Nazi-Nägel

Im Juni 1933 veranstaltete der ARBÖ sein erstes großes Etappenrennen für Rennräder. In Anlehnung an die großen Europäischen Touren wie Tour de France und Giro d’Italia stand der Versuch im Zentrum, sich auch in Österreich medial mit einer kleineren Tour zu etablieren und den schwindenden Mitgliederzahlen etwas entgegen zu setzen.

Das Rennprogramm führte in drei Etappen über 555 Kilometer durch die Bundesländer Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark. Mit einem Geschwindigkeitsschnitt von beinahe 30 km/h hasteten die Rennfahrer mit ihren ein- bis dreigängigen Rennrädern über Landstraßen und Pässe. Tausende Schaulustige verfolgten das Rennen am Wegesrand und beklatschten die strampelnden Genossen.

Im Startbereich zur letzten Etappe in Bruck an der Mur streuten das Rennen sabotierende Nazis Nägel. Viertausend Fans echauffierten sich über diesen gemeinen Anschlag.

Nachdem die Straßen gereinigt wurden, konnte der Start mit kleiner Verspätung in Angriff genommen werden, und am Ende fuhr Karl Hamedl von Freiheit Hernals mit einer Gesamtzeit von 18 Stunden und 55 Minuten in Wien über die Ziellinie.

Hans Staudinger

Österreichische Monopolisten

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Bei einem Erkundungsgang des neuen Badestrands am Donaukanal entspann sich zwischen Herrn Groll und dem Dozenten ein Gespräch über monopolistische Machtstrukturen in Österreich. Der Dozent wollte wissen, ob auch Wein von Monopolen gehandelt wird.

„In der sogenannten Neuen Welt ist das die Regel“, antwortete Herr Groll. „Kalifornischer oder australischer oder südafrikanischer Rotwein wird von Großkonzernen vermarktet und überwiegend auch produziert.

In Chile und Argentinien geht der Trend ebenfalls in diese Richtung. In Europa hingegen existieren neben Großproduzenten in Italien, Frankreich und Spanien noch zehntausende kleinere Betriebe, unter ihnen viele Genossenschaften.

In Ländern wie Portugal, Deutschland, Ungarn oder Österreich ist der Markt noch fragmentiert, kleinere und mittlere Weinbauern stellen einen großen Teil der Weinmengen her. In Österreich aber befinden sich aber einige Großweinproduzenten auf dem Weg zu monopolitischen Regionalkaisern, ich nenne da nur den führenden Weinoligarchen Burgenlands, Leo Hillinger, der über ausgedehnte Weingärten verfügt und für den einige hundert Weinbauern eine streng kontrollierte Zulieferung garantieren müssen.

Sie bleiben zwar selbständig und tragen alle Risiken, sind aber in Wirklichkeit unfrei wie Sklaven. Ironischerweise betreibt Hillinger, der auch pfälzische und ungarische Weine vermarktet, auch in Südafrika ein eigenes Weingut.“

„In der politischen Ökonomie nennt man das wohl Monopolkonkurrenz“, meinte der Dozent.

„In den Supermarktketten ist der Hillinger-Wein oft unter anderen Namen gelistet“, fuhr Groll fort. „Im Burgenland aber pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass Hillinger längst von den Banken des Raiffeisenkonzerns kontrolliert wird – er fungiere lediglich als eine Art Werbebotschafter für die unter seinem Namen vermarkteten Weine.

In Hillingers Kategorie spielen noch ein paar Regionalmonopolisten in der Wachau, im Weinviertel oder in der Steiermark eine beherrschende Rolle. Sie sind das Pendant zu den mächtigen tirolischen Seilbahn- und Liftunternehmen, die längst das gesamte Bundesland kontrollieren.

In der Corona-Krise ist nun sichtbar geworden, dass die Tiroler Lift- und Hoteloligarchen die Bundesregierung von Schwarz und Grün vor sich hertreiben – mit der Folge, dass die Öffnung der Schipisten alles andere in der Corona-Politik überstrahlt.

