Lagerklempner!

Die Genossin Charlotte Müller arbeitete seit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur im Widerstand. 1934 musste sie Deutschland verlassen. Sechs Jahre später wurde sie von den Nazis in Brüssel festgenommen und im April 1942 ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht.

Ihr gelang es, da sie in jungen Jahren bei Ihrem Vater das Installationshandwerk erlernte, dass sie die Nazis als Lagerklempnerin einsetzten. Sie nutzte ihre Funktion, Frauen und Kindern das mörderische Lagerleben so gut es ging zu erleichtern. Am Ende musste aber auch sie auf einen der Todesmärsche Richtung Nordwest. Hunderte Ausgemergelte schleppten sich unter dem Tempo fordernden Schreien der Nazis dahin.

Am Rande ihres Trecks fiel ihr eine Aufseherin auf, die ihr Fahrrad widerwillig vor sich hinschob. Charlotte bat um das Fahrrad und klapperte den gesamten Zug ab. Sie erkannte, dass die Hinteren nicht mit den Vorderen mithalten konnten. Indem sie wieder ganz nach vorne fuhr und dort die Lagergenossinnen aufforderte das Tempo vorsichtig zu drosseln, entgingen viele am Ende des Todesmarsch-Trecks der Erschießungswut der Nazis.

Hans Staudinger

Neues wagen

Die großartige Eugenie Kain hat in den 1990igern im Stadtmagazin „Hillinger“ von ihren Stadtrand-Spaziergängen erzählt. Damals war gerade Baubeginn auf den Kast-Gründen und im Ennsfeld, wo neue Wohnsiedlungen entstehen sollten. Die Chancen, die ein Neubau bietet, nämlich etwas wirklich Neues zu wagen, wurden nicht genützt. Wieder entstand eine Schlafstadt ohne Gemeinschaftsräume, ein abgeschiedenes Nebeneinander.

Drei Jahrzehnte später präsentiert sich die Siedlung auf der Gstetten etwas freundlicher. Bäume sind gewachsen, viele Kinder spielen auf den Grünflächen, Eltern plaudern, Hunde werden spazieren geführt. Das heißt nicht, dass die Kritik falsch war, sondern dass ein Lebensraum im wahrsten Wortsinn zusammenwachsen muss, bis sich das Aufgepfropfte herauswächst.

Die Menschen machen sich ihre Umgebung zu eigen, gerade wenn sie nicht perfekt ist. Das ist natürlich keine Entschuldigung für mangelhafte Planung und schlechtes Bauen, im Gegenteil. Kaum etwas ist wichtiger für eine Stadt als menschenfreundlicher Wohnbau. Doch was vom Zahn der Zeit benagt besser wird, hat die Probe bestanden meint Irene Ira.

Der Jakobsweg im ersten Bezirk

Herr Groll auf Reisen: Groll erklärt dem Dozenten die klassenmäßige Zusammensetzung von Röstkaffee. Von Erwin Riess

Die Wiener Innenstadt. Im Meinl- Kaffeehaus am Graben verfolgen die Gäste gebannt einen Rollstuhlfahrer im Trainingsanzug, der, vom Stephansplatz kommend, in hohem Tempo zwischen Kiosken und Passanten Slalom fährt. Ein schlaksiger Mann in einem beigen Zweireiher springt auf und eilt ins Erdgeschoß. Im Foyer des Geschäfts prallt der Mann um ein Haar mit dem Rollstuhlfahrer zusammen. Ohne zu bremsen war der am Cafe vorbei ins Lokal gedonnert, Kunden mussten zur Seite springen, um eine Kollision zu verhindern; eine alte Dame im Nerz ließ vor Schreck ihre Einkaufstasche fallen. Glas splitterte, der Geruch von billigem Weinbrand breitete sich aus.

„Anhalten, Freund Groll!“ rief der Mann im Zweireiher und stellte sich mit ausgebreiteten Armen dem Rollstuhlfahrer in den Weg. Der vollführte eine Notbremsung, sein Oberkörper wippte nach vor.

