So schaut´s aus

Seit sich Berta und Bertl Blumenkohl verdoppelt haben läuft vieles anders, auch in der Küche. Es muss schnell gehen, es soll satt und zufrieden machen und schmecken soll`s dann auch allen.

Da ich nicht zur Spezies des sich aufopfernden Mütterleins gehöre, bin ich seit der Geburt der beiden Creaturas eine Anhängerin des Fast Food. Zuerst war’s der Busen, dann Mahlzeiten. Nudeln im 1kg-Pack, Sonderangebote von Fertigsugos en gros, Pudding, Knorr-Fix für Pasta asciutta, TK-Gemüse, Fertigspätzle und Blätterteig supa wenn’s schnell gehen muss. Manchmal denk ich mir, wenn ich am Band der Supermarktkassa steh: der Speiseplan von Verrückten.

Was gibt’s Schöneres als nach einem langen Arbeits- und Schultag Frankfurter ins heiße Wasser zu schmeißen, in eine Semmel zu beißen und das Ganze noch mit Ketchup zu krönen? Fiebernde Kinder? Nudeln kochen, Sugo drüber – g’essn is!

Am Spielplatz der Schrecken aller Bobo-Mütter: Nein die Damen, ich besitze keine Bento-Jausenbox mit 50 Fächern für die Gschratzn, ja sie sind geimpft und waren in einem ganz ordinären öffentlichen Kindergarten, und ja die Radln sind gebraucht vom Feuerwehrflohmarkt und gerettet vom ASZ.

Aber lassen sie sich nicht täuschen, auch für die Creaturas wird, wenn Zeit ist mit Liebe gekocht: Es gibt stundenlang gekochte Hühnersuppen, es wird gemeinsam Kuchen gebacken und Picknicks vorbereitet.

Berta Blumenkohl

Lawine durch die Stadt

Die Wohnsiedlungen im südlichen Stadtteil Ebelsberg bieten halbwegs leistbare Wohnungen mit gut erreichbarem Naherholungsgebiet. Umsäumt von den Traunauen auf der einen Seite und dem Schiltenbergwald auf der anderen, beherbergen Kastgründe und Ennsfeld an die 10.000 Menschen in mehr als 2.500 Wohnungen.

Auf dem benachbarten Areal der ehemaligen Kaserne soll bald zusätzlich eine neue Siedlung entstehen, der „Garten Ebel“ mit etwa 3.000 Wohneinheiten und Geschäftsflächen.

Gleichzeitig geplant: die Zerstörung des Schiltenbergwaldes und der Traunauen durch eine Transitautobahn, die genau zwischen Ennsfeld und Garten Ebel das Wohngebiet zerschneidet. Besonders perfid: diese Autobahn heißt Ostumfahrung, führt aber mitten durch das Stadtgebiet.

Eine vernünftige Verkehrs- und Stadtplanung gelingt seit Jahrzehnten nicht, das ist bekannt. LKW-Lawinen zusätzlich durch die Stadt zu leiten, und das direkt durch dicht besiedeltes Wohngebiet, ist aber derart widersinnig, dass man es kaum glauben kann. Mit 6.100 Unterschriften können wir eine Volksbefragung auslösen. www.kein-transit-linz.at

Für eure Unterstützung dankt euch Irene Ira

Halászlé in Floridsdorf

Herr Groll zuhause: Groll berichtet und zeigt, wie mit Fisch und Paprika der Tod vertrieben werden kann. Von Erwin Riess

