Die Ehrenmänner von Graz

Herr Groll auf Reisen: Groll und der Dozent erörtern ein kleines politisches Erdbeben. Von Erwin Riess

Herr Groll und der Dozent waren im Wiener Stadtpark unterwegs. Ihr Ziel war das Nobelrestaurant Steirereck, das jahrelang unter den zehn besten Restaurants Europas gelistet war.

„Die Großdemonstration gegen Lockdown & Impfpflicht vom Wochenende war im negativen Sinn beeindruckend“, meinte der Dozent.

„Sie zeigte, daß die FPÖ, die die Pandemie mit Entwurmungsmittel für Pferde behandeln will, ein Drittel der Bevölkerung hinter sich weiß“, bekräftigte Herr Groll.

Sie passierten die berühmte Statue mit dem fidelnden Johann Strauß.

„Kein Regierungsmitglied getraut sich, die Wahrheit auszusprechen. FPÖ-Hochburgen sind für den Zusammenbruch des Spitalssystems verantwortlich. Nirgendwo sonst werden Corona-Partys veranstaltet“, klagte der Dozent.

„Mit Feigheit und Duckmäusertum werden wir die Freunde des Coronavirus nicht heimgeigen können“, versetzte Herr Groll nach einem Blick auf den Walzerkönig. „Im übrigen wär das ein guter Name für die Freiheitlichen: ,Partei zur Unterstützung des Coronavirus (PUC)‘!“

Der Dozent lächelte. „Der Name könnte lautmalerisch für eine Corona-Impfung stehen. Puk, und die Sache ist erledigt.“

„Das wäre ein Zusatznutzen, die Dialektik schläft bekanntlich nicht“, erwiderte Groll.

„In den Augen der Covid-Leugner ist die Absage des Steirer-Balls in Wien die wahre Katastrophe“, fuhr der Dozent fort. „Das wichtigste Ereignis der Ballsaison, wichtiger als der Opernball, der Akademikerball, der Ärzteball und der Zuckerbäckerball zusammengenommen, wird auf Mai verschoben. Die braun gewandeten Recken und ihre drallen Mädel in Murgrün trifft das wie ein Keulenschlag. Wer nicht am Steirerball gesehen wird, ist in der feinen Gesellschaft ein verlorenes Kopipsel*), ein Nebochant, mit einem Wort: ein Nullum. Er ist so gut wie tot, sozial tot. Der Steirerball ist ein absolutes Muß. Zehntausend Teilnehmer, Hektoliter von Kernöl, Dirndl und Trachtenjanker mit Diamantenbesatz und steirisches Bier in Strömen.“

„Mir fehlen die Worte“, sagte Herr Groll und grinste.

„Den Steirern auch“, bekräftigte der Dozent. „Sie sind untröstlich. Es gibt allerdings eine Trachtenjanker- und Heimatpartei, die angesichts der Absage des volkstümlichen Hochamts frohlockt.“

„Die PUC!“ rief Groll.

„Die honorigen Herren der Grazer FPÖ“, sagte der Dozent. „Durch die Absage der Tanzveranstaltung ersparen sie sich unangenehme Fragen. Die Partei, die nach dem Wahlsieg der KPÖ große Töne spuckte, ist bis auf die Knochen blamiert. Elke Kahr, die neue kommunistische Bürgermeisterin von Graz, vertrete eine Ideologie, die schon im letzten Jahrhundert ausgerottet hätte werden müssen, ließ der Grazer FPÖ-Chef verlauten.“

„Sage niemand, die Blutsäufer hätten es nicht versucht“, warf Herr Groll ein. „Die jüdische Gemeinde wurde nahezu ausgelöscht.“ „Halten wir fest: Die gesamte FPÖ-Führung in Graz ist nach einem Gagenskandal zurückgetreten“, bilanzierte der Dozent. „Vizebürgermeister und Klubobmann genehmigten sich Extra-Gagen aus Steuertöpfen. So kamen einige hunderttausend Euro zusammen, mit deren Hilfe Luxusautos, Luxusurlaube und der Besuch von Luxusrestaurants finanziert wurden.“

„Da versteht man die Empörung der Freiheitlichen über die Grazer KPÖ, deren Mandatare seit Jahrzehnten zwei Drittel ihres Gehalts in einen Fonds einzahlen, aus dem für arme und ausgegrenzte Menschen Unterstützungen, Wohnungssanierungen und andere Hilfen bestritten werden. In den Augen der Kleptokraten ist das ein stalinistisches Politverbrechen!“

„Anfang November erschütterte eine weitere Hiobsbotschaft die Partei“, setzte der Dozent fort. „Der freiheitliche Finanzreferent veruntreute 500.000 Euro.“

„Die Partei sollte sich doch umbenennen“, beharrte Groll. „Wissen Sie, wo der zurückgetretene Parteichef der FPÖ mit dem schönen Namen Eustacchio – er entstammt einer Unternehmerfamilie aus Treviso – seine ersten Sporen verdiente?“

Der Dozent antwortete nicht.

„Er betreute vermögende Kunden beim Bankhaus Krentschker, welches in der NS-Zeit die den Juden gestohlenen Gelder für die NSDAP verwaltete.“

„So schließt sich der Kreis“, sagte der Dozent und deutete auf das Dach des Restaurants “Steirereck“, das hinter den Büschen auftauchte.

*) ein Kopipsel ist ein kleines Etwas, größer als ein Krümel aber kleiner als eine Kathedrale. Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Manche Experten tippen auf Rotwelsch

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