„Sie brauchen nichts zu sagen, geschätzter Freud! Ich kenne den Grund Ihrer Eile. Die Behindertentoilette im 1. Stock. Ich werde Sie führen!“ Der Dozent machte einen Schritt auf Groll zu.

Mittlerweile hatte die Dame im Nerz sich von ihrem Schock erholt, sie rief Schmähungen gegen die Sozialpolitik der Regierung, die es zulasse, dass wild gewordene Krüppel ehrbare Bürger über den Haufen fahren. Nie wieder werde sie für „Licht ins Dunkel“ spenden. Zu guterletzt forderte die aufgebrachte Frau den Ersatz ihres Getränks. Zu Bruch gehende Gebinde müssten ausgetauscht werden, das sei Gesetz. Drohend schwang sie ihre Handtasche.

Groll verbat sich die Hilfe seines Freundes, er sei nicht der Toilette wegen gekommen. Er beharrte fest darauf, nur eines einzigen Zieles wegen den Meinl am Graben aufgesucht zu haben: drei Packungen Jacobs-Monarch-Kaffee.

Der Dozent schüttelte ungläubig den Kopf. „Da fahren Sie den weiten Weg von Floridsdorf in die Innenstadt, um Kaffee zu kaufen?“ Jacobs-Monarch gebe es zwar auch in seinem Heimatbezirk zu kaufen, räumte Groll ein, allerdings handle es sich dabei um die Vorstadtvariante. In der Vorstadt stecke in den Kaffeepackungen eine Mischung aus Zichorienmehl, Feigenmus und ranzigen Pistazienschalen. Den originalen Jacobs-Monarch bekomme man nur an der Wirkungsstätte Ort des Monarchen. Schließlich sei er auch des Trainings wegen hier, ergänzte Groll.

Wenn er glaube, friedliche Passanten für seine körperliche Ertüchtigung gefährden zu müssen, sei er auf dem Holzweg, erklärte der Dozent.

„Falsch! Auf dem Jakobsweg“, sagte Groll. „Genauer gesagt: Auf dessen Zubringern.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Ganz einfach. Ich trainiere für den Jakobsweg. Den bedeutendsten Pilgerweg Europas, der wie seinerzeit der Ho-Chi-Minh Pfad aus einem Netz an Wegen bestehe, deren beide Hauptstränge an der Küste und in den Pyrenäen entlang führen.

„Da ich vorhabe, zwischen den Routen zu pendeln, trainiere ich rasche Richtungsänderungen.“

Wie er auf diese Verwegenheit gekommen sei, wollte der Dozent wissen.

„Zum einen: Bei der Kniewallfahrt nach Mariazell hat man mich nicht genommen, und zum anderen: Ich habe das Beispiel eines befreundeten Ehepaars vor Augen. Die beiden beschlossen anlässlich einer Ehekrise, den Jakobsweg gemeinsam zu absolvieren. Der Entschluss fiel ihnen nicht schwer, immerhin trägt der Mann den Vornamen Jakob.“

Er wolle gar nicht wissen, wie das Experiment ausgegangen sei, erwiderte der Dozent.

„Bestens“, sagte Groll. „Die beiden haben sich noch auf dem Weg getrennt. Er verliebte sich in eine litauische Fernsehjournalistin und lebt jetzt glücklich in Riga. Und sie wurde von einem Jugendseelsorger aus Debrecen in neue Dimensionen der Wollust eingeführt.“

„Strohfeuer“, sagte der Dozent. „Nach ein paar Monaten gehen die Paare wieder auseinander.“

„Irrtum“, sagte Groll. „Der Mann ist jetzt Kameramann und dreht gerade an einer 100-teiligen Dokumentation über den Jakobsweg. Sie wissen, die Litauer sind sehr katholisch. Und die Frau betreibt ein christliches Reisebüro in Esztergom und schickt jährlich Hundertschaften von ungarischen Jugendlichen nach Santiago de Compostella.“ Der Dozent lächelte fein. „Jetzt weiß ich, was Sie auf den Jakobsweg führt. Sie hoffen, in Santiago de Compostella durch ein Wunder wieder gehen zu können!“

Unsinn, erwiderte Groll. Er hoffe, den Kaffee um den dreifachen Preis loszuschlagen. Um den Erlös mache er sich dann ein paar schöne Tage in einem Hafenstädtchen an der Biskaya. Er habe sich auch schon bei ehemaligen Kämpfern der ETA gemeldet. Gegen ein paar Flaschen Brünnerstrassler hätte die Organisation ihm nicht nur Sicherheit, sondern auch eine Hafenrundfahrt garantiert.

