Rollenbild unterworfen. Rückschritt statt Revolution: Eine historische Chance vertan!

Verzweifelter Neustart

Andreas Heißl im Gespräch mit KUPF-Geschäftsführer Thomas Diesenreiter über die derzeitige Lage der Kulturbetriebe.

Der langanhaltende Lockdown setzt vor allem den kleinen Kunst & Kulturbetrieben zu. Wie könnte man die derzeitige Lage beschreiben?

Eine Mischung aus Abwarten, Teetrinken, Verzweifeln und Neustart planen. Der überwiegende Teil der Szene trägt die gesundheitspolitischen Maßnahmen klar mit. Viele wünschen sich eine Perspektive, wie es weitergehen kann. Unverständnis herrscht bei vielen darüber, dass im Tourismus die Regeln deutlich laxer sind oder kaum kontrolliert werden, etwa in Tirol. Leider schlittern auch in der Kulturszene manche in Verschwörungstheorien ab und beteiligen sich unreflektiert an Coronaleugnerdemos.

Trotz Präventionsmaßnahmen ist der Kultursektor einer der letzten der aufsperren darf. Ist das aus eurer Sicht gerechtfertigt?

Dass wir nicht so schnell wieder auf Raves gehen können, wo eng an eng getanzt wird, ist prinzipiell nachvollziehbar. Es wäre dennoch besser gewesen, hätte man von Anfang einen wirklich harten Lockdown für alle – also auch für Industrie und Wirtschaft – umgesetzt. Die Forderung #zerocovid klingt radikal, hat aber in den Ländern, die das geschafft haben, zu deutlich weniger Todesopfer, weniger langen Einschränkungen und weniger Wirtschaftseinbruch geführt.

Es gibt einige Hilfsfonds für Kunst & Kulturschaffende. Wie hoch sind da die bürokratischen Hürden und kommen die Hilfen auch an?

Im Großen und Ganzen kommen die Hilfen an, ja. Aber alle Instrumente haben auch ihre Schwachstellen, die leider oft trotz unserer Kritik bis heute nicht behoben wurden. Beispielsweise gilt die Kurzarbeit nicht für geringfügige Angestellte, eine im freien Kulturbereich verbreitete Anstellungsform. Auch der NPO-Fonds hat bei allen Vorteilen wie einer schnellen Abwicklung einige strukturelle Probleme, die auch in der angekündigten Verlängerung nicht behoben werden. Das Land OÖ hat zwar viel angekündigt, aber auch hier hapert es in der Umsetzung leider oftmals.

Wie soll es aus Sicht der KUPF weitergehen? Was fordert ihr konkret von der Politik?

Wir sollten die Chance für einen kulturpolitischen Neustart nutzen. Das heißt konkret, die dramatische Unterfinanzierung der freien Szene zu beenden. Die KUPF OÖ fordert seit Jahren eine Verdopplung der Ermessensausgaben für die zeitgenössische Kunst und Kultur. Das wären etwa fünf Mio. Euro mehr pro Jahr oder plus 2,5 Prozent im Kulturbudget des Landes.

Gewinner und Verliererinnen

Heidemarie Ambrosch über die „Systemerhalter*innen“

Man sollte meinen, dass spätestens durch die „Corona“-Krise sichtbar wurde, dass es da eine Arbeit gibt, die schlecht oder unbezahlt mehrheitlich von Frauen geleistet wird, ohne die nichts laufen würde. Aber während Millionen an große Industriebetriebe ausgeschüttet werden, von denen sogar Dividenden an Aktionäre bezahlt werden, bekamen viele der Beklatschten nichts!

Einige der Verkäufer*innen im Lebensmittelhandel erhielten rund um Weihnachten eine einmalige „Prämie“ von maximal 300 Euro, manche nur in Form eines Einkaufsgutscheins. Ich weiß nicht wie viele Frauen an dieser Art Systemerhaltung Interesse haben.

In einer Presseaussendung der Arbeiterkammer wurde anhand einer internationalen Studie von ForscherInnen dreier Universitäten bilanziert: „Im Gegensatz zur Finanzkrise vor zehn Jahren, bei der mehr Männer als Frauen ihren Arbeitsplatz verloren haben, sind nun besonders typische „Frauen-Branchen“ gefährdet, wie etwa die Gastronomie oder der Reisesektor. „Verlieren Frauen ihren Job, besteht die Gefahr, dass sie die gesamte Haushalts- und Familienarbeit übernehmen und unsere Gesellschaft in Sachen Geschlechtergerechtigkeit wieder zurückfällt“, warnt Pöcheim.

Besonders hart trifft die derzeitige Doppelbelastung von reduziertem Kinderbetreuungsangebot und Erwerbsarbeit, aber auch die angespannte Situation am Arbeitsmarkt, die österreichischen Alleinerzieherinnen, von denen jetzt schon 44 Prozent als armutsgefährdet gelten. … Die zuvor weit verbreitete Illusion, dass sich das Homeoffice mit gleichzeitiger Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden vereinbaren ließe, sollte nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen niemand mehr haben.

Alleinerzieherinnen arbeiten im Durchschnitt 15 Stunden pro Tag rund neun Stunden Haus- und Kinderbetreuungsarbeit und zusätzlich sechs Stunden Erwerbsarbeit. Berechnungen der Wirtschaftsuniversität und der Arbeiterkammer zeigen, dass die unbezahlte Arbeit während des siebenwöchigen Lockdowns im Frühjahr 2020 einem Wert von fast 3.700 Euro für jede entsprach.

