Am Heldenfriedhof

Unfall, Selbstmord oder Mord? Hanns Christian Schiff über den rätselhaften Tod eines Soldaten.

Auf dem Sankt-Barbara-Friedhof in Linz gibt es einen halbwegs abgetrennten Bereich, den sogenannten Heldenfriedhof. Hier befinden sich hauptsächlich Kriegsgräber. Aber nicht nur, was wohl auf Platzmangel zurückzuführen ist.

Im Grab der Familie R. liegen auch die sterblichen Überreste von Helmut R. Er lebte von 1923 bis 1942. Weder bei ihm noch bei den anderen acht Familienmitgliedern sind genauere Lebensdaten in den Stein graviert. Somit fehlen Tag und Monat von Geburt und Tod.

Ein unbefangener Friedhofsbesucher mag sich vielleicht fragen: Ist der 19jährige Helmut ein Kriegsheld? Anders gefragt: Ist er womöglich auch ein Opfer des Krieges? Während die erste Frage eindeutig zu verneinen wäre, könnte man die zweite Frage mit Ja und Nein beantworten; denn der 19jährige starb nicht etwa im Felde, sondern auf dem Gelände einer Kaserne in Wien. Das war im April 1942.

Helmuts Familie musste wenige Jahre zuvor die Stadt Linz verlassen. Aus rassischen Gründen. Man wohnte seither im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Helmuts Familie bestand aus Christen, Jüdinnen, Juden und sogenannten Mischlingen. Helmut war „Mischling“. Etliche seiner Schicksalsgenossen hatten das mehr als zweifelhafte Glück, wehrunwürdig zu sein. Helmut hatte das Pech, zur deutschen Wehrmacht einberufen worden zu sein.

Am 20. April 1942 läutete eine Wehrmachtsstreife Sturm. Ein Leutnant berichtete von einem tragischen Unfall. Helmuts Vater nahmen sie gleich mit, um den Tod des Sohnes zu bestätigen. Im Eiltempo fuhren sie durch das festlich geschmückte Wien in die Meidlinger Kaserne. Auch hier flatterten Fahnen im Wind. Das Haus, in dem Familie R. wohnte, war nicht beflaggt. Das war streng verboten.

Beim Wiener Begräbnis war auch die Wehrmacht zugegen. Ein Hornquartett intonierte die Melodie des Liedes „Ich hatt’ einen Kameraden“. Eines blieb den wenigen Trauergästen erspart: die Reichskriegsflagge, die der Führer höchstpersönlich entworfen hatte. Sie bedeckte nicht Helmuts Sarg, so wie bei vielen im Kampfe gefallenen Soldaten. Nach dem Krieg wurden Helmuts Gebeine nach Linz überführt.

Die exakten Todesumstände blieben bis heute im Nebel. Hatte sich Helmut vom dritten Stock der Kaserne in den Tod gestürzt? Wurde er gar gestoßen? War es Selbstmord oder Mord? Wir wissen es nicht. Helmuts Verwandte vermuten, dass unter den angehenden Soldaten auch einer war, der ebenfalls aus Linz stammte und den anderen verriet, warum Familie R. nach Wien fliehen musste.

Eine Rede folgender Art wäre vorstellbar: „Heute ist Führergeburtstag. Mit dir feiern wir nicht.“ Auch die Wehrmacht konnte das Rätsel um Helmuts Tod nicht lösen, hatte wohl eher das Interesse, den „Unfall“ zu vertuschen. Keiner der Kameraden Helmuts hat sich seither gemeldet. Bedenkt man Helmuts Geburtsjahr, so darf man vermuten, dass die Todesumstände für immer ungeklärt bleiben, wie im Dunkel der Nacht.

Foto: linzwiki.at

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