„Da wir nun schon einmal hier sind, könnten Sie mich auf eine Schale Jakobs-Monarch einladen“, sagte Groll und sah den Dozenten einladend an.

„Mit Vergnügen“, erwiderte der.

Ruhig und gemächlich bewegten die beiden sich durchs Geschäft und steuerten das Stehcafe an. Beim Kellner bestellte Groll zwei große Espressi und einen Sitzplatz für seinen schüchternen Freund.

Zero Waste

Männer sollen ja ziemlich gut darin sein ihre Zeit vor tatsächlichen oder eingebildeten Zugriffen zu schützen.

Da kann ich mir als Frau eine Scheibe davon abschneiden, bin sehr gut darin mir immer wieder selbst ein Haxl zu legen. Schrei ganz laut „Hier” wenn der nächste blöde Trend daherkommt oder hab ein schlechtes Gewissen.

Plötzlich soll ich mein Brot selber backen (Brot hat mich immer schon gelangweilt) und Babybrei schreddern. Statt die Nachmittage im Freibad abzuhängen, schweißgebadet Strafarbeit leisten und im Schrebergarten verschrumpelte Radieserl und schneckenzerfressene Karotten ernten. Es gilt Zero-Waste, das heißt ich koch stundenlang Abfall (Gemüseschalen) um das Gschloderat auf Vorrat einzufrieren oder trockne Mist im Backrohr um Apfelschalentee aufzugießen. Super geeignet um mir meine beim Dumpstern im fast leeren Container meine blaugeschlagenen Knie schönzusaufen.

Wenigstens ist der Trend rückläufig jeden Arbeitskreis und jede Besprechung mit selbstgebackenem Kuchen beglücken zu müssen. War ja notwendig damit die Leute wenigstens irgendeinen Grund haben hinzugehen.

Berta Blumenkohl

Opfer Antimilitarismus

Ein Kessel Buntes. Von Franz Fend

Kommunistische Politik hat eine Antikriegspolitik zu sein oder sie ist keine. Nicht von ungefähr war das erste Dekret der jungen Sowjetunion jenes über den Frieden. Es muss nicht extra betont werden, dass kommunistische Politik den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt. Das virulente russische Regime ist ein rechtsextremes, nationalistisches zugespitzt kapitalistisches. Zutiefst unverständlich ist jedoch, wenn die Ablehnung des Krieges zur Solidarisierung mit dem ukrainische Regime führt. Denn dieses ist nicht minder rechtsextrem, nationalistisch zugespitzt kapitalistisch.

Die Frontstellung dieses Krieges als einen der prowestlichen Oligarchen gegen prorussische Oligarchen beschreibt die Sache schon eher, ist allerdings noch immer unzureichend. Wer jetzt mit der blaugelben Flagge herumläuft, ist längst dem Wahnsinn des Nationalismus anheimgefallen. Zumindest ist es aber Heuchelei, wenn die ukrainische Nationalflagge vor sich hergetragen wird wie eine Monstranz. Kommunistische Politik hat antinationalistisch zu sein oder sie ist keine.

Die politischen Kriegsprofiteure sitzen jedoch nicht nur in Moskau. Nicht, dass es besonders überrascht hätte, wie sehr die Eliten hierzulande diesen Krieg herbeigesehnt haben, wie ihn die dazugehörigen Medien herbeibeschworen haben. Schaleks an allen Straßenecken. Die Verwüstungen, welche der Krieg in den Hirnen angerichtet hat, sind auch hier zu diagnostizieren. Wenn dieser Krieg, wie beispielsweise vom „Falter“, als popkulturelles Phänomen beschrieben wird, und Kombattanten in Stile einer H&M- Werbung auf Titelseiten platziert werden, dass ist die Kriegsgeilheit in das pathologische Stadium übergegangen. Das Kriegsgeheul wird unerträglich.