Der Dozent und Herr Groll verzehrten in Herrn Grolls kleiner Gemeindewohnung eine ungarische Fischsuppe, eine Halászlé nach Tokajer Art. Herrn Grolls Kochkünste waren nicht der Rede wert, aber sein Lecsó und seine Halászlé konnten für die pannonische Küche Ehre einlegen. Seine unzähligen Aufenthalte am Donauknie oberhalb von Budapest oder im Süden, bei Mohács an der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien, und in Tokaj hatten ihn in der Fischsuppen-Landeskunde weit vordringen lassen. Daß seine Großmutter mit den Erzählungen von Visegrád das Ihre dazu beigetragen hatte, soll nicht unerwähnt bleiben. Aber auch Herr Groll vermochte aus eigenem Erleben den Fundus von Kocherzählungen zu bereichern. Am besten gefiel dem Dozent jene von der Fischsuppe in Tokaj, die in einer berühmten Haláscsárda am Zusammenfluß von Theiß und Bodrog zu Hause ist. Diese „Mutter aller Fischsuppen“ ist hauptverantwortlich dafür, daß der Altersschnitt der Bewohner eines nahen Pensionisten- und Pflegeheims der höchste im ganzen Land ist. Die Suppe war auch für Ostungarn ungewöhnlich scharf, wies mit Fogás, wie der ungarische Zander genannt wird, Hecht (auf ungarisch: Heck) und Karpfen (Ponty) den besten Fischbesatz auf und kam vulkanfeuerrot und dampfend in einer großen Blechschüssel auf den Tisch. Dazu wurden frisches Weißbrot und ein kleines Schälchen, in dem drei kleine, längliche tiefrote Paprikaschoten zur Erhöhung der Schärfe lagen, aufgetragen. Die Insassen der Pflegeheims saßen einander nicht gegenüber, sondern hintereinander, jeder in seiner eigenen Reihe. Lautes Gerülpse, Gehuste und Geschlürfe erfüllte den niedrigen tonnenförmigen Raum, in dem vor Zeiten schon Nikolaus Lenau, der Autor der „Albigenserschlacht“ und der „Schilflieder“ sowie Sándor Petöfi getafelt hatten.

Die alten Männer verzehrten die Suppe die Suppe unter Tränen, es war ihnen eine Ehrensache, keinen einzigen Höllenpaprika auf den Schälchen zurückzulassen. Einige Männer weinten still vor sich hin, andere seufzten zwischendurch laut auf, wieder anderen schossen die Tränen förmlich aus den Augen. Und in der Tür stand der Kellner mit verschwitzten, fettigen Haaren und einem verdreckten Küchentuch über dem Arm und beobachtete seine Schäfchen, die der festen Überzeugung waren, daß die Fischsuppe von Tokaj den Tod vertreibe. Nur Greise, die keinen Gefallen am Leben mehr fanden, kamen nicht mehr zur Fischsuppe. Wenige Tage später konnte man ihre Namen schwarz umrandet auf einem Aushang der Gemeinde neben der Garderobe des Lokals lesen.

Herr Groll bekam von einem Nachbarn, der aus dem Waldviertel, jenem hügeligen und klimatisch rauen Gebiet nordwestlich von Wien stammte und Anteilseigner einer Fischzucht war, jede Woche Nachschub an Fischen. Den Zander ersetzte ein Wels, Hecht und Karpfen glichen dem Originalrezept. Da sie beide, Herr Groll und der Dozent, sich zu den vulnerablen Personen zählten, in rhapsodischen Momenten wie sie mit der Verdauung einer höllisch scharfen Fischsuppe einhergingen, bezeichnete Herr Groll sich als „rollende Vorerkrankung“. Er rechnete aber auch den sportlichen Dozenten zur Kohorte der Vulnerablen, dies aber nicht wegen dessen körperlichen Verfassung, sondern wegen des weltanschaulichen Erbschadens, den der Dozent seiner Herkunft aus dem spießigen und arroganten Nobelbezirk Hietzing mit dem zu Tode renovierten Kaiserschloß Schönbrunn verdankte. Aus all diesen Gründen sprachen die beiden gern einer scharfen Halászlé zu und in Seuchenzeiten erhöhten sie den Suppenkonsum je nach Inzidenzlage auf das Doppelte und Dreifache. So kam es, daß der Waldviertler Fischzüchter mit Herrn Groll ein blendendes Geschäft machte – die Fische waren nicht billig. Herr Groll rechtfertigte die Mehrausgaben vor sich damit, daß die täglichen Heurigenbesuche infolge des Lockdowns entfallen mußten, wodurch eine hübsche Summe eingespart werden konnte. Und immer erörterten sie nach dem Essen die Weltlage, legten dabei aber einen Schwerpunkt auf Donaueuropa und da vor allem auf Ungarn. Der Dozent nannte diese Zusammenkünfte Sitzungen einer bedeutenden NGO namens „Pannonian watchdog“. Sie beide stellten einen Leuchtturm der Freiheit in diesen dunklen Jahren für Ungarn dar, so der Dozent.