Sterbezahlen hin, Arbeitslose her – die Investitionen müssen sich rechnen. Es sind nicht mehr als ein halbes Dutzend ältere Herren, die davon profitieren. Ein Obermonopolist namens Schröcksnadel, ein mittlerweile knapp achtzigjähriger Tycoon, gebietet über Schiressorts im In- und Ausland, besitzt einen Gutteil der Zulieferindustrie für Liftanlagen und ist seit Urzeiten Präsident des österreichischen Schiverbands.

Er und seine Kollegen kontrollieren den Fremdenverkehr in den heimischen Alpen. Sie sind Bürgermeister in Städten und Schidörfern, Aufsichtsräte in Hochschulen, Landtagsabgeordnete und Landesräte, die im Rang von Ministern stehen.

Schigrößen wie Anna Fenninger, Hermann Maier und Marcel Hirscher fungierten als Testimonials der Tourismusindustrie. Wenn der Hirscher-Tross im Spätherbst auf Gletscher für Materialtests ausrückte, ähnelte der Aufwand Formel I-Testfahrten von Mercedes oder Ferrari in Spanien. Hirscher war eine lebende goldene Aktie des Big Business, eine Sehnenzerrung beschäftigte das Land mehr als die Wahl einer neuen Bundesregierung.“

„Könnte es sein, dass dies der Grund für Hirschers plötzlichen Rücktritt war? Dass der Schiheld genug davon hatte, als Testimonial der österreichischen Winterindustrie zu dienen?“, fragte der Dozent.

Herr Groll nickte. „Seither herrscht Dauerkrise im Schiverband. Rennen für Rennen reiben sich die abgehängten Kaderläufer verdutzt die Augen, wenn sie von Athleten- und Athletinnen aus Slowenien, Kroatien oder der Slowakei abgehängt werden.

Und die sportliche Leitung redet sich Woche für Woche auf zu viel Schnee, zu weißen Schnee oder fehlenden Schnee aus. Manchmal werden auch feindselige Steilhänge oder die Windverhältnisse vorgeschützt.“

„Ein Weinzampano und ein Alpenoligarch – sieht so das österreichische Monopolkapital aus?“

„Zu einem wichtigen Teil, verehrter Dozent. Über die privatisierte ehemalige Staatsindustrie und das in Österreich traditionell starke Finanzkapital reden wir ein andermal.“

Zwei Polizisten näherten sich. Herr Groll entfernte sich vom Dozenten, um den Abstandsregeln zu genügen.

Auf an den Stadtrand!

Linz: Landstraße, Hauptplatz, Donaulände, Schloss – so präsentiert sich die Stadt den TouristInnen, die mit Kreuzfahrtschiffen am Donaustrand anlegen. Mit Glockenspiel, glänzenden Auslagen und renovierten Altbauten.

Doch die Innenstadt ist nur Fassade. Die Stahlstadtkinder, einst von Willi Warma besungen, leben woanders, am Bindermichl, am Spallerhof, im Franckviertel oder in Ebelsberg. Diese Stadtteile sind großteils recht grün. Aber, was mich bei Spaziergängen genauso zur Verzweiflung bringt wie im heimischen Domviertel, ist der Autoverkehr.

Kleinmünchen mit teils noch recht dörflichen Strukturen wird von stark befahrenen Straßen zerschnitten, neben der Kirche Sankt Quirinus gibt es nicht einmal einen Gehsteig. Viele Autos tragen Linzer Kennzeichen. Nicht nur die Speckgürtelbewohner fahren SUV, auch die Protzkisten der Bobos in der Innenstadt werden immer größer und mehr.

Also flüchte ich demnächst nach Ebelsberg, in die Ennsfeldsiedlung, die zwar auch von zwei Straßen begrenzt wird, aber große grüne Innenhöfe hat. Bye, bye, Bobos, mir reichts! Und dort haben wir, ähem, einen eigenen Parkplatz.

Auf an den Stadtrand, meint Irene Ira.