Eines der ersten Opfer dieses Kriegen waren pazifistische und antimilitaristischen Positionen. Sie wurden in den Kriegsländern, aber auch im Rest der Welt marginalisiert. So ist es auf einmal wieder möglich, ohne große Debatten und Widerstand Milliarden in die Hochrüstung der europäischen Armeen zu pulvern. Der Hurra-Patriotismus hat die Stimmen der Vernunft längst übertönt. Wozu es führt, wenn, sich Teile der gesellschaftlichen Linken der Bourgeoisie unterwerfen, das wurde uns 1914 vorgeführt.

Kriegsgewinnler

Wenn von den aktuellen Kriegsgewinnlern die Rede ist, werden die Rüstung- und Ölkonzerne zuerst genannt. Vergessen wird nur allzu oft auf die heimlichen Kriegsprofiteure, die hierzulande etwa auf dem Ballhausplatz und anderen Regierungssitzen hocken. Sie müssten Putin endlos dankbar sein, denn ginge es nach ihren Leistungen, müsste sie längst im Abtritt der Geschichte verschwunden sein.

So verantwortet diese Regierung mit ihren kapitalkonformen Seuchenpolitik wahrscheinlich mehrere tausende Tote, psychisch erkrankte sonder Zahl. Im Schatten der Kriegsereignisse wird eine asoziale Sozialpolitik vorangetrieben die Massen in die Armut schicken und die jetzt schon Armen umbringen wird. Gleichzeitig wird das völlig sinnlose Bundesheer aufgerüstet, wahrscheinlich nur deshalb, um gerüstet zu sein für den Fall, dass sich die Leute die vorherrschende Politik nicht mehr gefallen lassen.

Beispiele über die realkapitalistische Gegenwart sind in dieser Ausgabe unserer kleinen Postille wieder zuhauf zu finden. Wir wünschen eine anregende Lektüre.

Ihre Café-KPÖ-Redaktion

Die Ehrenmänner von Graz

Herr Groll auf Reisen: Groll und der Dozent erörtern ein kleines politisches Erdbeben. Von Erwin Riess

Herr Groll und der Dozent waren im Wiener Stadtpark unterwegs. Ihr Ziel war das Nobelrestaurant Steirereck, das jahrelang unter den zehn besten Restaurants Europas gelistet war.

„Die Großdemonstration gegen Lockdown & Impfpflicht vom Wochenende war im negativen Sinn beeindruckend“, meinte der Dozent.

„Sie zeigte, daß die FPÖ, die die Pandemie mit Entwurmungsmittel für Pferde behandeln will, ein Drittel der Bevölkerung hinter sich weiß“, bekräftigte Herr Groll.

Sie passierten die berühmte Statue mit dem fidelnden Johann Strauß.

„Kein Regierungsmitglied getraut sich, die Wahrheit auszusprechen. FPÖ-Hochburgen sind für den Zusammenbruch des Spitalssystems verantwortlich. Nirgendwo sonst werden Corona-Partys veranstaltet“, klagte der Dozent.

„Mit Feigheit und Duckmäusertum werden wir die Freunde des Coronavirus nicht heimgeigen können“, versetzte Herr Groll nach einem Blick auf den Walzerkönig. „Im übrigen wär das ein guter Name für die Freiheitlichen: ,Partei zur Unterstützung des Coronavirus (PUC)‘!“

Der Dozent lächelte. „Der Name könnte lautmalerisch für eine Corona-Impfung stehen. Puk, und die Sache ist erledigt.“

„Das wäre ein Zusatznutzen, die Dialektik schläft bekanntlich nicht“, erwiderte Groll.