So saßen die beiden hintereinander in großem Abstand bei Suppe und Rotwein, der eine in der winzigen Küche, der andere im Chambre Separeé wie Herr Groll das Wohnzimmer nannte. Nicht selten hatten sie einen großen Abend.

Scheiß-Krieg

Alexander Scrwarzl

Der Bad Ausseer Lastenträger und Zimmerer Conrad Johann vulgo Lischka war von der Nazi-Wehrmacht eingezogen an verschiedene Fronten geschickt worden. Sein letzter Einsatz endete damit, dass er fünfviertel Jahre vor Kriegsende in einem Lazarett in Wien verbringen musste.

Im April 1945, die Lazarette waren überfüllt und der heranrückende Druck der Roten Armee schon zu spüren, entschieden sich Lischka und ein Weggefährte für die Heimreise auf Fahrrädern, welche sie von Wiener Verwandten zur Verfügung gestellt bekamen. Ihre Reise tarnten sie als Lazarettverlegung. Die dazu nötigen Papiere bekamen sie von Krankenschwestern.

Ihre Tour führte sie über Tulln, Langenlois, Maria Taferl bis nach Mauthausen. Dort und in Enns wurde es bei diversen Kontrollen brenzlig. Der Plan aber, zu zweit eine Lazarettverlegung vorzugaukeln, ging auf. In Lambach trennten sich die beiden und Lischka fuhr allein weiter.

Noch bevor er sein Ziel Aussee erreichte, begegneten ihm nach 350 Kilometern in Bad Goisern zwei junge Frauen, die ihm im heimischen Dialekt berichteten, dass dieser Scheiß-Krieg bald ein Ende hätte.

Hans Staudinger

Kreative Maßnahmen

Ein Kessel Buntes. Von Franz Fend

Der Verfasser dieser Kolumne hat dieses Jahr bereits mehr als 3700 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Er tut dies seit vielen Jahren und ist somit in der Lage, die Entwicklung der Gefährdung und der Bedrohung von Radfahrer*innen zu beschreiben. Er spricht mit vielen und hört so einiges. Diese Gefahren sind, das ist evident, exponentiell angestiegen. So oft wie heuer ist er noch nie geschnitten, beinahe überfahren, touchiert oder aggressiv angehupt worden. Das hängt keineswegs mit der erhöhten Aufmerksamkeit durch die Gewalttaten der Raser- und Tunerszene zusammen. Gewiss, auch dieser Szene sollte man das Handwerk legen. Wie einen, der öffentlich mit einer Schusswaffe herumballert, mit lebenslangem Waffenverbot belegen. Der Gegenstand des Verbots ist halt in diesem Fall das Auto, welches sich ohnehin immer weniger von Waffen unterscheidet.

Diese Tuner-Szene, so lästig sie auch sein mag, ist nichts gegen die Gefahr, die von den täglichen Pendler*innen aus den städtischen Speckgürteln ins Zentrum ausgeht. Aufgeputscht mit was auch immer (vermutlich Pervitin wie früher das Crystal Meth genannt wurde, Panzerschokolade trifft es noch genauer, das passte zum Gewicht der SUVs), machen sie mit ihren Cayenne, x5, Touaregs und Q7 alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt, oder was ihnen auch nur ein paar Sekunden ihrer Fahrtzeit kosten könnte. Die Aggressivität, die Ellbogenmentalität und Rücksichtslosigkeit der vorherrschenden neoliberalen Gesellschaft kulminiert in deren Fahrstil. Dass zuweilen schwächere Verkehrsteilnehmer*innen den Fahrer*innen dieser LL- und UU-SUV’s oft Dinge wie etwa Schimmel in ihren Häusern, die Krätze und Läuse an ihren Kindern, die Verwandtschaft in der Psychiatrie und den Fahrern selbst einen Seitenausgang fürderhin wünschen, ist nur verständlich, ändert aber am Problem nichts.