Düstere Aussichten

Insalata Mista. Von Leo Furtlehner

„Gute Zeiten für Arbeitnehmer“ ortet Karin Bauer (Standard, 2.1.2021), macht aber gleich im Untertitel deutlich „Ein Zurück in alte Arbeitsmuster gibt es nicht“. Bauers „positive Nachricht“ zielt also auf noch stärkere Prekarisierung und ist damit keine Froh- sondern eine Drohbotschaft.

Denn schon „rund eine halbe Million Arbeitslose, 400.000 in Kurzarbeit und weitere zigtausend, die in diesen Statistiken gar nicht aufscheinen“ widerlegen den neoliberalen Zweckoptimismus aus einer von der Arbeitswelt abgeschotteten Redaktionsstube.

Sogar der ÖVP-nahe AMS-Chef Johannes Kopf sieht die Aussichten düster. Vor allem für ältere Menschen, die schon vor Corona arbeitslos waren, habe sich die Lage verschärft. Auch wenn Kopf hofft „Nach der Krise kommt der Aufschwung“ (Presse, 2.1.2021). Ob das allein mit Umschulung und Ausbildung gelingt, ist mehr als fraglich.

Die von Frau Bauer bejubelte „Pleite der alten Arbeitsordnung“ und ihrer „fixen Dogmen“ zielt auf Homeoffice und „hybride Lösungen“. Und allen Ernstes auf den Glauben, dass ihrer Chancen beraubter „junge Menschen und solche ab 50“ künftig wählerischer sein könnten. Ein solcher „Masterplan für Ausbildungs- und Jobchancen“ kann nur als beschränkt bezeichnet werden.

Denn realpolitisch haben die Firmen angesichts hoher Arbeitslosenzahlen wohl noch mehr Auswahlmöglichkeiten. Und der Druck prekäre Teilzeitjobs anzunehmen oder sich in eine fragwürdige (Schein-)Selbstständigkeit zu begeben wird weiter steigen.

Bezeichnend bei solchem Geschwafel ist, dass dabei die überfällige Arbeitszeitverkürzung (mit einer 30-Stunden-Woche als neuem Standard), um die Schere zwischen schlecht bezahlter Teilzeit auf der einen und Überstunden ohne Ende auf der anderen Seite zu schließen kein Thema ist.

Ebenso, dass die Erhöhung des Arbeitslosengeldes und ein (zumindest befristetes) Existenzgeld für Menschen, die durch Corona ihre Existenzgrundlage verloren haben, auf die Tagesordnung gehört, statt den Konzernen mit dem Motto „Koste es was es wolle“ weiter die Millionen hineinzuschieben.

Feuer am Dach

Für denkende Menschen ist wohl unstrittig, dass Corona ein Fakt ist und Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus notwendig und sinnvoll sind. Besorgniserregend ist jedoch, dass zu viele meinen quer denken zu müssen, Maßnahmen als überflüssig und das Virus als ungefährlich oder nicht existent betrachten.

Eine zunehmend chaotische, von Selbstdarstellung bestimmte Regierungspolitik, von wirtschaftlichen Interessen getrieben und an der Grenze des Rechtsstaates agierend, begünstigt das. Instrumentalisiert von rechtsextremen Drahtziehern finden sich nun regelmäßig Corona-Leugner, Impfgegner, Aluhut-Träger, Verschwörungsschwurbler, Staatsverweigerer und sonstige Esoteriker zusammen, um für die „Freiheit“ von Corona-Maßnahmen zu demonstrieren.

Was sie eint sind exzessiver Egomanismus und die Absage an Solidarität gegenüber Gefährdeten, ganz nach dem Motto „Die Stärkeren kommen durch“. Wenn sich solche Protestierer dabei mit Widerstandskämpfern vergleichen ist das nicht nur eine Verhöhnung des antifaschistischen Widerstandes, sondern auch eine Verharmlosung des Nazi-Regimes. Unverkennbar ist dabei unter Berufung auf das „Volk“ auch der Ruf nach autoritärer Politik jenseits demokratischer Errungenschaften. Und das zielt schon weit über Corona hinaus.

