Wege des Widerstands

Eine zeitgeschichtlicher Wanderführer: Eine dringende Empfehlung von Franz Fend

Man kann das Wandern auf sehr unterschiedliche Weise betreiben: Besinnungslos von Ziel zu Ziel stolpern, um möglichst viele Gipfel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen; für jene die den Leistungszwang der Arbeitswelt in der Freizeit nicht missen möchten, eine Option. Verträumt romantischen Naturbetrachtung wäre eine weiter Möglichkeit. Eine weitere, sehr spannende, schlagen die Autoren des Wanderführers Thomas Neuhold und Andreas Praher vor, nämlich sich wandernd mit der Geschichte der jeweiligen Region auseinanderzusetzen. Ihr Führerwerk selbst ist ein klares politisches Statement: Mit „Nie wieder Faschismus!“ Nie wieder Krieg!“ zeigen sie, dass es sie beim vorliegenden Band um keine Allerweltszeitgeschichte-Publikation handelt, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit klarer antifaschistischer Haltung. Dass dieser Wanderführer auch für die alpine Anwendung einen hohen Gebrauchswert verfügt, ist der bergsteigerischen Expertise Neuholds geschuldet. Jede Wanderung ist mit einer soliden zeitgeschichtlichen Einführung versehen, die allein, ohne Wanderung, die Lektüre lohnen.

Das Buch umfasst 35 Touren zwischen dem Krimmler Tauern im Westen und dem ehemaligen KZ Gusen im Osten, sie reichen von einfachen urbanen Spaziergängen in Salzburg und Gusen etwa, bis hin zu ambitionierten Bergtouren, wie etwa der Nagelsteig zum „Igel“, dem legendären Versteck der Salzkammergut-Partisanen von der Gruppe Willy/Fred im Toten Gebirge, oder der Fluchtroute von mehr als 5000 jüdischen KZ-Überlebenden über den Krimmler Tauern in Richtung Palästina. Mehrere Touren in diesem Buch stehen in Zusammenhang mit Sepp Plieseis’ Flucht aus dem KZ-Nebenlager in Hallein, der sich vom Salzachtal über die Osterhorn-Gruppe bis ins Tote Gebirge durchschlug. Aus oberösterreichischer Sicht interessant sind auch Geschichte wie auch Route, welche die Flucht des Nazi-Schlächters Ernst Kaltenbrunner beschreibt, aber auch dessen Verhaftung auf der Wildenseehütte im Toten Gebirge. Franz Kain hatte dem Geschehen mit der Erzählung „Der Weg zum Ödensee“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Thomas Neuhold, Andreas Praher: Widerstand, Verfolgung, Befreiung. Zeitgeschichtliche Wanderungen. Verlag Anton Pustet, Salzburg, 2020

Bild: Fluchtweg von Sepp Plieseis aus dem KZ-Außenlager Hallein ins Salzkammergut

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