In Auschwitz ermordet

Franz Fend zu Helmut Rizys Buch über die Ungeheuerlichkeit

Essays zur KZ-Literatur, diesen bescheidenen Untertitel hat Helmut Rizy seinem monumentalen Buch über die Literatur aus und über die nationalsozialistische Vernichtungsmaschine Konzentrationslager gegeben. Diese Arbeit, deren erster Band nun vorliegt, sollte das Augenmerk auf die Reichhaltigkeit der KZ-Literatur lenken, so Rizy, was eine ebenso bescheidene wie maßlose Untertreibung ist. Allein die Liste der verwendeten Literatur umfasst elf Seiten.

Helmut Rizy leistet hier nicht mehr und nicht weniger, als einen Überblick über die Vielfalt der Motive, der Erzählhaltungen und über die Vielzahl der Autor*innen zu geben. Der Titel „Überleben – um Zeugnis abzulegen“ erscheint zunächst etwas pädagogisch.

Doch schnell zeigt sich, dass in vielen Texten ein aufklärerischer Impuls eine Rolle spielt, aber auch, wie die jüdische Polin Tamar Radzyner, die im polnischen Widerstand aktiv war und mehrere KZ überlebte, in einem Interview angemerkt hatte, die persönliche Aufarbeitung der großen Katastrophe: „Jetzt lebe ich (…) in Wien und versuche, mir den Psychiater zu ersparen, indem ich meine Ängste in Gedichten niederschreibe.“

Tamar Radzyners Gedichte, bis vor kurzem noch kaum jemandem bekannt, wurden vor wenigen Jahren von der Theodor-Kramer-Gesellschaft editiert und kürzlich von der Komponistin und Musikerin Jelena Popržan vertont und in einem beeindruckenden Programm vorgestellt.

Bei Rizy finden sich Autor*innen, welche früh nach der Befreiung schon verlegt wurden und zu größerer Breitenwirksamkeit gekommen sind, wie etwa Primo Levi, Ruth Klüger, Jorge Semprún oder Fred Wander, die meisten jedoch sind einem breiteren Lesepublikum weniger bekannt.

Rizys Verdienst ist es, Autor*innen aus den unterschiedlichsten politischen, aber auch religiösen Kontexten vorzustellen, die sonst in Vergessenheit geraten hätte können. Und das, obwohl viele Texte auf abenteuerliche Weise, etwa als Kassiber aus Konzentrationslager, an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Oder, wie etwa im Falle von Simcha Guterman, erst Jahrzehnte später bei Umbauarbeiten in einem Haus gefunden wurden.

Was Rizy hier vorlegt, ist gewiss keine leichte Lektüre. Er hält sich im Ton sachlich, die Ungeheuerlichkeit des Geschehenen spricht aus den ausgiebig zitierten Texten.

Helmut Rizy: Überleben, um Zeugnis abzulegen. Essays zur KZ-Literatur. Wieser Verlag, Celovec 2021

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