Ein Kriegsmenü an der oberen Adria

Herr Groll auf Reisen: Groll besucht Ronchis nächst Udine und klärt über die Hintergründe des Marchfeldkanals auf. Von Erwin Riess

Fährt man von der alten Via Giulia Augusta, die Grado mit Udine und den Dolomiten verbindet, in Aquileia ab und nimmt die Regionalstraße nach Ronchi, überquert man nach gut einem Kilometer einen unscheinbaren Kanal. Unmittelbar nach der Brücke befindet sich eine Trattoria mit einem großzügig dimensionierten Parkplatz. Groll und der Dozent waren von hier aus aufgebrochen, um den Kanal zu beobachten, lange waren sie auf der Brücke gestanden, der Dozent mit einem Kunstreiseführer und Groll mit einer Lagunen- und Binnenschiffahrtskarte von Friaul.

Der Kanal, hatte Groll ausgeführt, sei zu römischen Zeiten mit den Wassern des Natissa gespeist worden, der wiederum den Binnenhafen von Aquileia dotierte, eine der größten Hafenanlagen der Antike. Der Dozent hatte ungläubig zugehört, dem Rinnsal vermöge er dessen große Vergangenheit nicht anzusehen, und auch die Lektüre des Aquileia-Kapitels helfe ihm nicht weiter.

Unbeeindruckt war Groll in seinen Erklärungen fortgefahren. Das Hafenbecken sei dreihundert- fünfzig Meter lang und fünfunddreißig Meter breit gewesen. Es könne kein Zufall sein, dass diese Maße exakt den Abmessungen der gegenwärtigen Kreuzfahrtschiffe entsprächen, die auf der berühmten Fincantieri-Werft im nur wenige Kilometer entfernten Monfalcone gefertigt würden. Der Dozent hatte nur den Kopf geschüttelt und gemeint, die Komplexe der Binnenschiffer drückten sich unter anderem darin aus, dass sie andauernd Maße mit der Seeschiffahrt vergleichen müssten. Er fühle sich darin in seiner Meinung bestärkt, dass Binnenschiffer eben doch nur die kleinen Brüder der Seeschifffahrt seien. Unsinn, hatte Groll gerufen und auf den Kanal des Natissa gewiesen. Der Hafen von Aquileia sei ein kombinierter See- und Binnenhafen gewesen, ähnlich den Häfen Lissabons, New Yorks, Hamburgs und Antwerpens. Daraufhin hatte der Dozent eingeworfen, dass im Jahr 453 Aquileia, damals immerhin die bedeutendste Stadt nördlich von Rom mit einigen zehntausend Einwohnern, und ihre Hafenanlagen von Attilas Truppen zerstört worden seien. Der Patriarch von Aquileia sei ins uneinnehmbare Grado geflüchtet und habe diese wunderbare Stadt im Stich gelassen.

Die Stadt sei längst am Ende gewesen, hatte Groll erwidert. Die Hunnen hätten eine Hülle vorgefunden, eine Geisterstadt, die sich längst selber aufgegeben hatte. Der Grund sei, wie nicht anders zu erwarten, in der Vernachlässigung der Schifffahrtswege gele- gen. Einem unbedeutenden Kaiser, der mit Aquileia über die Höhe der Olivenölsteuer im Streit lag, sei es nämlich gelungen, die beiden Flüsse, den Natissa und den Natisone, von Aquileia zum Isonzo umzulenken, worauf die Hafenanlagen und das merkantile Leben in der einst blühenden Stadt buchstäblich austrockneten. Woher Groll das wisse, hatte der Dozent gefragt. Von der Geschichte und den militärischen Hintergründen des Marchfeld-Kanals, hatte Groll geantwortet. Die offizielle Begründung für den Kanalbau – die Erhöhung des Grundwasserspiegels im Marchfeld – sei für jeden Beobachter als plumpe Ablenkung vom wahren Zweck des Kanals zu erkennen, nämlich Wien langfristig von der Donau abzuschneiden und, im Falle des Scheiterns der Verhandlungen zum Finanzausgleich, auszutrocknen. Wenn die Wiener einst mit Töpfen und Kannen zum Marchfeldkanal pilgern, der dann die zehnfache Dimension des gegenwärtigen haben werde, schlage die Stunde der niederösterreichischen Landesfürsten. Diese werde Wien austrocknen und zu einer Bezirksstadt Niederösterreichs degradieren. Gut möglich, dass sie oder er sich danach im Stiftsheu- rigen Klosterneuburg zum Kaiser krönen lasse.

Dann saßen die beiden im Schatten des weithin sichtbaren Turms neben der Basilika und tranken Kaffee. Der Dozent hatte sich so in Rage geredet, dass er zwei Cam- pari zur Beruhigung nötig hatte. Groll fand mit einer Flasche Merlot aus den Hügeln des Collio das Auslangen.

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