Seit etwa 20 Jahren hat sich der Kindesunterhalt laufend verringert. Der Regelbedarf, der auf einer Kinderkostenstudie von 1964 (!) basiert, wird jährlich immer nur an die Inflation angepasst und beträgt für ein 14-jähriges Kind 400 Euro. Laut einer Referenzstudie der SchuldnerInnenberatung liegt der Bedarf eines 14-jährigen Kindes jedoch mit 840 Euro mehr als doppelt so hoch. Femme Fiscal hat ein feministisches Konjunkturpaket auf den Tisch gelegt, die Details finden sich hier: http://zwanzigtausendfrauen.at/

Gefordert werden insgesamt zwölf Milliarden Euro, fünf Milliarden für ein Zukunfts- & Bildungspaket unter anderem zur Finanzierung einer Erhöhung der Familienbeihilfe, einer gleichen für alle, unabhängig vom Wohnort der Kinder statt dem Familienbonus, der sich als Steuergeschenk für besserverdienende Männer entpuppt hat. 4 Milliarden für ein Pflegepaket durch die Verdoppelung der öffentlichen Ausgaben, um unter anderem auch die Löhne entsprechend anheben zu können.

Ein einmaliger Corona-Lastenausgleich auf hohe Vermögen würde auf fünf Jahre berechnet 70 bis 80 Milliarden Euro einbringen. Aber es geht nicht nur um ein gerechteres Stück vom Kuchen, letztlich muss es um die ganze Bäckerei gehen, sprich um eine grundlegende Systemkritik.

Öffis ausgedünnt

Ausgedünnte Fahrpläne sind nicht gut für den öffentlichen Verkehr. Sie mögen zwar im Sinne der öffentlichen Geldgeber und der Verkehrsunternehmen sein, wenn diese nur betriebswirtschaftlich denken. Neben längeren Wartezeiten für Fahrgäste bedeuten sie jedoch Einschnitte und Kürzungen von öffentlichen Aufgaben der Daseinsversorgung.

Heuer fanden in ganz Österreich zum ersten Mal einheitlich – bis auf ein paar wenige Ausnahmen – die so genannten Herbstferien statt. Viele österreichische Verkehrsverbünde inklusive des oberösterreichischen Verkehrsverbunds, reagierten prompt und stellten die Fahrpläne um. Natürlich waren auch die Linz Linien mit von der Partie.

Der Grund: Die Schüler- und Lehrlingsfreifahrt wird vom Bund finanziert und wurde von diesem für die Herbstferien aliquot gekürzt. In Österreich werden dafür im Jahr zirka 450 Millionen Euro ausgegeben. Da spart man sich bei einer Woche gleich eine erkleckliche Summe ein.

Die Verkehrsverbünde, die fast überall den Ländern zugeordnet sind, gaben die Einsparung sofort weiter. Nicht gerade eine Werbung für die Öffis, die gerade durch Corona – eigentlich unbegründet – eh schon unter Imageproblemen leiden.

Michael Schmida

Düstere Aussichten

Insalata Mista. Von Leo Furtlehner

„Gute Zeiten für Arbeitnehmer“ ortet Karin Bauer (Standard, 2.1.2021), macht aber gleich im Untertitel deutlich „Ein Zurück in alte Arbeitsmuster gibt es nicht“. Bauers „positive Nachricht“ zielt also auf noch stärkere Prekarisierung und ist damit keine Froh- sondern eine Drohbotschaft.

Denn schon „rund eine halbe Million Arbeitslose, 400.000 in Kurzarbeit und weitere zigtausend, die in diesen Statistiken gar nicht aufscheinen“ widerlegen den neoliberalen Zweckoptimismus aus einer von der Arbeitswelt abgeschotteten Redaktionsstube.

Sogar der ÖVP-nahe AMS-Chef Johannes Kopf sieht die Aussichten düster. Vor allem für ältere Menschen, die schon vor Corona arbeitslos waren, habe sich die Lage verschärft. Auch wenn Kopf hofft „Nach der Krise kommt der Aufschwung“ (Presse, 2.1.2021). Ob das allein mit Umschulung und Ausbildung gelingt, ist mehr als fraglich.

Die von Frau Bauer bejubelte „Pleite der alten Arbeitsordnung“ und ihrer „fixen Dogmen“ zielt auf Homeoffice und „hybride Lösungen“. Und allen Ernstes auf den Glauben, dass ihrer Chancen beraubter „junge Menschen und solche ab 50“ künftig wählerischer sein könnten. Ein solcher „Masterplan für Ausbildungs- und Jobchancen“ kann nur als beschränkt bezeichnet werden.

Denn realpolitisch haben die Firmen angesichts hoher Arbeitslosenzahlen wohl noch mehr Auswahlmöglichkeiten. Und der Druck prekäre Teilzeitjobs anzunehmen oder sich in eine fragwürdige (Schein-)Selbstständigkeit zu begeben wird weiter steigen.

Bezeichnend bei solchem Geschwafel ist, dass dabei die überfällige Arbeitszeitverkürzung (mit einer 30-Stunden-Woche als neuem Standard), um die Schere zwischen schlecht bezahlter Teilzeit auf der einen und Überstunden ohne Ende auf der anderen Seite zu schließen kein Thema ist.

Ebenso, dass die Erhöhung des Arbeitslosengeldes und ein (zumindest befristetes) Existenzgeld für Menschen, die durch Corona ihre Existenzgrundlage verloren haben, auf die Tagesordnung gehört, statt den Konzernen mit dem Motto „Koste es was es wolle“ weiter die Millionen hineinzuschieben.