Andere wiederum fordern eine City-Maut, welche das Einkommen der SUV-Panzerfahrer als Basis nimmt und mit der PS-Anzahl ihrer Gefährte potenziert wird. Allein der Griff zur Autotür sollte im gelindesten Fall einen Privatkonkurs nach sich ziehen, wünschen sich viele (dass sie in Wirklichkeit Schuldeneintreiber mit der kalabrischen Methode meinen, sagen sie nicht offen).

Kleine Brötchen

Worüber man nicht sprechen könne, merkte Wittgenstein in dessen Tractatus, der soeben seinen 100-jährigen Geburtstag feierte, an, müsse man schweigen.

Vieles von dem, was die vorherrschende Politik und deren Apparat momentan von sich gibt, ist zwar in höchstem Maße unsäglich, man sollte jedoch drüber reden. Es zeugt von einer ungeheuerliche Präpotenz, einer Aufgeblasenheit und Großkotzigkeit der sich herrschend wähnenden Clique, die sich nicht fürchten muss vor dem Pöbel, den sie verachtet.

Dem Pöbel, und alle die sich ihm plötzlich zugehörig fühlen, ist, wenn schon kein politisches Bewusstsein so schnell vorhanden sein wird, zumindest ein gutes Gedächtnis zu wünschen, dass jenen, deren Arroganz er täglich zu spüren bekommt, das nicht erlassen wird, wenn politische Handlungsfähigkeit wieder hergestellt sein wird.

Derweil werden kleinere Brötchen gebacken. Doch Kritik an den herrschenden Zuständen und an den Zumutungen, welche die Herrschenden für uns bereithalten geht immer. Nichts anderem hat sich diese kleine Postille verschrieben. Auch wenn die Zeiten lausig sind, wünscht Ihnen für die Café KPÖ Redaktion eine anregende Lektüre

Franz Fend

Mikro & makro

Es ist seit seiner Gründung Anliegen des „Café KPÖ“ die Leser*innen zu einem alternativen Blick auf die Welt einzuladen. Das betrifft nicht nur die Texte dieser kleinen Postille, sondern auch die Bilder. Aus diesem Grunde haben wir zumeist auf eine illustrierende Bebilderung der Artikel verzichtet. Nichts wäre ermüdender, wenn, um ein Beispiel zu nennen, ein Artikel über das Grundeinkommen mit einem Bild von Geld ergänzt wäre. Deshalb brachten wir zumeist Bilderstrecken die einen eigenen Kommentar zu den Dingen darstellten. Mal ironisch, mal künstlerisch, mal brachial, meist sarkastisch, die Bilder waren ein stets eigenständiger Kommentar.

Ab der vorliegenden Ausgabe wird der Fotograf Dieter Decker die Bilder beisteuern, der es auf immer wieder neu Weise schafft, die Betrachter*innen zu überraschen und einen faszinierenden Blick auf die kleinen wie großen Welten zu lenken. Dinge, Ausschnitte, Strukturen, Farben der Formen die man schnell einmal übersieht, rückt er in den Fokus und erschafft so Bilderwelten, die immer wieder für Verblüffung sorgen.

Eine spannende Lektüre und Kraft zum Widerstand wünscht Ihnen für die Café-KPÖ-Redaktion

Franz Fend

Flitzer

Nachdem zigtausende Juden Berlin unter den Nationalsozialisten verlassen mussten, versuchten einige von Ihnen im Untergrund unterzukommen und sich in der Stadt zu verstecken. Das Verstecken wurde als flitzen bezeichnet.

