Molotov an der Donau

Herr Groll auf Reisen. Von Erwin Riess.

Am Tag vor Neujahr saßen Groll und der Dozent mit einer Flasche portugiesischen Weißwein und einem Karamellkuchen an der Buddhistischen Pagode beim Donaukraftwerk Freudenau auf einer Bank und beobachteten den Schiffsverkehr. Herr Groll schwelgte in Erinnerungen an das Donaurestaurant Berger, das sich einst auf der Dammkrone befand. Dort habe bis weit in die Nullerjahre des neuen Jahrhunderts eine brasilianische Köchin schmackhafte brasilianische und portugiesische Gerichte zubereitet. „Die groß gewachsene Frau war wunderschön, sie war die Gattin des Eigentümers, eines Wieners, der mit ihr im Winter in Belo Horizonte und die restliche Zeit in Wien lebte, zumindest bis zur großen Finanzkrise des Jahres 2008. Unter den Süßspeisen, die sie zubereitete, ragte besonders ein portugiesischer Kuchen namens Molotov hervor.“

„Seltsamer Name“, sagte der Dozent. „Hat er etwas mit dem langjährigen sowjetischen Außenminister Molotov zu tun?“

„Keine Ahnung“, sagte Herr Groll und schenkte seinem Freund mit den Worten „Es muss nicht immer Veltliner sein“, vom fruchtigen Vinho Passado von den Azoren ein. „Hier! Kosten Sie! Er war beim Diskonter im Angebot. Ein Wein von den Azoren, der in Wien um einsachtzig verkauft wird! Ein Lob auf den Kapitalismus! Von der Brasilianerin weiß ich nur, daß Molotov eine Eischnee- und Puddingspeise ist, die zum Abschluss eines üppigen Fischessens gereicht wird. Sie gilt auch als eine der Lieblingsspeisen von Diabetikern, die gern mittels Molotov assistierten Suizid begehen. Ich darf das sagen, weil ich auch dieser Elitetruppe angehöre und zu jedem Verbrechen fähig bin, um an Zucker zu kommen. Für ein Blech Molotov, das 8 Portionen ergibt, rechnet man 11 Stück Eiklar, 10 Esslöffel Zucker – man kann je nach Geschmack auch einen Kilo nehmen, ferner ein Viertelkilo selbstgemachtes Karamell, einen halben Kilo Butter und ein paar Orangenzesten, es kann aber auch alles ganz umgekehrt sein, wie gesagt, je nach Geschmack.“

„Das klingt gefährlich – und fantastisch. Aber wieso denken Sie an Selbstmord? Noch dazu einen assistierten? Sie wollen doch immer alles selbst machen?“

„Weil die österreichische Hochjustiz sich seit neuestem gegen behinderte Menschen verschworen hat.“

Das müsse er näher ausführen, sagte der Dozent neugierig.

„Bisher war es so, daß die obersten Gerichtshöfe sich um uns nicht gekümmert haben, und das war gut so. Die 2007 eingeführte Ergänzung im § 7 Bundesverfassungsgesetz, demzufolge behinderte Menschen wie andere Gruppen vor Diskriminierung geschützt seien, war nur eine Schaumschlägerei, Dennoch ließen sich die Behindertenverbände und die Grünen zu Freudenausbrüchen hinreißen. Ich habe damals vergeblich vor der Heuchelei gewarnt. Was die Behindertenfunktionäre nämlich nicht bedachten, war der Umstand, daß ein Verfassungsgrundsatz gesetzlicher Ausführungen durch Bundesgesetze und Verordnungen mit Strafbestimmungen bedarf, um wirksam zu werden und genau die hat man nicht eingerichtet. Der Verfassungszusatz ist ein Muster ohne Wert. Gut fürs internationale Parkett, aber nicht brauchbar für die heimischen Tanzböden. Aber, wie gesagt, das war die gute alte Zeit.

Im Corona-Jahr allerdings haben zwei oberste Gerichtshöfe Gesetze sanktioniert, die nicht nur für uns bedrohlich sind. So hat der Verwaltungsgerichtshof ‚erkannt‘, daß ein vom staatlichen Arbeitsmarktservice verwendeter neuer Algorithmus behinderte Menschen ohne Ansehen von Person und Ausbildung automatisch in jene Gruppe von Arbeitnehmern einreiht, für die es die geringsten Förderungen gibt, wodurch sich die ohnehin skandalös hohe Arbeitslosenrate behinderter Menschen, die um die 45 Prozent liegt, weiter erhöhen wird. Und kurz vor Weihnachten entschied der Verfassungsgerichtshof, der bislang alle Formen von Euthanasie strikt abgelehnt hat, daß assistierter Suizid bei vermeintlich unerträglichem Leid straffrei sei. Die Büchse der Pandora ist damit auch in Österreich geöffnet worden, behinderte Menschen sind fortan einem Dauerdruck zur vorzeitigen Beendigung ihres Lebens ausgesetzt.“

„Und deswegen planen Sie vorsorglich erweiterten Suizid mittels einer Zuckerbombe namens Molotov.“ Der Dozent nahm einen großen Schluck vom Wein.“ Wie ging es mit dem Restaurant weiter?“

„Auf meine seinerzeitige Frage, wie sich die Finanzkrise in Brasilien auswirke, antwortete der Eigentümer: „‚Katastrophal! Sie wissen ja, zu viele Juden!‘ Kurz darauf ging der Laden in Konkurs.“

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