Heftige Verwüstungen

„Was aus den Schneekanonen kommt, das sind die Träume der Touristiker.“, sagt der Autor des aktuellen Titelblattes. „Sie spiegeln die gegen- und widerwärtige Verfasstheit und Verrohung unserer Gesellschaft.“, deren Konzentrat im Massentourismus zu finden ist. Diese Träume, deren Stoff aus Ischgl kommt, hat der Fotograf Lois Hechenblaikner in einem Buch zusammengefasst, welches selbst ärgste Sarkastiker wie den Autor dieser Zeilen sprachlos macht. Genau das wollen die Touristiker auch hierzulande haben.

Dem Verfasser ist es, gelinde gesagt egal, wenn ein Bergdorf wie Vorderstoder mit was auch immer zugekackt wird. Es geht ihm nicht um heimattümelnde Bergdorfrettungsaktionen, noch dazu wo diese Bergdörfer die kommenden Verwüstungen selber wollen. Was aber wirklich wütend macht ist, wie der kapitalistische Verwertungswahnsinn ganze Landstriche niedermacht, Ressourcen verschwendet als gäbe es kein Morgen. Denn der Schaden, sei es der finanzielle aber auch der ökologische wird auf die Gesellschaft aufgeteilt. Das gilt es zu verhindern.

Franz Fend

Üble Schihüttengaudi

Insalata Mista. Von Franz Fend

„Vorderstoder – das märchenhafte Bergdorf“, so macht der kleine Ort im Stodertal Werbung in den unterschiedlichsten Medien. Abgesehen davon, dass die meisten Märchen hierzulande ganz schön brutal sind und dass man Tourismuswerbung nicht für bare Münze nehmen sollte, ist die Dreistigkeit, mit der hier vorgegangen wird, verblüffend. Denn seit Jahrzehnten bemühen sich das Alpenkaff und seine Nachbarn da- rum, die dortigen Schigebiete zu erweitern.

Die Verbindungspläne mit der Wurzeralm samt Tunneln wurden aufgrund massiver Proteste, wahrscheinlich aber auch aufgrund der Durchgeknalltheit des Projekts ad acta gelegt. Doch schon damals war klar, dass die Touristiker mit der Landesregierung im Rücken nicht klein beigeben würden. Nicht überraschend, wurden nun die Pläne für eine Schiliftverbindung von Vorderstoder mit der Hutterer Höss vorgelegt. Sie lassen keinen Zweifel offen: Das Stodertal möchte Klein-Ischgl werden. Tourismus, bis der Arzt kommt.

Dass diese Schi-Gaudi nicht ohne schwerwiegende Umweltschäden zu haben sein wird, ist allen Beteiligten klar. Allein, der Tourismus-Industrie ist es egal. Es wird drübergefahren, wenn es um den Profit geht. Knapp tausend Parkplätze sollen betoniert werden, 42 Hektar Wald in sensibler Lage müssten gerodet werden, Speicherteiche für die Schneekanonen mit mehr als 170.000 Kubikmetern müssten gegraben werden.

Diese sollen aus dem sechs Kilometer entfernten Steyr-Fluß gefüllt werden. Die Schäden durch den zusätzlichen Verkehr und den Energieverbrauch durch die Beschneiung noch gar nicht eingerechnet. Mehr als 45 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern sollen in das Projekt fließen, welches nur Gewinne für wenige, dafür Schäden und Belastungen für viele bedeuten würde.

Dafür, dass dieser Schiliftwahn- sinn ein sehr kurzes Gastspiel haben werde, sorgt die zunehmende Klimaerwärmung. Bald wird auf diesen Seehöhen nicht einmal mehr Kunstschnee möglich sein. Mit den vorliegenden Plänen wird die Klimaerwärmung aber zusätzlich befeuert. Es mag was Tröstliches haben, wenn die Pläne der Touristiker ihr eigenes Begräbnis beinhalten. Vernünftiger wäre es allerdings, würde man die Pläne begraben, bevor der Schaden angerichtet ist.