Einer von ihnen war Cioma Schönhaus, ein ausgebildeter Grafiker, der sich als Passfälscher über Wasser halten konnte und vielen Hunderten dadurch zum Überleben verhalf. Doch wurde auch er verraten und die Nazis suchten ihn mittels Fahndungsbrief. So blieb ihm nurmehr die Flucht. Er beschloss mit dem Fahrrad in die Schweiz zu flüchten.

Kein leichtes Unterfangen als Jude. Immer wenn er nach seiner Identität gefragt wurde, gab er sich als strammer Gefolgsmann Hans Brück auf Erholungsreise aus. Noch zuvor, als er seine Tour in Angriff nehmen wollte, überstanden er und sein Fahrrad knapp einen Bombenangriff auf Berlin.

Am Gendarmenmarkt besorgte er sich alle notwendigen Straßenkarten, um sodann in acht Tagen 1000 Kilometer über Potsdam, Bamberg, Stuttgart bis nach Öhningen an der Schweizer Grenze zurückzulegen. Per pedes überschritt er am Ende einen Grenzbach in die rettende Freiheit.

Hans Staudinger

Pseudo-Barrierefreiheit

Seit wir am südlichen Stadtrand von Linz wohnen, ist eine Fahrt „in die Stadt“ fast ein Erlebnis. Mit einem gewissen Urlaubsgefühl auf der Landstraße zu flanieren ist etwas ganz anderes als am alten Wohnort im Domviertel von den SUVs der Bobos bedrängt zu werden.

Von einem Lockdown ist dabei nichts zu merken. Die Leute tummeln sich zuhauf, seit die Geschäfte wieder offen sind. Eine neue Strategie, ein langfristiges Konzept und einen tauglichen Impfplan gibt es nicht. Riesige Werbeeinschaltungen für eine Impfung, die gar nicht verfügbar ist, machen auch mich schön langsam wütend.

Noch um einiges wütender macht mich der unsägliche Plan, eine Rolltreppe auf den Schlossberg zu bauen. Mit dem Pseudoargument der Barrierefreiheit (Rolli, Rollator und Kinderwagen auf der Rolltreppe?) soll uns ein völlig absurdes und unheimlich teures Projekt aufs Aug gedrückt werden. Vorerst hat der Gestaltungsbeirat nein gesagt, sämtliche Architekt*innen protestieren, ebenso die Anrainer*innen. Einer der schönsten Plätze von Linz würde dadurch zerstört, und zwar unwiederbringlich.

Lasst es einfach bleiben rät dringend Irene Ira

Molotov an der Donau

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Am Tag vor Neujahr saßen Groll und der Dozent mit einer Flasche portugiesischen Weißwein und einem Karamellkuchen an der Buddhistischen Pagode beim Donaukraftwerk Freudenau auf einer Bank und beobachteten den Schiffsverkehr. Herr Groll schwelgte in Erinnerungen an das Donaurestaurant Berger, das sich einst auf der Dammkrone befand. Dort habe bis weit in die Nullerjahre des neuen Jahrhunderts eine brasilianische Köchin schmackhafte brasilianische und portugiesische Gerichte zubereitet. „Die groß gewachsene Frau war wunderschön, sie war die Gattin des Eigentümers, eines Wieners, der mit ihr im Winter in Belo Horizonte und die restliche Zeit in Wien lebte, zumindest bis zur großen Finanzkrise des Jahres 2008. Unter den Süßspeisen, die sie zubereitete, ragte besonders ein portugiesischer Kuchen namens Molotov hervor.“

„Seltsamer Name“, sagte der Dozent. „Hat er etwas mit dem langjährigen sowjetischen Außenminister Molotov zu tun?“