„In den Augen der Covid-Leugner ist die Absage des Steirer-Balls in Wien die wahre Katastrophe“, fuhr der Dozent fort. „Das wichtigste Ereignis der Ballsaison, wichtiger als der Opernball, der Akademikerball, der Ärzteball und der Zuckerbäckerball zusammengenommen, wird auf Mai verschoben. Die braun gewandeten Recken und ihre drallen Mädel in Murgrün trifft das wie ein Keulenschlag. Wer nicht am Steirerball gesehen wird, ist in der feinen Gesellschaft ein verlorenes Kopipsel*), ein Nebochant, mit einem Wort: ein Nullum. Er ist so gut wie tot, sozial tot. Der Steirerball ist ein absolutes Muß. Zehntausend Teilnehmer, Hektoliter von Kernöl, Dirndl und Trachtenjanker mit Diamantenbesatz und steirisches Bier in Strömen.“

„Mir fehlen die Worte“, sagte Herr Groll und grinste.

„Den Steirern auch“, bekräftigte der Dozent. „Sie sind untröstlich. Es gibt allerdings eine Trachtenjanker- und Heimatpartei, die angesichts der Absage des volkstümlichen Hochamts frohlockt.“

„Die PUC!“ rief Groll.

„Die honorigen Herren der Grazer FPÖ“, sagte der Dozent. „Durch die Absage der Tanzveranstaltung ersparen sie sich unangenehme Fragen. Die Partei, die nach dem Wahlsieg der KPÖ große Töne spuckte, ist bis auf die Knochen blamiert. Elke Kahr, die neue kommunistische Bürgermeisterin von Graz, vertrete eine Ideologie, die schon im letzten Jahrhundert ausgerottet hätte werden müssen, ließ der Grazer FPÖ-Chef verlauten.“

„Sage niemand, die Blutsäufer hätten es nicht versucht“, warf Herr Groll ein. „Die jüdische Gemeinde wurde nahezu ausgelöscht.“ „Halten wir fest: Die gesamte FPÖ-Führung in Graz ist nach einem Gagenskandal zurückgetreten“, bilanzierte der Dozent. „Vizebürgermeister und Klubobmann genehmigten sich Extra-Gagen aus Steuertöpfen. So kamen einige hunderttausend Euro zusammen, mit deren Hilfe Luxusautos, Luxusurlaube und der Besuch von Luxusrestaurants finanziert wurden.“

„Da versteht man die Empörung der Freiheitlichen über die Grazer KPÖ, deren Mandatare seit Jahrzehnten zwei Drittel ihres Gehalts in einen Fonds einzahlen, aus dem für arme und ausgegrenzte Menschen Unterstützungen, Wohnungssanierungen und andere Hilfen bestritten werden. In den Augen der Kleptokraten ist das ein stalinistisches Politverbrechen!“

„Anfang November erschütterte eine weitere Hiobsbotschaft die Partei“, setzte der Dozent fort. „Der freiheitliche Finanzreferent veruntreute 500.000 Euro.“

„Die Partei sollte sich doch umbenennen“, beharrte Groll. „Wissen Sie, wo der zurückgetretene Parteichef der FPÖ mit dem schönen Namen Eustacchio – er entstammt einer Unternehmerfamilie aus Treviso – seine ersten Sporen verdiente?“

Der Dozent antwortete nicht.

„Er betreute vermögende Kunden beim Bankhaus Krentschker, welches in der NS-Zeit die den Juden gestohlenen Gelder für die NSDAP verwaltete.“

„So schließt sich der Kreis“, sagte der Dozent und deutete auf das Dach des Restaurants “Steirereck“, das hinter den Büschen auftauchte.

*) ein Kopipsel ist ein kleines Etwas, größer als ein Krümel aber kleiner als eine Kathedrale. Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Manche Experten tippen auf Rotwelsch

Einmal gleich richtig

Linz will wachsen, jedoch wohin? Im Norden das Mühlviertel, im Westen Leonding, und im Osten begrenzen Stadtautobahn, Industrie und Hafen die Stadt. Also bleiben nur Verdichtung und Ausweitung in den Linzer Süden.

Die neueren Hochhäuser wie Bruckner Tower und Lentia Terrassen tragen zur Verbesserung der Wohnsituation nichts bei, „Normalverdiener*innen“ können sich das Wohnen hier unmöglich leisten. Auch ist Verdichtung nur begrenzt möglich, da nicht jeder grüne Fleck verbaut werden kann.