„Keine Ahnung“, sagte Herr Groll und schenkte seinem Freund mit den Worten „Es muss nicht immer Veltliner sein“, vom fruchtigen Vinho Passado von den Azoren ein. „Hier! Kosten Sie! Er war beim Diskonter im Angebot. Ein Wein von den Azoren, der in Wien um einsachtzig verkauft wird! Ein Lob auf den Kapitalismus! Von der Brasilianerin weiß ich nur, daß Molotov eine Eischnee- und Puddingspeise ist, die zum Abschluss eines üppigen Fischessens gereicht wird. Sie gilt auch als eine der Lieblingsspeisen von Diabetikern, die gern mittels Molotov assistierten Suizid begehen. Ich darf das sagen, weil ich auch dieser Elitetruppe angehöre und zu jedem Verbrechen fähig bin, um an Zucker zu kommen. Für ein Blech Molotov, das 8 Portionen ergibt, rechnet man 11 Stück Eiklar, 10 Esslöffel Zucker – man kann je nach Geschmack auch einen Kilo nehmen, ferner ein Viertelkilo selbstgemachtes Karamell, einen halben Kilo Butter und ein paar Orangenzesten, es kann aber auch alles ganz umgekehrt sein, wie gesagt, je nach Geschmack.“

„Das klingt gefährlich – und fantastisch. Aber wieso denken Sie an Selbstmord? Noch dazu einen assistierten? Sie wollen doch immer alles selbst machen?“

„Weil die österreichische Hochjustiz sich seit neuestem gegen behinderte Menschen verschworen hat.“

Das müsse er näher ausführen, sagte der Dozent neugierig.

„Bisher war es so, daß die obersten Gerichtshöfe sich um uns nicht gekümmert haben, und das war gut so. Die 2007 eingeführte Ergänzung im § 7 Bundesverfassungsgesetz, demzufolge behinderte Menschen wie andere Gruppen vor Diskriminierung geschützt seien, war nur eine Schaumschlägerei, Dennoch ließen sich die Behindertenverbände und die Grünen zu Freudenausbrüchen hinreißen. Ich habe damals vergeblich vor der Heuchelei gewarnt. Was die Behindertenfunktionäre nämlich nicht bedachten, war der Umstand, daß ein Verfassungsgrundsatz gesetzlicher Ausführungen durch Bundesgesetze und Verordnungen mit Strafbestimmungen bedarf, um wirksam zu werden und genau die hat man nicht eingerichtet. Der Verfassungszusatz ist ein Muster ohne Wert. Gut fürs internationale Parkett, aber nicht brauchbar für die heimischen Tanzböden. Aber, wie gesagt, das war die gute alte Zeit.

Im Corona-Jahr allerdings haben zwei oberste Gerichtshöfe Gesetze sanktioniert, die nicht nur für uns bedrohlich sind. So hat der Verwaltungsgerichtshof ‚erkannt‘, daß ein vom staatlichen Arbeitsmarktservice verwendeter neuer Algorithmus behinderte Menschen ohne Ansehen von Person und Ausbildung automatisch in jene Gruppe von Arbeitnehmern einreiht, für die es die geringsten Förderungen gibt, wodurch sich die ohnehin skandalös hohe Arbeitslosenrate behinderter Menschen, die um die 45 Prozent liegt, weiter erhöhen wird. Und kurz vor Weihnachten entschied der Verfassungsgerichtshof, der bislang alle Formen von Euthanasie strikt abgelehnt hat, daß assistierter Suizid bei vermeintlich unerträglichem Leid straffrei sei. Die Büchse der Pandora ist damit auch in Österreich geöffnet worden, behinderte Menschen sind fortan einem Dauerdruck zur vorzeitigen Beendigung ihres Lebens ausgesetzt.“

„Und deswegen planen Sie vorsorglich erweiterten Suizid mittels einer Zuckerbombe namens Molotov.“ Der Dozent nahm einen großen Schluck vom Wein.“ Wie ging es mit dem Restaurant weiter?“

„Auf meine seinerzeitige Frage, wie sich die Finanzkrise in Brasilien auswirke, antwortete der Eigentümer: „‚Katastrophal! Sie wissen ja, zu viele Juden!‘ Kurz darauf ging der Laden in Konkurs.“