Dementsprechend wehren sich Anwohner*innen, und haben auch manchmal Erfolg damit, wie das verhinderte Tiefgaragenprojekt unter dem Andreas-Hofer-Platz gezeigt hat. So bleibt nur noch der Linzer Süden für den Wohnungsbau, und gerade dort soll eine neue Autobahn direkt durch das Wohngebiet führen. Es gab heftige Gegenwehr, 5.000 Unterschriften wurden gesammelt, um diesen Wahnsinnsplan zu durchkreuzen.

Mittlerweile sind alle Gemeinderatsfraktionen dagegen, die Verhinderung scheint vorläufig gelungen zu sein. Interessant wird noch die öffentliche Anbindung der neuen Wohngebiete, die hier entstehen sollen. Ein heißer Wunsch an die Stadtplaner*innen: macht es doch einmal gleich richtig!

ersucht Eure Irene Ira

Sieben Brüder

Am 25. Juli 1943 war die Freude groß in Campegine, im kleinen Ort zwischen Parma und Reggio Emilia. „Der Duce ist weg!“, posaunten es Radfahrer durch die Straßen. Mussolini musste abtreten, was das Ende des italienischen Faschismus bedeutete. Dies veranlasste die Familie Cervi dazu, ein großes Fest am Marktplatz auszurufen: Die Pastasciutta antifascista!

Alle kamen, um dieses Ereignis gebührend zu feiern. Aber die Freude war nicht von langer Dauer. Die von den Alliierten zurückgedrängten Nazis durchstreiften Italien Richtung Norden und hinterließen eine blutige Spur von Mord und Totschlag. Dem stellte sich die Resistenza entgegen.

Besonders hoben sich die Brüder der Familie Cervi hervor, die in der großen Ebene mit ihren Rädern unterwegs waren, um den Widerstand zu mobilisieren und die eine oder andere überraschende Guerilla-Aktion vom Fahrrad aus zu erledigen. Sie fuhren so viel Rad, sie brauchten den Vergleich mit Scorticati, dem Radchampion aus Reggio, nicht scheuen.

Im Zuge einer nächtlichen Vergeltungsaktion der Faschisten wurden die sieben Cervi-Brüder gefangen genommen und am 28. Dezember 1943 erschossen.

Hans Staudinger

Oh du selige…

Geboren im Sternzeichen des gemeinen Hausschweins, aufgewachsen in einer protestantischen Familie war ich umzingelt von perfekten Hausfrauen. Mehrgängige Menüs, eine Schar Kinder aufziehen, riesige Obst- und Gemüsegärten hegen und pflegen – null Problemo! Natürlich gab’s auch in der Advent- und Weihnachtszeit ungeschriebene Gesetze: Pünktlich mussten die Fenster geputzt sein und ein gut sortierter Keksteller bereitstehen.

Traditionen gehören gebrochen: Fenster werden im Frühjahr geputzt und im Kühlregal gibt’s wunderbaren Lebkuchen-Fertigteig. Die Creaturas können mit Uromas Keksausstechern den Teig malträtieren und die Kunstwerke kreativ aufpimpen. Ich widme mich wichtigen Dingen des Lebens, etwa den neuen Jonathan Franzen zu lesen.

Trotzdem würde ich mich direkt in meine Kindheit zurückkatapultieren lassen: Ein Weihnachtsessen mit längst Verstorbenen in der Runde. Hendleinmachsuppe mit kleinen Semmelknödeln, Gefüllte Kalbsbrust mit Erdäpfeln, Kekse ohne Ende und eine spezielle Torte vom Konditor. Draußen knietief Schnee, drinnen heiß wie in der Hölle.

Zurück in der Gegenwart macht mich auch ein brennheißer Kaffee in der knackig kalten Luft am frühen Morgen am Balkon glücklich. Hör ich dann noch Weihnachtsmusik aus dem 17. Jahrhundert, ist es perfekt.

Berta Blumenkohl